Der Terror in Berlin

| Lesedauer: 10 Minuten

Tatort des Fememordes Im Grunewald nahe der Krummen Lanke töten Mitglieder der "Bewegung 2. Juni" am 4. Juni 1974 den V-Mann Ulrich Schmücker - wohl, weil er sie an den Verfassungsschutz verraten hatte.

Tatort des Fememordes

Im Grunewald nahe der Krummen Lanke töten Mitglieder der "Bewegung 2. Juni" am 4. Juni 1974 den V-Mann Ulrich Schmücker - wohl, weil er sie an den Verfassungsschutz verraten hatte. US-Soldaten auf dem Rückweg von einer nächtlichen Übung finden seine Leiche. Der Mord ist nie aufgeklärt worden; die Verfassungsschützer sollen keine ganz glückliche Rolle gespielt haben - bis hin zur angeblichen Vertuschung.

Konspirative Wohnungen

Im Sommer und Frühherbst 1970 mieten Unterstützer von Baader-Meinhof unter falschem Namen mehrere Wohnungen in West-Berlin - unter anderem in Schöneberg und Wilmersdorf. Hier schlafen und diskutieren die Untergetauchten abwechselnd. Die Polizei weiß nach den beiden Gründungsmanifesten der RAF, dass eine Eskalation bevorsteht.

Drehscheibe des Terrors

Am 8. und am 22. Juni 1970 fliegt die erste Generation der RAF in zwei Gruppen vom Flughafen Schönefeld aus nach Beirut. Die DDR-Grenzer machen ihnen keine Schwierigkeiten, obwohl die Pässe ihre Kollegen in Beirut stutzig werden lassen. Die zweite Gruppe, zu der Baader, Ensslin und Meinhof gehörten, hat sich mit schwarz gefärbten Haaren in "Araber" verwandelt - kaum eine geeignete Tarnung, um die als scharf bekannten Grenzwächter zu überlisten. Trotzdem haben die Linksradikalen keine Schwierigkeiten: Von Beginn an unterstützt die DDR den RAF-Terror.

Geburtsort der RAF

Auf Bitte des Verlegers Klaus Wagenbach wird der Strafgefangene Andreas Baader am 14. Mai 1970 in das damalige Zentralinstitut für soziale Fragen ausgeführt, um mit Ulrike Meinhof an einem Buch zu arbeiten. Hier wird er gewaltsam befreit; ein Angestellter wird lebensgefährlich verletzt. Baader, Meinhof und mehrere Komplizen fliehen.

Ulrike Meinhofs Wohnung

In der Kufsteiner Straße bezieht Ulrike Meinhof 1969 mit ihren Zwillingstöchtern eine Wohnung. Hier übernachten im Frühjahr 1970 die polizeilich gesuchten Brandstifter Andreas Baader und Gudrun Ensslin, und hier wird schließlich Baaders Befreiung bei einem Freigang aus dem Gefängnis am 14. Mai 1970 vorbereitet.

Baader wollte dabei sein

In einer Sechseinhalb-Zimmer-Wohnung am Stuttgarter Platz schlägt 1967 das radikal antibürgerliche Wohnprojekt Kommune 1 ihr Hauptquartier auf. Immer wieder kommt der charismatische Kleinkriminelle Andreas Baader zu Besuch. Aber mit seinem wilden Aktionismus kann er bei den Kommunarden nicht landen.

Gewaltsame Befreiung

Am 27. Mai 1978 gelingt es zwei Mitgliedern der "Bewegung 2. Juni", darunter Inge Viett,

bewaffnet in den Sprechzellentrakt des Gefängnisses Moabit zu kommen. Dort befreien sie den Terroristen Till Meyer, einen der Gründer ihrer Gruppe. Nachdem sie die Haftanstalt verlassen haben, fahren die drei per S-Bahn nach Ost-Berlin: für sie ein sicherer Zielpunkt. Denn die Staatssicherheit hält ihre Hand über die Flüchtlinge, obwohl Inge Viett sogar ihre Pistole dabei hatte, als sie einreiste - sonst ein Schwerverbrechen in der DDR. Es ist eine der spektakulärsten Fluchten in der Geschichte des Gefängnisses. Allerdings währt die Freiheit für Till Meyer nicht lang: Schon vier Wochen später wird er in Bulgarien verhaftet.

Dreister Ausbruch

Ohne große Mühe befreien sich im Juli 1976 vier Terroristinnen der "Bewegung 2. Juni" aus ihren Zellen und klettern an Bettlaken auf die Straße. Justizsenator Hermann Oxfort tritt von seinem Amt zurück. Eine der Ausbrecherinnen wird schnell wieder verhaftet, eine kommt später als RAF-Terroristin bei einem Autounfall ums Leben, die dritte wird 1978 in Bulgarien verhaftet. Nur die mutmaßliche Anführerin Inge Viett taucht in der DDR unter und wird erst 1990 festgenommen.

Das erste "Volksgefängnis"

Im Keller eines Trödelladens in der Schenkendorfstraße 7 in Kreuzberg halten Terroristen der "Bewegung 2. Juni" Ende Februar und Anfang März 1975 den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz gefangen. Der Spitzenkandidat war am Quermatenweg in Schlachtensee entführt worden. Lorenz kommt frei, nachdem der Staat fünf inhaftierte Terroristen ausfliegt.

Mörderischer Fund

Gleich der erste Anschlag der "Bewegung 2. Juni" endet tödlich: Am 2. Februar 1972 verstecken Mitglieder der Gruppe mehrere Bomben auf dem Gelände des Britischen Jachtklubs in Gatow. Sie wollen so ihre "Solidarität" mit der irischen Terrorgruppe IRA zeigen. Ein Hausmeister nimmt eine Bombe an sich und stirbt bei ihrer unvorsichtigen Untersuchung. In den folgenden Monaten verüben die Terroristen weitere Anschläge.

