Was ist eigentlich aus der DSU und ihrem Vorsitzenden Hans-Wilhelm Ebeling geworden?

Auf die Frage hat er gewartet. Wieder und wieder ist sie ihm gestellt worden. "Ich habe die Kirche weder abgeschlossen noch abschließen lassen", sagt Pfarrer Ebeling. Seit hundert Jahren werde die Thomaskirche in Leipzig um 18 Uhr geschlossen. In einem ZDF-Interview habe sein Küster mal von Demonstranten erzählt, die im September 1989 vor prügelnden Volkspolizisten geflohen seien und vergeblich Zuflucht gesucht hätten. "Wenn mein Kirchner dergleichen gesehen hat, frage ich mich, warum er nichts getan hat. Der Mann hatte den Schlüssel!" Nein, er habe sich nichts vorzuwerfen. Seine Stasi-Akten seien für jeden einsehbar.

Pfarrer Ebeling spricht mit ruhiger Stimme. Wie zum Gebet hat er die Hände verschränkt, jeder seiner Sätze ist wohlüberlegt. Als Seelsorger ist er es nicht gewohnt, über sich selbst zu reden. Dabei sieht der Mann noch immer aus wie vor fünfzehn Jahren: der weiße Haarkranz, der melancholische Blick, und dann trägt er auch noch einen Zweireiher.

Kein anderer ostdeutscher Politiker sah sich im Frühjahr 1990 einer solchen Häme ausgesetzt wie Hans-Wilhelm Ebeling. Seine Partei, die Deutsche Soziale Union, gab ein chaotisches Bild ab. Kaum gewählt, wollte sie die erste frei gewählte Volkskammer gar nicht schnell genug auflösen; die Lösung aller Probleme hieß Deutschland. Noch im Wahlkampf war skandiert worden: "Einheit im Nu - mit der DSU!" Dann wurde deren Vorsitzender in der von der Ost-CDU geführten Regierung Entwicklungshilfeminister. Jedermann hoffte auf Hilfe aus dem Westen; der Pastor aus Leipzig aber schickte sich an, ein Ministerium aufzubauen, das Geld in die Dritte Welt schaffen sollte - für ihn ein Gebot der Nächstenliebe. Dem "Proletarischen Internationalismus" aus SED-Zeiten wollte er eine moderne Entwicklungshilfe entgegenstellen, nach dem Vorbild der Bundesrepublik. 3500 alte DDR-Projekte mußten überprüft werden. Darunter bizarre Unternehmungen wie der Aufbau eines Geheimdienstes in Zentralafrika ("Die Sache haben wir sofort gestoppt!"), aber auch gute Projekte wie etwa ein Krankenhaus in Nicaragua.

"Diese ganze Liebedienerei im Politikbetrieb war für mich doch sehr erstaunlich", resümiert Ebeling dann das eine Jahr Macht und Ohnmacht in seinem Leben, die Zeit der Kränkungen. Politik solle doch mehr auf Partnerschaft bedacht sein. Was im übrigen auch ein Problem von Angela Merkel sei. Die Art und Weise, wie sie sich in der eigenen Partei durchgesetzt habe, hätte ihrem Ansehen sehr geschadet. Dem politischen Versagen wäre das menschliche vorausgegangen. "Merkel verträgt keine Kritik", sagt der Minister a. D. über die einstige stellvertretene DDR-Regierungssprecherin. "Blüm, Schäuble und Merz, das sind alles ausgewiesene Fachleute. Die kann man nicht so einfach abservieren!" Bei den Wählern sei dadurch der Eindruck entstanden, die CDU wäre eine kalte Partei, die sich nur noch in der Zahl der Mandate von der FDP unterscheidet.

Ob Pfarrer Ebeling sich nun von der Politik verabschiedet hat oder umgekehrt, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist er seit 1993 im Ruhestand. "Ich habe aber viel zu tun." In Gundorf, das zu Leipzig gehört, hat er einen Predigtauftrag. Und dann gibt es da auch noch die Familie, die Söhne und Enkel. Keine Zeit also für Verbitterung.

