"Is aber teuer", ätzt die Verkäuferin, weil man es wagt, ein T- Shirt in der Gucci-Auslage zu berühren. Eigentlich müßte man jetzt etwas sagen. Müßte soviel Unverschämtheit wenigstens irgendwas entgegensetzen. Aber was? Es muß passen... und ins Schwarze treffen... schnell! Vorbei. Wieder mal nur sprachlos. "L'idée de l'éscalier" heißt Schlagfertigkeit auf Französisch. Das, was einem erst zu Hause im Treppenhaus einfällt, wenn es viel zu spät ist. Festen Willens, diesen unerträglichen Zustand zu ändern, treffen sich die Autorin Alexandra Umminger und die Sängerin und Schriftstellerin Luci van Org mit Volker Wieprecht und Robert Skuppin, Berlin-Brandenburgs ungekrönten Königen in Sachen Schlagfertigkeit.

Luci van Org: Finden Sie sich eigentlich selbst schlagfertig?

Robert Skuppin: Ich halte mich selbst für...schnell. Nicht immer für schlagfertig. Schlagfertig heißt ja, daß man eine intelligente Antwort innerhalb von sehr kurzer Zeit geben kann.

Volker Wieprecht: Nein! Nur, daß man 'ne Antwort geben kann innerhalb sehr kurzer Zeit.

Robert Skuppin: Nein, das ist schnell. Schlagfertigbedeutet, daß sie auch noch intelligent ist. Und dann bleibt noch die Frage, ob sie auch dann noch intelligent ist, wenn man sich mehr Zeit dabei läßt, sie zu verarbeiten. Unser alter Chefredakteur hat immer gesagt: "Ihr seid eigentlich nicht wirklich schlagfertig. Ich hab mir euer Interview jetzt noch drei Mal angehört und über die Antworten nachgedacht und festgestellt: Das ist eigentlich gar nicht so lustig." Wenn man besser drüber nachdenkt, ist vieles doch ziemlich schnell dahingesagt. Deshalb ist die Frage, ob wir der Definition von Schlagfertigkeit wirklich entsprechen. Aber daß wir jetzt in der Lage sind, schon nach einer Frage so einen langen Exkurs über Schlagfertigkeit zu halten, bringt mich doch dazu, zu sagen, daß wir eigentlich wirklich schlagfertig sind.

Volker Wieprecht: Du!

Robert Skuppin (lacht hämisch): Richtig.

Alexandra Umminger: Und wie machen Sie das? Haben Sie die gleichen Methoden oder gibt's Unterschiede?

Volker Wieprecht: Roberts besondere Gabe ist, die Schwachstelle in einer Argumentation zu finden, und zwar in Windeseile. Dann findet er das Gegenargument. Zum Beispiel beim Thema Ernährung. (Wieprecht ist, im Gegensatz zu Skuppin, bekennender Vegetarier, d. Red.) Wann immer das Thema darauf kommt, kommt mit Sicherheit am Ende eine Variation von: "Ich glaube, die Möhre, die du gerade ißt, schreit vor Schmerzen."

Robert Skuppin: Ich glaube, daß Volker stärker im Angriff ist. Wobei ich eher innerhalb einer Argumentationskette nach Stärken oder Schwächen suche, während Volker innerhalb einer Persönlichkeit nach Stärken oder Schwächen sucht. Das heißt, seine Vorgehensweise ist eher persönlicher und meine eher sachlicher.

Luci van Org: Ist Ihr Erfolgsgeheimnis dann die Kombination aus beidem?

Robert Skuppin: Ich glaube, daß unsere Geschwindigkeit sich gegenseitig noch mal erhöht. Ich bin schon allein schnell, aber Volker ist eben auch schnell. Man konkurriert da auch ein bißchen, versucht, noch schneller zu sein als der andere. Für Interviewpartner ist das manchmal nicht so nett. Heiner Geißler zum Beispiel hat nach einem fünfminütigen Interview gefragt: "Worum ging's eigentlich? Hab ich nen Kühlschrank gekauft?"

