Anfang der Siebziger Jahre schien das schlimmste überstanden - leider. Dieses Bedauern umwehte damals den Neu-Berliner, woher er auch kam. Dass dies ein Irrtum war, hofften dennoch alle, obwohl es niemand wissen konnte. Eine Erschöpfung dünstete durch die Mauerstadt, wie nach einem großen Fest mit anschließender Schlägerei. Die Reste der 68er-Festspiele lagen noch in Trümmern herum. Nach Aufbruch dürstend, inspizierten wir die Verwüstungen. Schade eigentlich, dachten wir Nachgeborenen, die es Mitte der Siebziger nach Berlin getrieben hatte - zum Studieren oder was auch immer. Schade, dass man zu spät kam. Aber vielleicht war es ja noch nicht zu spät, vielleicht war das ja noch nicht alles gewesen. Vielleicht kam ja noch was, nach den infernalischen End-Sechzigern und ihren Metropolenexzessen, die man nur aus dem Fernsehen kannte.
Über der Stadt lag ein Grundrauschen, wie nach einem großen Knall. Erlebnishungrige Abiturienten bevölkerten die Hörsäle und lauschten den Veteranen der Bewegung, die sich damals noch überhaupt nicht so fühlten, in ihren "Kapital"-Lektürekursen bei den Soziologen an der FU oder am Otto-Suhr-Institut. Die Unis sahen aus wie explodierte Papierkörbe, jedenfalls die geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Die Lehrpläne waren entkanonisiert, alles ging und nichts wurde gelernt, das Bier war sehr billig. Die Protestbewegungen differenzierten aus zu allem Möglichen, was man sich vorstellen konnte. Radikalfeminismus, Dritte-Welt-Bewegung, Anti-Amerikanismus, bewaffneter Widerstand, ausschweifende Selbsterfahrung, Selbsthilfegruppen. "Irren-Offensive" nannte sich eine und meinte, was sie im Namen versprach. Und das alles unter dem Schirm der Alliierten, die routiniert mit maschinengewehrbewehrten Jeeps an den Demarkationslinien patrouillierten. "Berlin, Berlin, ich steh' auf Berlin", sang Anette Humpe von Ideal dann bald, und alle sangen mit. "...Geschichte wird gemacht, es geht voran...", texteten die Fehlbarben - eine trotzige Behauptung gegen den Atemstillstand nach der Katharsis.
Das Bedürfnis, zu dem, was gewesen war, und irgendwie weiter werden sollte, dazuzugehören, war die Grundstimmung. Neugierig beschlichen wir jüngste Trümmerschichten des immer noch kriegsversehrten West-Berlins, aalten uns auf der Revolutionspatina, die jene wilden Jahre über Gemüter und Nachkriegsbrachen gelegt hatten, wie auf einem Sonnendeck.
Irgendwo dazuzugehören, sich einzusortieren in die neue Zeit dieses Anything Goes, in die Sondergalaxis, dieses Bundesjugendzentrums war vorherrschendes Lebensgefühl. "Widerstand ist machbar, Herr Nachbar", damit war alles gemeint, was Nachbarschaft sein wollte oder auch nicht. Nur Ost-Berlin interessierte kaum jemanden. Da war es ja nicht lustig, an der Mauer hörte diese Welt auf. Und damit sie nicht so störte, wurde sie in jenen Jahren erstmals knallbunt angemalt.
