Gesichter drücken aus, ob eine Person traurig, wütend oder glücklich ist. Aber zeigen sie auch, ob sich dahinter ein Narzisst verbirgt? Ein Forschungsteam der Universität von Toronto in Kanada ging dieser Frage nach und stieß auf ein erstaunliches optisches Indiz für narzisstische Tendenzen. Auch andere Untersuchungen scheinen das zu bestätigen. Doch die Forschenden warnen vor vorschnellen Urteilen.

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Menschen haben eine intuitive Fähigkeit, die Persönlichkeitsmerkmale anderer zu erfassen. Die Forschung spricht dabei von einer sozialen Wahrnehmung. Doch woran machen wir unsere Einschätzung eines Menschen fest? Das untersuchten die Psychologen Miranda Giacomin und Nicholas Rule in einer Studie.

Gesicht und Persönlichkeit: Wie verlässlich sind unsere ersten Eindrücke?

Die Ergebnisse veröffentlichten sie bereits 2018 im Fachjournal „Journal of Personality“. 2020 erhielten die Forschenden dafür sogar den Ig-Nobelpreis. Den sogenannten Anti-Nobelpreis erhalten wissenschaftliche Leistungen, die Menschen zunächst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen.

Tatsächlich sind die Studienergebnisse von Giacomin und Rule vor dem teilweise inflationären Gebrauch der Bezeichnung „narzisstisch“ auch heute noch relevant. Denn auch die Studienautoren warnen vor vorschnellen Urteilen: Bei der Untersuchung gehe es darum, zu verstehen, wie stark visuelle Merkmale unbewusst unsere Urteile beeinflussen.

Woran erkennt man Narzissmus im Gesicht? Forscher haben Vermutung

Für ihre Studie wählten die Forschende 39 männliche und weibliche Studierende mit verschiedenen Hautfarben und Haartypen aus, der Altersdurchschnitt betrug 21 Jahre. Jeder Teilnehmende wurde mit neutralem Gesichtsausdruck fotografiert und im Anschluss einem psychologischen Test unterzogen, dem „Narcissistic Personality Inventory“ (NPI).

Der Test erfragt die persönliche Einstellung zu Kontrolle und Manipulation, die Ergebnisse vermitteln ein persönliches Narzissmus-Profil. Anschließend glichen Giacomin und Rule die Daten mit den Einschätzungen freiwilliger Beobachter ab, die die Porträts ohne zusätzliche Informationen bewerten sollten.

Der erste Eindruck zählt: Psychologen aus Kanada untersuchten, ob Betrachter Narzissmus am Gesicht anderer Menschen erkennen.
Der erste Eindruck zählt: Psychologen aus Kanada untersuchten, ob Betrachter Narzissmus am Gesicht anderer Menschen erkennen.© Unbekannt | Shutterstock

Auf einer Skala von 1 bis 8 gaben sie an, wie narzisstisch die abgebildeten Personen auf sie wirkten. Eine zweite Gruppe betrachtete die selben Bilder kopfüber. In beiden Fällen zeigte sich: Die Testpersonen richteten ihren Blick fast immer auf die Augenpartie und basierten darauf offenbar ihre Einschätzung. Diese stimmte auffällig oft mit den Ergebnissen des NPI-Tests überein.

Gesicht als Hinweis auf Narzissmus? Studie mahnt zur Vorsicht

Um die visuelle Ursache dieses Zusammenhangs zu isolieren, bearbeiteten Giacomin und Rule die Porträts digital und verdeckten entweder die Augenpartie oder die Augenbrauen. Anschließend gaben sie die Bilder erneut zur Bewertung frei. Das überraschende Ergebnis: Sobald die Augenbrauen fehlten, brach die Trefferquote dramatisch ein.

„Wir führten im Wesentlichen eine lange Reihe von Experimenten durch, bei denen wir die Gesichtszüge immer weiter eingrenzten, bis wir die Augenbrauen als primären Hinweis für den Narzissmus der Menschen isolierten“, erklärte Miranda Giacomin im Gespräch mit „Business Insider“.

So assoziierten die Testpersonen dichte, ausgeprägte, symmetrisch gepflegte oder besonders auffällige Augenbrauen öfter mit Narzissmus. Und: Diese Einschätzungen stimmten überdurchschnittlich oft mit dem tatsächlichen Narzissmuswert der abgebildeten Personen überein. Dennoch warnen die Forschenden: „Die Beziehung zwischen narzisstischen Wesenszügen und Augenbrauen muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass Personen mit markanten Augenbrauen tatsächlich narzisstisch veranlagt sind.“

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Dunkle Triade: Weitere Studien zeigen ähnliche Effekte

Allerdings zeigen auch andere Studien, dass optische Merkmale Hinweise auf Persönlichkeitsstörungen geben könnten. Forscher der türkischen Universitäten Yaşar, Başkent und Kadir Has führten drei groß angelegte Studien mit insgesamt 880 Teilnehmenden durch, die Ergebnisse veröffentlichten sie 2020.

Die Studien zeigten, dass Menschen Persönlichkeitsmerkmale der sogenannten „dunklen Triade“ aus Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie anhand der Gesichtsmerkmale einer Person einschätzen können. Die Wissenschaftler vermuten in dieser Fähigkeit einen evolutionären Vorteil: Wer früh erkennt, ob jemand gefährlich sein könnte, hat bessere Überlebenschancen.