Berliner Illustrirte Zeitung: In ihrem Film "Die Hochzeit meiner Töchter" geht es um etwas ziemlich Unmodernes: die glückliche Familie. Alle leben unter einem Dach - würden Sie sich das wünschen?

Susanna Simon: Obwohl das vielleicht altmodisch klingt, ich kann mir das vorstellen. Alle profitieren doch davon. Die Kinder stehen nicht nur unter dem Einfluss der gestressten Eltern, sondern auch unter dem der gelasseneren Großeltern. Diese fühlen sich durch die Enkel "verjüngt" und die Eltern haben öfter mal Zeit füreinander.

Ihre eigenen Eltern waren beruflich oft unterwegs. Liegt es daran, dass Sie Ihre Familie gern beisammen hätten?

Vielleicht ein wenig. Ich bin die ersten zwei Jahre bei meiner Großmutter in Kasachstan aufgewachsen, dann zogen meine Eltern und ich nach Leipzig um. Mein Vater ist Mathematiker und hat bei der Uno gearbeitet, meine Mutter war Elektronikerin. Sie waren oft unterwegs, überall in der Welt. Währenddessen bin ich dann zu meiner Oma gezogen. Immer, wenn wir wieder zusammen waren, habe ich mich wahnsinnig gefreut.

Dann kennen Sie das Gefühl des Verlassenseins.

Ja. Abschiede sind furchtbar. Ich habe während meiner Schwangerschaft viel über meine Vergangenheit nachgedacht, und ich bin mit ihr im Reinen. Die Herausforderung für mich heute ist, die Balance zwischen Arbeit und Familie zu finden. Auch wenn ich glücklich bin, dass ich Filme drehen kann, denke ich oft: Verkraftet das meine Tochter oder wird es zu schmerzhaft, wenn ich jetzt wieder wochenlang drehe?

Was haben Sie denn als Kind gemacht, wenn Ihre Eltern weg waren?

Als ich 17 war, dachte ich: "Wow, ich habe ja alle Freiheiten!" Ich hatte gerade Abi gemacht, bin aus der Wohnung meiner Oma in die leere Wohnung meiner Eltern gezogen. Ich wollte dann einfach mein eigenes Ding machen. Die Trauer hat sich also schnell in den Geschmack an der Freiheit verwandelt. Meine Freundinnen hatten unglaublich viele Auseinandersetzungen mit ihren Müttern. Ich habe einfach Partys gefeiert und hatte meinen ersten Freund.

Wie ist Ihre Mutter damit umgegangen, nicht an Ihrer Seite sein zu können?

Das war nicht leicht...sie ist ja auch eine ganz tolle Mama. Es waren halt die Umstände und jede Zeit muss man betrachten, bevor man beschuldigt. Ich hatte damals weder meine Mutter noch jemand anderen als Ratgeber. Ich habe mein Leben selbst in die Hand nehmen müssen. Wir hatten aber immer Kontakt und haben uns einmal die Woche geschrieben. Mann, das waren lange Briefe, ich würde nie mehr solche langen Briefe schreiben.

Aber so diplomatisch haben Sie das in Ihrer Jugend sicher nicht gesehen.

Nein, in der Pubertät habe ich es eher verdrängt, das Thema existierte nicht.

Wie sehen Sie Ihre Mutter heute?

Sie ist ein Partner.

Ihre Eltern waren beide Naturwissenschaftler - wie kam es, dass Sie und ihre Schwester Maria Schauspielerinnen wurden?

Ich hatte ursprünglich Kunstwissenschaften in Leipzig studiert. Nach einem praktischen Jahr im Museum für Kunsthandwerk in Leipzig wusste ich, das ist nichts für mich. Niemand besuchte das Museum. Ich war 18 und wollte Leute kennenlernen. Da habe ich angefangen, am Uni-Theater mitzuspielen. Das war die Erlösung. Ich habe mich dann im selben Jahr bei der Ernst-Busch-Schauspielschule beworben.

Was war die erste Rolle?

Im Maxim-Gorki-Theater ein Stück über bedeutende Frauen des Zeitgeschehens, die sich klug am Tisch unterhielten. Ich war ihre Kellnerin. Aber dann kam zum Glück auch Shakespeare-Stücke, dann im Schillertheater "Die Ratten" - da konnte ich mich ausprobieren.

Hatten Sie schon früher Lust am Geschichtenerzählen?

Immer. Schon in Form von Kinderspielen. Als Sechsjährige habe ich mir eine Windel auf den Kopf gesetzt, damit ich lange Haare habe. Ich habe mir ein Buch geklebt, eine Tafel aufgestellt, alle Kuscheltiere hingesetzt und sie unterrichtet.

So selbstständig - da waren Sie sicher ein guter Gruppenanführer?

