Seegräser sehen auf den ersten Blick unspektakulär aus – und werden oft fälschlicherweise für Algen gehalten. Doch hinter diesen Meerespflanzen verbergen sich ehemalige Blütenpflanzen, die sich an das Leben unter Wasser angepasst haben. Ihre Bedeutung ist weitaus größer, als viele vermuten. Sie bieten Lebensraum für zahlreiche Meerestiere, produzieren große Mengen Sauerstoff und filtern Schadstoffe aus dem Wasser.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Nun haben Forschende des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel eine weitere überraschende Eigenschaft der Meerespflanze entdeckt: Mikroben, die auf den Seegräsern leben, könnten die Ausbreitung resistenter Krankheitserreger im Wasser deutlich verringern.

Forscher untersuchen antibakterielle Wirkung von Seegras

Um diese antibakterielle Wirkung genauer zu untersuchen, analysierte das Team um Deniz Tasdemir das in der Ostsee verbreitete Seegras „Zostera marina“. Dabei konzentrierten sie sich auf die mikrobiellen Gemeinschaften, die die Pflanzen besiedeln. Der Grund: Viele bekannte Antibiotika basieren auf chemischen Substanzen, die von Mikroorganismen wie Bakterien oder Pilzen produziert werden. Das Team wollte daher herausfinden, ob die Mikroben des Seegrases eine ähnliche antimikrobielle Wirkung entfalten und welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen.

Seegras-Mikroben: Hoffnungsträger für neue Antibiotika

Dazu nahmen sie Proben von den Blättern und Wurzeln des Seegrases. Dabei identifizierten sie 88 verschiedene Bakterien- und Pilzarten. Die gewonnenen Extrakte testeten sie auf ihre Wirksamkeit gegen gefährliche Krankheitserreger – darunter Fäkalbakterien, Cholera-Erreger und den multiresistenten Krankenhauskeim MRSA.

Das Ergebnis war beeindruckend: Vor allem die Mikroben auf der Blattoberfläche des Seegrases zeigten eine außergewöhnlich starke antibakterielle Wirkung. Sie töteten nicht nur Fäkalbakterien und Vibrio-Erreger effektiv ab, sondern waren auch gegen resistente MRSA-Stämme wirksam. Einige Bakterienarten hemmten die Erreger sogar deutlich besser als gängige Antibiotika wie Ampicillin, berichtet das Team um Deniz Tasdemir.

Lesen Sie auch: Mund-Bakterien als Demenz-Auslöser? Suche nach Impfstoff läuft

Neue Impulse für die Forschung: Unbekannte Wirkstoffe aus Seegras-Mikroben

Seegras-Mikroben könnten nach Ansicht von Forschern den Schlüssel zu einer völlig neuen Generation antibakterieller Wirkstoffe liefern. „Trotz intensiver computergestützter und manueller Analysen konnten wir bisher nur wenige Verbindungen identifizieren“, erklärt das Team um Deniz Tasdemir vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Extrakte neuartige, bisher unerforschte Chemikalien enthalten.

Im nächsten Schritt arbeiten die Forscherinnen und Forscher daran, diese Moleküle zu isolieren und ihre chemische Struktur zu entschlüsseln. Ziel ist es, das Potenzial der Verbindungen als Wirkstoffe für neue Antibiotika abzuschätzen.

Das Team ist überzeugt, dass diese Erkenntnisse erst der Anfang sind. „Für uns ist das nur die Spitze des Eisbergs“, betont Tasdemir. Gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam untersuchen sie weitere chemische und mikrobiologische Mechanismen. Ziel ist es, die hygienische Wirkung von Seegras sowohl im Labor als auch in seiner natürlichen Umgebung im Meer besser zu verstehen.

Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert

Der Klimawandel und die Erwärmung der Meere haben in den letzten Jahren zu einer deutlichen Zunahme von krankheitserregenden Keimen im Wasser geführt, so das Forscherteam um Deniz Tasdemir. Vor allem in der Ostsee sei im Sommer eine zunehmende Belastung mit gefährlichen Krankheitserregern zu beobachten.

Intakte Seegraswiesen könnten hier als natürliche Filter eine entscheidende Rolle spielen. Grund genug für die Forschenden, mit Nachdruck auf den Schutz dieser wertvollen Ökosysteme zu drängen.