An meinen ersten Ingwershot erinnere ich mich noch genau: Es war nach einem späten Abendessen in einem Restaurant in Berlin-Mitte, als uns der Kellner einen „gesunden Ginger-Shot“ empfahl. Die gelbliche Flüssigkeit, die er uns in einem doppelten Schnapsglas servierte, sah unscheinbar aus. Doch schon mit dem ersten Schlückchen fuhr mir die Schärfe, die an Hochprozentiges erinnerte, direkt in die Kehle. „Brennt ordentlich, wa? Hat aber keine Umdrehungen“, erklärte der Kellner, nachdem wir die Gläser tapfer geleert hatten.

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Dieser Abend liegt nun mehr als ein Jahrzehnt zurück. Inzwischen sind Ingwershots kein kurioser Gastro-Exkurs mehr, sondern ein beliebtes Alltagsprodukt. Man findet sie überall: In Bioläden und Drogerien wie dm oder Rossmann, aber auch in den meisten Supermärkten und Discountern gehören sie mittlerweile zum Standardangebot. Getrunken dienen die kleinen Fläschchen aber nicht nur dem Genuss – sie sollen das Immunsystem stärken und gelten als natürliches Wundermittel gegen eine drohende Erkältung. Doch stimmt das auch? Dr. Matthias Riedl, Ernährungsmediziner und ärztlicher Leiter des Medicum Hamburg, weiß, welche Shots tatsächlich eine Wirkung haben und worauf man beim Kauf achten sollte.
Erkältung: Diesen Effekt hat Ingwer auf die Gesundheit
Dass Ingwer tatsächlich einen Effekt auf unsere Gesundheit hat, zeigt eine neue Studie der Technischen Universität München. Die Forschenden fanden heraus, dass die Knolle die Immunzellen stimuliert. Bereits kleine Mengen des Scharfstoffes Gingerol, dem Hauptwirkstoff des Ingwers, führten dazu, dass weiße Blutkörperchen in eine erhöhte Alarmbereitschaft versetzt wurden.
In Versuchen ließ sich nach dem Trinken von etwa einem Liter Ingwertee innerhalb von 30 bis 60 Minuten eine messbare Konzentration der Scharfstoffe der Knolle im Blut nachweisen. „Andere Laborstudien haben auch schon früher eine antivirale, antioxidative und entzündungshemmende Wirkung von Ingwer festgestellt“, erklärt Riedl.
Heißt das also, dass an den vollmundigen Werbeslogans wie „Immunkraft für deinen Tag“ oder „Unterstütze dein Immunsystem“ tatsächlich etwas dran ist? Ganz so einfach ist es leider nicht. Denn die Forschungsergebnisse lassen sich nicht einfach auf Ingwershots übertragen, sagt Riedl.

Experte über Ingwer bei Erkältung: „wirkt entzündungshemmend“
„Die immunstimulierenden Eigenschaften von Ingwer sind plausibel, aber nicht abschließend bewiesen. Es fehlen noch großangelegte klinische Studien am Menschen, um hier wirklich eine Aussage treffen zu können.“ Zudem wurden bislang auch nur die Wirkungen von Ingwertee oder von frischem Ingwer untersucht und nicht die Wirkung von Ingwershots.
Auch wenn der wissenschaftliche Beleg für eine präventive Wirkung von Ingwershots bislang noch fehlt, schwören viele Menschen auf sie. Grundsätzlich sei es auch nicht verkehrt, zu den scharfen Shots zu greifen, erklärt Riedl: „Die Scharfstoffe fördern die Durchblutung der Schleimhäute und wirken entzündungshemmend. Das kann vor allem in der kalten Jahreszeit vorteilhaft sein.“
Zwar sei der vorbeugende Effekt gegen Erkältungen nicht eindeutig belegt – der psychologische Effekt eines Rituals, wie beispielsweise ein morgendlicher Ingwershot, könnte dennoch eine Rolle spielen. „Solche Rituale, signalisieren dem Körper: ‚Ich tue etwas für mich.‘ Das stärkt das Gesundheitsbewusstsein.“ Ein Placeboeffekt ist also nicht ausgeschlossen, aber keineswegs wertlos.
Allerdings sollte man genau darauf achten, zu welchen Shots man greift. Denn Ingwershots aus dem Handel enthalten oftmals nur sehr wenig Ingwer. Wie eine aktuelle Stichprobe der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz zeigt, bestehen viele Shots zu mehr als 70 Prozent aus Apfel- oder Orangensaft. Der Anteil an Ingwer lag bei maximal 18 Prozent.
Einige Testprodukte wurden zudem mit Agavendicksaft gesüßt. „Man kauft sich damit also einen sehr teuren Fruchtsaft mit einer zum Teil erheblichen Menge Zucker“, so der Ernährungsexperte. Sein Urteil lautet klar: „Ich würde diese Produkte nicht kaufen.“

Experte empfiehlt: So kreiert man den perfekten Ingwershot zu Hause
Sinnvoller sei es, sich zu Hause einen Ingwershot selbst herzustellen:
- Dafür einfach 100 Gramm Ingwer (optional auch zusätzlich frischen Kurkuma) mit 400 Millilitern heißem (nicht kochendem) Wasser pürieren.
- Gut 15 Minuten ziehen lassen, dann durch ein Teesieb in ein Glas füllen.
- Um den Shot etwas fruchtiger zu machen, etwas Zitronen- oder Orangensaft hinzufügen.
- In einem Glas mit Deckel hält sich der Shot rund vier Tage im Kühlschrank.
Ein so zubereiteter Shot ist nicht nur günstiger als die teuren Shots aus dem Supermarkt. Er enthält deutlich mehr Scharfstoffe und gesundheitsförderliche ätherische Öle sowie weniger Zucker. „Ingwershots aus dem Einzelhandel werden zur Haltbarmachung auch häufig erhitzt“, fügt Riedl hinzu. Das kann zusätzlich den Gehalt an ätherischen Ölen und Scharfstoffen reduzieren.
Ingwershots gegen Erkältung: Wer aufpassen sollte
Personen mit empfindlichem Magen sollten mit Ingwershots jedoch generell vorsichtig sein. Hochkonzentrierter Ingwersaft kann bei ihnen zu Magenreizungen, Sodbrennen oder Übelkeit führen, insbesondere auf nüchternem Magen. Besser verträglich ist frisch aufgebrühter Ingwertee:
- Dafür einfach 100 Gramm frischen gehackten Ingwer nehmen und
- in einem Liter Wasser für rund 15 Minuten köcheln lassen.
- So lösen sich noch deutlich mehr Scharfstoffe aus der Knolle als beim bloßen Überbrühen mit Wasser.
Vorsicht gilt auch bei der Einnahme von Gerinnungshemmern oder vor Operationen, da Ingwer auch blutverdünnende Eigenschaften besitzt.
Ingwershots sind kein Zaubertrank, aber auch mehr als nur ein Marketingversprechen – vorausgesetzt, sie enthalten tatsächlich eine nennenswerte Menge Ingwer. Wer sie gerne trinkt, sollte sie am besten frisch zubereiten. Ein solcher Shot ersetzt zwar keine ausgewogene Ernährung, keinen Spaziergang an der frischen Luft und keinen gesunden Lebensstil. Aber manchmal ist er ein Anfang.
Dieser Artikel erschien erstmals im März 2025.