Bereitschaft zur "Solidarität" mit irgendwelchen politischen Chimären war ein permanenter Gemütszustand. Es was eine Alltagsregung, die nicht nur zum guten Ton gehörte, sondern zur Selbstverständigung und Gruppenidentifikation diente. Man war solidarisch, also war man. Die Solidarität galt einzelnen "Freiheitskämpfern" oder entsprechenden "Bewegungen" in Südamerika, Nordamerika, Afrika, Kuba, Albanien, Südostasien - die Sehnsuchtsziele der persönlichen Identifikation lagen fern. Das Bedürfnis, konkrete Solidarität zu üben, suchte sich deshalb seine Anker in der unmittelbaren Umgebung. Zumeist waren es Kommilitonen, die im Zusammenhang mit gewaltbegleiteten Demonstrationen in die Fänge der Polizei gerieten und durch Untersuchungshaft oder zumindest ein Strafverfahren über Nacht zu Opfern "polizeistaatlicher Willkür" und also zu Helden der Bewegung avancierten. Die gemeinschaftlichen Solidaritätsbekundungen für solche Helden eskalierten dann regelmäßig zu erneuten Auseinandersetzungen mit der Polizei und produzierten so einen ständigen Nachschub an Solidaritätsobjekten. Dabei ging leicht die Übersicht verloren und nur eine Teilöffentlichkeit wusste die Namen und Legenden der jeweils Solidaritätsbedürftigen en detail zu nennen.
Informationsbörsen für den jeweiligen Stand der Solidaritätslage waren Szenekneipen, vor allem in Kreuzberg, Schöneberg und Charlottenburg. Stoßweise Flugblätter, Plakate und Handzettel lagen dort bereit, am Tresen die obligatorische Sammelbüchse für Prozesskostenhilfe - und oft wusste der Wirt zu berichten, wo der eine oder andere zum letzten Mal gesehen worden war. Tatort Heinrichplatz zum Beispiel. Im diesem Bermudadreieck der Bewegung kochte allabendlich der Furor auf, wurde Verständigung gesucht über die letzten Volten der "Bullenschweine" im Kiez. Widerstandshierarchien wurden geboren, die vorderen Plätze in diesem Subkulturtheater besetzten später dann für lange Jahre die Hausbesetzer. "Widerstand ist konkret" halluzinierte die zugereiste Provinzjugend und besetzte ein Haus nach dem anderen.
Über den wechselnden Solidaritätskonjunkturen jener Jahre lag das Mantra der RAF-Solidarität. Es war das Oberhaus der Solidaritätshierarchie jener Jahre: Die allgegenwärtige Empathie mit "den politischen Gefangenen".
"Politischer Gefangener" war jeder, der sich für "politische Gefangene" eingesetzt und dabei in Konflikt mit dem "System" geraten war. So nährte der "Widerstand" eine wachsende Personaldecke von "Betroffenen", bis irgendwann jeder betroffen war, oder einen kannte, den es getroffen hatte.
Treffen konnte man alles Mögliche. Bommi Baumann an der Gedächtniskirche, Otto Schily beim Billardspielen in der Ku'damm-Seitenstraße, Klein- und Großgangster beim Shoot-Out in der Bleibtreustraße oder die ersten Dissidenten aus der "Ostzone", um Mitternacht im Zwiebelfisch am Savignyplatz auf der Suche nach dem linken Schuh.
Regelmäßig wurde nach Moabit vor das Gefängnis gepilgert. Dort saßen die Heroen der Bewegung ein, RAF-Kader der ersten, zweiten und dann auch dritten Generation. "Reißt die Mauern ein, lasst die Leute raus!". Danach ging's zu "Hertha" in der Schlüterstraße, wo die übrig gebliebenen Kader der KPD-ML, die Maoisten, sich gegenseitig solange einen ausgaben, bis sie die Pol-Pot-Massaker verdaut hatten - das war die Wende, jedenfalls für diese Fraktion, die sich auf Uni-Lehrstühle oder an die Schaubühne zurückzog.
Derweil machten andere ihre eigenen Massaker, an Straßenkreuzungen, auf Motorrädern, mit Sprengfallen - und wieder gab es neue Betroffene, die sich den Weg in den Olymp der Solidarität freischossen.
Gegen Ende der Siebziger transzendierte die Szene dann in eigene Biosphären, in Müsli-Gulags oder emigrierte nach Lüchow-Dannenberg. Der Rest bekämpfte seinen Kater im Far-Out, bei Sitarmusik, mit der Mala um den Hals und mit vielen bunten Pillen.
Der Autor studierte von 1976-1982 an der Freien Universität Politologie, Theaterwissenschaft und Volkswirtschaft