Ja, das war ich. Ich habe meine Freundinnen meistens motiviert und Rollenspiele initiiert. Ich musste immer die männlichen Rollen spielen: Prinzen, Könige, Kapitäne und so. Aber ich habe das nur gemacht als eine Geste, damit die anderen überhaupt bei der Stange blieben.

Helden zeigen nicht gerne Schwächen.

Dass ich nicht gerne Schwäche zeige, liegt, glaube ich, an meinem Charakter. Ich bin wie eine Katze. Ich gehe dann in meine Ecke und möchte da bitte kein Publikum haben. Ich versuche, das mit mir selbst auszumachen. Ich habe erst mit der Zeit gelernt, dass man Konflikte schneller lösen kann, wenn man mit anderen darüber spricht.

Warum spielen Sie eigentlich nicht mehr Theater?

Festes Ensemble-Mitglied zu sein, ist keine Option mehr für mich. Es entspricht nicht meinem Wesen. Ich renne weg vor Kantinen. Dieses interne Theatergespräch, Intrigen, Missgunst, dieses: heut' bist du mein Freund, morgen schneid ich dich - schrecklich! Acht Wochen am Filmset, ja. Aber hinter den Theaterkulissen kriege ich schnell einen Lagerkoller.

Ihre Schwester Maria zog es oft in den Osten zurück. Wie verwurzelt fühlten Sie sich in der DDR?

Weniger. Ich habe mich eine zeitlang ziemlich einsam und fremd dort gefühlt. Ich bin auch immer ein Stück weit fremd geblieben. Meine Jugend war einfach zufällig da, aber ich empfinde keine Nostalgie für den Osten. Es wäre mir im Westen wohl auch so gegangen.

Wie wichtig ist Ihre Schwester für Sie?

Meine Schwester ist wieder sehr wichtig für mich. Sie ist ganz anders als ich. Wir haben über unsere Verschiedenheit hinaus eine erwachsene Schwesterliebe gefunden. Ich kann sie akzeptieren, wie sie ist, sie kann mich akzeptieren, wie ich bin. Wir wollen uns nicht mehr gegenseitig verändern. Vor allem verbinden uns unsere Kinder. Sie und ich sind Familienmenschen und unsere Kinder wachsen miteinander auf.

Sie sind ausgerechnet beide Schauspielerinnen. Ist das kein Nährboden für Konflikte?

Ja, das ist schon komisch, aber wir stehen darüber. Meine Schwester ist sieben Jahre jünger, sieht anders aus und hat ein anderes Wesen. Bis auf denselben Namen würde uns wohl kaum jemand für Schwestern halten. Maria ist eher die gefühlsbetonte, ich durchdenke die Sachen. Meine Schwester ist emotionaler, viel unberechenbarer. Da gab es schon Reibungspunkte. Ich liebe zum Beispiel Pünktlichkeit, den anderen zu achten, Regeln einzuhalten. Ihr ist es wichtiger, ihre Gefühle auszuleben.

Ihr Ehemann ist Laserphysiker, ist er Ihnen im Wesen ähnlicher?

Er ist ein sehr guter Analytiker und perfekt im abstrakten Denken. Er muss in seiner Arbeit Verantwortung für sein Unternehmen und seine Mitarbeiter übernehmen. Also habe ich in unserer Beziehung den spontanen, emotionalen, eben weiblichen Part.

Haben Sie Vorbilder?

Ich habe viele Vorbilder. Alle für bestimmte Bereiche: Eine gute Freundin meistert Familie und Beruf mit Leichtigkeit. Meine Schwiegermutter kann das Leben genießen, mein Vater weiß alles, er ist ein wandelndes Lexikon.

Gibt es einen Ort, von dem Sie sagen würden, das ist meine Heimat?

Meine Heimat ist dort, wo mein Herz ist, bei den Menschen, die ich liebe. Nach Kasachstan habe ich eine Sehnsucht. Ich denke an das Tienschan-Gebirge, an unsere Stadt zu Füßen des Himalajas, dort wo die 5000er hochgehen. Wir waren oft in den Bergen, die Nacht bricht dort schnell ein, es sind wilde und gefährliche Gebirge, in denen man sich verlaufen kann. Ich denke auch an unsere Souterrain-Wohnung und an halbe Menschen. Durch mein Fenster konnte ich die Passanten vorbeigehen sehen. Füße, Hosen, Röcke. Und ich denke an die Weite der Landschaft und die Weite im Denken der Menschen. Auch wenn ich immer wieder glücklich bin, im wohlgeordneten Deutschland zu sein.

Das Gespräch führte Andin Tegen

Für das ZDF dreht Susanna Simon gerade eine Folge der Krimi-Reihe "Ein starkes Team", die in Berlin spielt.