In Deutschland leiden über 12 Millionen Menschen am Reizdarmsyndrom, wie die Techniker Krankenkasse 2020 berichtete. Die Betroffenen haben regelmäßig mit chronischen Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall zu kämpfen – ihre Lebensqualität wird durch die Krankheit häufig stark beeinträchtigt.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Nun haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Gut“, einen möglichen Auslöser für das sogenannte IBS-D (Reizdarmsyndrom mit Durchfall) entdeckt. Diese Erkenntnis könnte wegweisend für zukünftige Behandlungsmöglichkeiten sein.

Lesen Sie auch

Durchbruch: Hormon könnte Schlüssel zum Reizdarmsyndrom sein

Ein Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Chris Bannon von der Universität Cambridge in Großbritannien führte eine Untersuchung mit 108 Teilnehmern durch, darunter sowohl Personen mit IBS-D und verwandten Erkrankungen als auch gesunde Kontrollpersonen. Die Ergebnisse offenbarten eine entscheidende Erkenntnis: Das Insulin-ähnliche Hormon Peptid 5 (INSL5) wird dann freigesetzt, wenn Gallensäuren, die eine zentrale Rolle bei der Verdauung spielen, weiter hinten im Verdauungstrakt, nämlich im Dickdarm, auftreten, anstatt früher im Verdauungsprozess gebunden zu werden.

Das Reizdarmsyndrom verursacht unter anderem Bauchschmerzen und beeinträchtigt den Alltag der Betroffenen erheblich.
Das Reizdarmsyndrom verursacht unter anderem Bauchschmerzen und beeinträchtigt den Alltag der Betroffenen erheblich.© polkadot - stock.adobe.com | polkadot

Eine übermäßige Produktion von INSL5 kann zu durchfallähnlichen Symptomen führen. Laut den Forschern könnte dies in bis zu zwei von fünf Fällen von IBS-D eine zentrale Rolle spielen. Diese Erkenntnis könnte auch erklären, warum viele der bisherigen Medikamente und Behandlungsansätze gegen IBS-D häufig nicht die gewünschte Wirkung zeigen, so das Forschungsteam.

Ähnliche Symptome bei Darmerkrankungen erschweren genaue Diagnosen

„Wenn Sie mit chronischem Durchfall zum Arzt gehen, wird dieser wahrscheinlich auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten testen, eine Infektion ausschließen oder nach Anzeichen einer Entzündung suchen“, heißt es in einer Erklärung. „Es wird immer deutlicher, dass Darmhormone eine wichtige Rolle bei Dingen wie der Darmgesundheit und der Gewichtskontrolle spielen“, sagt Chris Bannon, Endokrinologe an der Universität Cambridge.

An der Studie nahmen sowohl Personen mit IBS-D als auch mit Gallensäurenverlustsyndrom (BAD) teil. Den Forschern gelang es, Unterschiede zwischen den beiden Erkrankungen und deren spezifischen Auslösern herauszuarbeiten. Bisher wird BAD aufgrund ähnlicher Symptome häufig fälschlicherweise als Reizdarmsyndrom diagnostiziert. Die Wissenschaftler hoffen, dass ihre Erkenntnisse künftig zu einer klareren Unterscheidung der beiden Erkrankungen führen und es ermöglichen, die Behandlungen gezielter abzustimmen.

Lesen Sie auch

Darmhormon INSL5: Schutzfunktion mit Schattenseiten

Doch was steckt wirklich hinter INSL5? Laut dem Forschungsteam wird dieses Hormon auf natürliche Weise vom Körper produziert. Obwohl es Durchfälle auslösen kann, erfüllt es zugleich eine schützende Funktion: Es unterstützt den Körper dabei, Gallensäuren, die irrtümlich im Dickdarm gelandet sind, auszuspülen. „Es ist sinnvoll, etwas zu haben, das Giftstoffe erkennt und dem Körper hilft, sie loszuwerden“, betont Bannon. Es sei jedoch problematisch, wenn die Gallensäure ständig zu Durchfall und anderen belastenden Symptomen führt.

Frühere Studien an Mausmodellen hatten bereits gezeigt, dass INSL5 Durchfall auslösen kann. Jetzt ist es den Forschern jedoch erstmals gelungen, dieselben Mechanismen auch beim Menschen nachzuweisen – und das in Verbindung mit zwei bekannten Erkrankungen. Künftige Untersuchungen sollen sich nun auf mögliche Behandlungsansätze konzentrieren, die direkt auf INSL5 abzielen. Dabei könnten Medikamente gegen Übelkeit, sogenannte INSL5-Blocker, eine entscheidende Rolle spielen. Zudem wäre ein spezieller Bluttest denkbar, der die Diagnose von Gallensäuredurchfall erleichtert, so die Forscher.