Alexandra Umminger: Haben Sie sich durch Ihr schnelles Mundwerk auch schon mal Ärger eingehandelt?

Volker Wieprecht: Schlagfertigkeit ist genauso Fluch wie sie Segen ist. Der Segen ist, daß andere Leute das toll finden, der Fluch, daß man sie häufig falsch einsetzt. In Beziehungsdiskussionen zum Beispiel ist Schlagfertigkeit oft der Killer. Die sollte man ja eigentlich so führen. "Mir geht es so. Wie geht es dir?" und nicht: "Hübsch gesagt, aber..."

Robert Skuppin: Das tut einem ja auch manchmal leid, was innerhalb der Schlagfertigkeit passiert. Es ist ja nicht so, daß man da alles noch durchdenkt, sondern man steht, bildlich gesprochen, auf Autopilot. Diese Sicherheit, mit der man alles sagt, bringt einen später dann manchmal dazu, daß man denkt: Oh Gott, haben wir jetzt jemanden vorgeführt? Einen Hörer nicht adäquat behandelt? Manchmal gibt's da einen kurzfristigen, völligen Kontrollverlust bei einem selbst.

Volker Wieprecht : Mit 20 war's egal, da hat man draufgehauen, wo es nur ging. Mit 30 stellte sich die Erfahrung ein: Oh, das wird nicht von jedem gleich geschätzt und ich hab auch schon Leute verprellt, die ich eigentlich gern hätte halten wollen. Mit 40 können wir uns, glaube ich, beide darauf einigen: Unser Leben kann nur gelingen, wenn es Win-win-Situationen gibt. Für die Hörer und uns, für unsere Partner und uns und für uns beide untereinander.

Robert Skuppin: Wenn Schlagfertigkeit im optimalen Modus läuft, dann ist es eine Gesamtstimmung, die niemanden verletzt, weil jeder in der Lage ist, über sich zu lachen. Wir haben auch mitbekommen, daß Schlagfertigkeit nicht funktioniert, wenn was in unserer freundschaftlichen Beziehung nicht stimmt. Dann kann Volker was sagen in der Sendung, was für die Show ist, wo ich mich drüber ärgere. Oder auch umgekehrt. Auf einmal sitzt der andere da und ist irgendwie angesäuert.

Luci van Org: Und was machen Sie dann?

Robert Skuppin: Schwierig. Schwierige Situation, auch für die Sendung.

Volker Wieprecht: Dann geht das 'ne ganze Weile weiter, im schlimmsten Falle so weit, daß wir anderthalb Stunden in der Sendung oder auch mal anderthalb Tage nicht mehr miteinander reden und jeder der Meinung ist, der andere müßte jetzt mal... meistens komm ich dann aber.

Robert Skuppin: Mußt du ja dann auch...

Volker Wieprecht: Und dann müssen wir beide so lange leichte Verbeugungen voreinander machen, uns jeweils immer für minisküle Kleinigkeiten entschuldigen, bis der andere besänftigt ist. Dann kommt auf einmal wieder diese Ebene von Freiheit und dann beginnt das Beziehungsgespräch.

Alexandra Umminger: Und wie überspielt man so ein Drama in den Sendungen?

Robert Skuppin: Wir haben mittlerweile ein Gefühl dafür entwickelt, daß sich so etwas nicht in voller Gänze überträgt. Aber die, die uns besser kennen, bekommen das voll mit.

Volker Wieprecht: Eine ehemalige Lehrerin von mir ließ mal ausrichten: "Schöne Grüße, ich würde im Radio momentan so traurig klingen."

Luci van Org: Haben Sie, wenn es so kracht, manchmal Angst, daß Sie nicht mehr zueinander finden?

