- Aus dem Urlaub bringen sich manche günstige Medikamente mit
- Doch andere Qualitätsstandards und Fälschungen können ein Risiko sein
- Eine Apothekerin sagt, warum Urlauber genau hinsehen sollten
Der Urlaub steht vor der Tür: Für viele Deutsche bedeutet das nicht nur freie Zeit, sondern auch eine Reise ins Ausland. Und dort locken neben Erholung auch günstige Schnäppchen, sei es für Kleidung, Essen oder Mitbringsel. Das Problem: Viele Deutsche nutzen den Aufenthalt im Ausland allerdings auch dazu, um sich mit Medikamenten einzudecken, die vor Ort oft deutlich günstiger sind als hierzulande.
Doch genau das kann schnell zum Problem werden, da die Medikamente oft andere Wirkstoffe beinhalten als in Deutschland. In ihrer Kolumne „Der gute Rat der Apothekerin“ erklärt Dr. Ina Lucas, warum der Medikamentenkauf im Ausland nicht immer eine gute Idee ist und worauf man im Notfall achten sollte.
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Medikament einfach im Ausland kaufen? „Kann ich nicht so stehen lassen“
Dr. Ina Lucas: „Kurz vor der Urlaubszeit berate ich viele Patientinnen und Patienten zur Reiseapotheke. In einem solchen Gespräch hat mir kürzlich eine Patientin anvertraut, dass sie in Thailand einen Jahresvorrat der Antibabypille kaufen will. Sie bat mich um Verständnis dafür, aber der Preisvorteil sei zu verlockend. Ich dankte ihr für das Vertrauen – aber das konnte und wollte ich so nicht stehen lassen.
Unsere Expertin
Dr. Ina Lucas ist 42 Jahre alt. Sie ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie Pharmazie an der Freien Universität Berlin. Im Anschluss promovierte Dr. Lucas in einer Kooperation zwischen der FU und dem Robert-Koch-Institut zum Thema Resveratrol und dessen Wirkung. Heute betreibt sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Maria Zoschke vier Apotheken in Berlin mit rund 80 Angestellten. Dr. Lucas ist Kammerpräsidentin der Apothekerkammer Berlin sowie Vizepräsidentin der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V..
Warum kommen also manche meiner Patienten auf den Gedanken, Arzneimittel im Ausland kaufen zu wollen, um Geld zu sparen? Schließlich bezahlen die Krankenkassen für ihre Versicherten doch die allermeisten verschreibungspflichtigen Medikamente.
Arznei günstig besorgen? Apothekerin sieht drei Probleme
Es gibt allerdings einige Ausnahmen, darunter fallen unter anderem die Antibabypille und sogenannte Lifestyle-Medikamente, etwa gegen Erektionsstörungen. Klar ist aber, dass bei Arzneimittelkäufen im Ausland oftmals auch andere Qualitätsstandards gelten. Bei thailändischen Kontrazeptiva könnte beispielsweise der Beipackzettel fehlen. Sicherlich ist er in Thai verfasst.
In einigen Ländern besteht zudem die Gefahr, auf eine Fälschung hereinzufallen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor Arzneimittelfälschungen in allen Regionen der Welt. In meiner Apotheke hingegen – und das gilt für Apotheken in den meisten europäischen Ländern – gibt es das sogenannte securPharm-System. Es sichert jede einzelne Packung auf ihrem Weg vom pharmazeutischen Hersteller bis zur Abgabe in der Apotheke ab. Fälschungen sind damit praktisch ausgeschlossen.
Spannende Artikel aus der Serie „Der gute Rat der Apothekerin“
Da in vielen Regionen dieser Welt ein Fälschungsschutz-System fehlt, sind Plagiate häufiger als bei uns. Jeder kennt die fliegenden Händler mit „echten“ Markenhandtaschen. Bei einer gefälschten Handtasche weiß man schon beim Kauf, dass sie gefälscht ist. Bei Medikamenten hingegen kann selbst ich als Apothekerin meistens nicht erkennen, ob der angegebene Wirkstoff in der richtigen Dosierung oder überhaupt enthalten ist. Ich bin überzeugt: Niemand würde absichtlich gefälschte Tabletten einnehmen. Mit diesen Argumenten konnte ich meine Patientin überzeugen, sich keine Antibabypille in Thailand zu kaufen.
Der Vollständigkeit halber noch ein weiterer Aspekt: Wer gefälschte Markenartikel oder Arzneimittel in Mengen jenseits des persönlichen Bedarfs nach Deutschland einführt und dabei vom Zoll erwischt wird, zahlt empfindliche Strafen.
Apothekerin: „Gefahr vor Arzneimissbrauch wächst durch günstige Preise“
Mein Rat: Wenn im Urlaub gegen eine akut aufgetretene Krankheit Medikamente gebraucht werden, dann unbedingt in einer landestypischen Apotheke kaufen – und nicht irgendwo in einem Kiosk. Sicherer wäre allerdings, wenn man eine gut zusammengestellte Reiseapotheke aus Deutschland auf die Reise mitnimmt.
Neben der Gefahr der Fälschungen spricht noch etwas gegen den Arzneimittelkauf im Urlaub. ‚In den USA sind im Supermarkt Schmerzmittel in großen Gläsern viel billiger‘, höre ich ab und zu von Reisenden. In vielen Ländern gibt es keine Apothekenpflicht. Arzneimittel dürfen dort – auch in größeren Mengen – außerhalb von Apotheken ohne Beratung verkauft werden. Aber aufgepasst! Eine Packung mit 1000 Tabletten verführt dazu, Schmerzmittel wie Bonbons zu nehmen. Da hört für mich der Spaß auf!
Arzneimittel sind ein besonderes Gut mit Risiken und Nebenwirkungen. Wenn vermeintlich harmlose Schmerzmittel zu oft eingenommen werden, können sie der Gesundheit schaden und selbst zum Beispiel Kopfschmerzen verursachen. Zur verantwortungsvollen Selbstmedikation berate ich täglich, egal ob im Alltag oder im Urlaub. Das ist mein Angebot an meine Patientinnen und Patienten, dafür stehe ich als Apothekerin.“
Dieser Artikel erschien zuerst im Juli 2025.