Der 71jährige lebt heute zurückgezogen mit seiner Frau am Leipziger Stadtrand. Nicht gerade eine Villa, dafür aber Erstbezug und Eigentum. Ein winziger Garten gehört dazu mit Springbrunnen und Sonnenblumen. Das Wohnzimmer ist hell und geräumig, allerdings fehlen die Bücherregale - merkwürdig für jemanden, der seit 1961 diplomierter Theologe ist. "Die Bibliothek ist im Souterrain, im Arbeitszimmer." Dort schreibt er an einem Buch, daß er mit alten Freunden herausgeben will. Eine Art Monographie zur kirchlichen Opposition in der DDR der 50er Jahre. Tausende verbotener Bücher habe man damals ins Land geschmuggelt. Doch irgendwann, so erzählt Pfarrer Ebeling, sei das MfS ihnen auf die Spur gekommen. Für einen Moment deutet Ebeling einen Vergleich mit der NS-Zeit an. Sicher, er hat verglichen, nicht gleichgesetzt. Ein Nachgeschmack aber bleibt.

Geschichte ist geschehen. Und manchmal ist es nicht so wichtig, was geschehen ist, sondern woran man sich erinnert. Pfarrer Ebeling lehnt zum Beispiel immer noch die Friedensgebete ab, wie sie in den 80er Jahren in der benachbarten Nikolaikirche des Pfarrers Christian Führer organisiert wurden. "Natürlich bin ich als Christ für den Frieden!" Damals aber, das wären unhaltbare Zustände gewesen. Die Ausreisewilligen hätten mit Zwischenrufen und Transparenten die Kirche für ihre Zwecke mißbraucht. Gerade diese Menschen aber waren es, die mit ihrer radikalen Abkehr vom SED-Staat bei vielen Dagebliebenen einen Erkenntnisschub bewirkten, daß es so nicht mehr weiter ging. Erst die Vernetzung von Oppositionellen und Ausreisewilligen ließ die Nikolaikirche zum Ausgangspunkt für die friedliche Revolution im Herbst 1989 werden. Das in einem Land, in dem das Austauschverhältnis von politischer Anpassung und wirtschaftlicher Versorgung über Jahrzehnte beinahe reibungslos funktioniert hatte, wo jeder öffentliche Protest zuerst einmal dazu führte, sich selbst zu schädigen.

Geprägt habe ihn der 17. Juni: Ein Bruder kam für zehn Jahre ins Gefängnis. Ebeling war damals Schlosserlehrling im Reichsbahnausbesserungswerk Cottbus. "Das ganze Werk war von russischen Panzern umstellt. In der Innenstadt wurde ein Demonstrant erschossen." Wenn gegen den selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaat sogar die Arbeiter und Bauern nichts ausrichten konnten, wer dann? Aber alles hat seine Zeit . . .

Als am 6. Oktober 1989 die "Leipziger Volkszeitung" den Kommandeur einer Kampfgruppeneinheit zitiert, daß er den Sozialismus notfalls "mit der Waffe in der Hand" verteidigen werde, eilt Ebeling in dessen Betrieb und läßt dem Hitzkopf ausrichten, er möge um Gottes Willen die Waffen zu Hause lassen.

Am Montag darauf, vor der Massendemonstration um den Leipziger Ring, ist auch die Thomaskirche zum Gottesdienst geöffnet. Im Kirchenschiff hat Pfarrer Ebeling eine Rot-Kreuz-Stelle einrichten lassen.

In jenen Monaten überschlugen sich die Ereignisse. Hatte die Protestwelle im Herbst 1989 zuerst jene Gruppen an die Spitze geschoben, die einen reformierten Sozialismus wollten ("Wir sind das Volk!"), waren es zur Jahreswende bereits solche, die die schnelle Einheit forderten. Der Bürgerbewegung folgte die bürgerliche Bewegung namens DSU. "Wir sind ein Volk!" hieß es fortan. Wie viele Mitglieder seine Partei hatte, kann Ebeling nur schätzen. "Am Anfang vielleicht 30 000." In der DSU habe es eine Art "konservative Gegen-Elite" gegeben, eine Gruppe, die den Umbruch gestalten wollte, dabei jedoch nicht an eine Erneuerung der alten Block-CDU glaubte. Eine stürmische Zeit war das. "Jeder Tag ein kleines Wunder", erinnert er sich, seine Augen leuchten auf. "Ohne uns hätte Helmut Kohl keine Plattform gehabt." Schließlich mußte den Kanzler doch jemand einladen, zu den Kundgebungen. Der Runde Tisch hatte sich mehrheitlich gegen jede Einmischung aus dem Westen ausgesprochen. Der Demokratische Aufbruch war völlig zerstritten. Und die Ost-CDU? "Die war ja sogar noch in der Modrow-Regierung."