Robert Skuppin: Mittlerweile wissen wir, daß das wieder aufhört. Es gibt ja eine Vorstellung davon, was passiert, also diese Rituale, die wir beschrieben haben, die helfen uns ja auch. Selbst, wenn man in der Vorstellung mal den endgültigen Bruch hat, daß man sagt, mach deine Scheiße mal schön allein. Man weiß, daß so was nur mal kurz geistig abläuft und dann auch schnell wieder vorbei ist.

Alexandra Umminger und Luci van Org (unisono) : Irgendwie klingt das alles wie ne Liebesbeziehung...

Volker Wieprecht: Wir sind auf eine nicht homosexuelle Art und Weise miteinander verheiratet. Wir haben Firmen, wir haben die Arbeit zusammen. Klar, jeder hat genügend Ego, um zu wissen: Hey, allein wäre ich auch gut zurechtgekommen. Aber daß es uns so gut geht, das verdanken wir dem jeweils anderen. Wenn wir beide uns wirklich verkrachen würden, dann würde, ich kann's nur für mich sagen, dann würde mein Leben total auseinanderbrechen. Vollkommen!

Robert Skuppin (murmelt etwas verschämt zur Seite) : Ist ja bei mir nicht anders...

Alexandra Umminger: Und was sagen Ihre Partner zu so viel Nähe?

Volker Wieprecht: Also meine sagt: Zwischen euch beide, da kommt sowieso nichts mehr dazwischen. Und...tief innen drin weiß ich das ja auch.

Robert Skuppin: Für meine Freundin ist klar: Das ist praktisch noch mal eine zweite Beziehung, die aber allein schon deshalb von ihr akzeptiert wird, weil es die schon gab, bevor es sie gab. Auf eine bestimmte Art und Weise nimmt ihr das natürlich einiges weg, aber nichts von dem, was für sie wirklich wichtig ist.

Volker Wieprecht: Ich glaube, ich habe mit niemandem sonst so die gleiche Wellenlänge, was Humor angeht. Wenn Robert freiläuft und die Mikrofone aus sind...wir können so viel Spaß aneinander haben! Da sitz ich dann nach der Sendung im Auto und lache noch darüber.

Luci van Org: Aber wie schaffe ich es, schlagfertig zu sein, wenn ich einfach sauer bin, weil mir jemand eine blöde Bemerkung an den Kopf knallt?

Robert Skuppin: Manchmal muß man einfach akzeptieren, daß der Gag schon gemacht ist. Es gibt eine Geschichte, die das auf den Punkt bringt: Roman Polanski hat seinen ersten Film gedreht, in Polen, da war er 18. Der Film läuft in dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist, und Polanski geht ins Kino, will eine Eintrittskarte kaufen und die Verkäuferin sagt zu ihm: "Sie sind ja noch gar keine 18, Sie kommen hier nicht rein." Und Polanski geht nach Hause. Und da sagen alle zu ihm: "Das verstehe ich nicht. Du hast den Film gedreht, du bist über 18, warum sagst du das der Trulla hinter der Kasse nicht?" Da sagt Roman Polanski: "Ändere niemals eine gute Geschichte." Mir haben sie mal ein Auto geklaut und ich gehe zur Polizei und die sagen zu mir: "Mußte wohl jetzt loofen". Man kann nicht alles toppen.

Alexandra Umminger: Es ist also viel wichtiger, sich nicht zu ärgern, als schlagfertig zu sein?

Robert Skuppin: Und wenn jemand wirklich der Meinung ist, ihm fällt nie was ein, dann soll er einfach drei Formulierungen auswendig lernen, mit denen man auch durchs Leben gehen kann...

Alexandra Umminger und Luci van Org (unisono) : Welche?

Volker Wieprecht: "Sagen se alle!" Das paßt immer.

Robert Skuppin: Oder die von meiner Freundin: "Hat hier einer die Null gewählt oder warum sagst du was?"

Volker Wieprecht: "Heul doch!" geht auch.

Alexandra Umminger (nachdenklich) : Eigentlich bräuchten wir jetzt noch ein Schlußwort.

Luci van Org: Lieber nicht. Eine gute Geschichte soll man doch nicht ändern...