Pfarrer Ebeling überlegt einen Moment, lehnt sich zurück. Nein, auf dem Sofa möchte er nicht fotografiert werden. So bequem sitzend, das sähe nicht gut aus. Dann sagt er, daß die Leute Helmut Kohl direkt wählen wollten, in der Hoffnung, "daß dort wo CDU draufsteht, eines Tages auch CDU drin ist." - Demokratie als Meinungsbildung nicht nur von unten nach oben, auch von Westen nach Osten.

In der Öffentlichkeit galt die DSU immer als ein CSU-Pendant, wenn nicht gar als deren Ableger. Tatsächlich durchlebten die Christsozialen in dieser Zeit eine schwere Krise. Mit den Republikanern drohte der bayerischen Parteienlandschaft eine Zersplitterung am rechten Rand, mit allen Konsequenzen für die absolute CSU-Mehrheit. Zur Europawahl 1989 hatte die Partei von Franz Schönhuber in Bayern 14,6 Prozent erreicht. Gleichzeitig stand zu befürchten, daß die CSU mit der Erweiterung des Wahlgebietes an bundespolitischem Gewicht verlieren würde. Da man nun selbst nicht in den Osten expandieren konnte, ohne die Bonner Fraktionsgemeinschaft mit der CDU zu riskieren, begnügten sich Waigel und Streibl fürs erste mit logistischer und personeller Unterstützung für die DSU.

Ähnlich einer Bürgerinitiative hatte diese - mittlerweile vergessene - Unionsschwester nur ein wirkliches Thema: die deutsche Wiedervereinigung. Vermutlich teilt sie auch deshalb mit der Bürgerbewegung das gleiche Schicksal.

Bei den Kommunalwahlen am 6. Mai 1990 erlitt die DSU die erste schwere Niederlage. Mit 3,4 Prozent hatte sich ihr Stimmenanteil nahezu halbiert. Zu dem Desaster beigetragen hatte der öffentlich ausgetragene Loyalitätskonflikt zwischen der Volkskammerfraktion und ihrem Innenminister Peter-Michael Diestel. Die Aktivitäten der "prima Truppe von idealistisch gesinnten Menschen" (Theo Waigel) erschöpften sich zunehmend in heftigen Querelen. "Auf einmal war da dieser unselige Rechtsruck", erinnert sich Ebeling. "Da NPD und Republikaner in der DDR nicht zugelassen waren, war unsere Partei mancherorts eine Art Sammelbecken für Rechtsextreme."

Während einer Auslandsreise als Minister erfuhr Ebeling dann von seiner Absetzung als Parteichef. Ein Kopfschütteln, ein Stirnrunzeln. Das hat er nicht verdient, niemand hat so was verdient. Wie ein Putsch sei das gewesen, initiiert von Innenminister Diestel, seinem Generalsekretär. "Die alte Regel: Feind-Todfeind-Parteifreund." Aber auch dessen Tage im Parteivorstand waren gezählt. Pfarrer Ebeling zitiert ein altes Sprichwort: "Die Lüge zieht dreimal um die Erde, bis die Wahrheit sich die Stiefel anzieht."

Vor einigen Jahren bekam er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Nicht ohne Genugtuung trägt Pfarrer Ebeling die Spange am Revers. "Für Verdienste um die deutsche Einheit", sagt er zum Abschied. Das aber ist Geschichte. Und wie gesagt: Geschichte ist geschehen. Und manchmal ist es nicht so wichtig, was passiert ist, sondern woran sich Menschen erinnern.