Erfolgreiche Fahndung

Bei der bundesweiten Großfahndung gegen Terroristen Ende Mai 1972 entdeckt die Polizei auch einige Schlupflöcher der RAF in Berlin. Im Eden-Hochhaus an der Budapester Straße explodiert ein Waffenlager, das Brigitte Mohnhaupt angelegt hat, die sich besonders um die Logistik der Terrorgruppe kümmert. In mehreren Garagenkomplexen hat sich die RAF eingemietet, außerdem in Wohnungen in der Grunewaldstraße und der Moabiter Straße. Im Juni 1972 geht fast die gesamte RAF ins Netz; Brigitte Mohnhaupt ist die einzige, die in West-Berlin festgenommen wird. Doch der Amoklauf der Terroristen gegen den Bundesrepublik ist noch nicht vorüber.

Geldbeschaffung

Wer im Untergrund lebt, braucht Geld. Viel Geld. Also plant die RAF im September 1970 einen großen Schlag: Praktisch gleichzeitig wollen die Terroristen drei Banken überfallen. So soll die Fahndung aufgesplittert werden. Es trifft am 29. September zwischen 9.48 Uhr und 9.58 Uhr erstens die Berliner Bank in der Rheinstraße 1, Beute 154 182,50 Mark. In der Sparkasse am Südwestkorso 38 lassen die Räuber 55 152 Mark mitgehen, in der Sparkasse in der Altonaer Straße sind es nur 8115 Mark. Hier übersieht Ulrike Meinhof einen Karton mit weiteren 97 000 Mark. Eine Woche später trifft sich die RAF zur "Selbstkritik". Alle finden, man könne die Technik der Banküberfälle noch verbessern; Fehler wie der von Meinhof sollen möglichst nicht mehr vorkommen. Horst Mahler sagt: "Es handelt sich um das Geld von Kapitalisten. Der kleine Mann ist davon nicht betroffen." Richtig ist daran nur: Die Versicherungen ersetzen den Verlust, aber tragen müssen ihn letztlich die Kunden der Banken.

Tod eines Märtyrers

Für Sympathisanten der linken Szene gilt der Tod des Anarchisten Georg von Rauch am 4. Dezember 1971 in der Eisenacher Straße als typisches "Staatsverbrechen". Mehrere verdächtige Gestalten eröffnen das Feuer, als zwei Zivilfahnder sie kontrollieren wollen. Bei dem Gefecht wird der verschiedener Straftaten angeklagte, aber aus der Untersuchungshaft geflüchtete von Rauch tödlich getroffen; er hat wohl auch selbst geschossen. Wenig später benennen Hausbesetzer das ehemalige Schwesternwohnheim des Krankenhauses Bethanien in "Georg-von-Rauch-Haus" um.

Mahlers Festnahme

"Kompliment, meine Herren!", sagt Horst Mahler zu den Polizisten, die vier Gesinnungsgenossinnen und ihn am 8. Oktober 1970 in Charlottenburg festnehmen. Der Tipp kommt von einem anonymen Anrufer, doch anders als erhofft geht Banden-Chef Andreas Baader nicht ins Netz. Es ist trotzdem der erste große Schlag gegen die RAF.

Kampf aus der Haft

Andreas Baader überrascht die Justiz: Am 17. Januar 1973 kündigt der RAF-Chef im Kriminalgericht Moabit an, ab sofort zu hungern, "bis sich die Haftbedingungen geändert haben". Die RAF hat mit Unterstützung ihrer Anwälte den Hebel gefunden, ihren Kampf aus den Gefängnissen fortzusetzen: Sie behaupten, sie würden isoliert und in Haft gefoltert. In Wirklichkeit haben sie privilegierte Lebensbedingungen und regelmäßig Besuche von Anwälten und Verwandten. Dennoch geht Baaders Kalkül auf: Aus Protest gegen die "Isolationsfolter" bekommt die RAF großen Zulauf.

Vorteil: Anonym

In einem der großen Neubau-Komplexe in Marzahn taucht 1987 Ex-Terroristin Susanne Albrecht unter. Sie hatte1977 den Mord an Jürgen Ponto ermöglicht: Der Chef der Dresdner Bank war der Patenonkel von Albrechts Schwester - durch diese Bekanntschaft konnte sie das Terrorkommando in seine Villa bringen. Nach der Beteiligung an mehreren weiteren Anschlägen siedelt Susanne Albrecht 1980 in die DDR über und lebt unter falschem Namen in Köthen. Durch einen Bericht des ZDF fliegt ihre Tarnung auf: Ein Nachbar erkennt ihr Foto und droht ihr. Die Staatssicherheit bringt ihren Gast mit Mann und Kind zunächst in der anonymen Großsiedlung am Rande Ost-Berlins in Marzahn unter. Später geht sie in die Sowjetunion, wird aber im Juni 1990 wiederum in Marzahn verhaftet.

Entführung oder Rachemord

Am 9. November 1974 stirbt RAF-Mitglied Holger Meins an den Folgen seines Hungerstreiks. Darauf beschließen die Terroristen der "Bewegung 2. Juni", nun sei die Zeit zum Zuschlagen "reif": Sie wollen gegen Berlins obersten Richter Günter von Drenkmann zuschlagen, ihn möglicherweise entführen. Am folgenden Abend klingeln sie an der Tür von Drenkmanns Haus in Neu-Westend und kündigen sich als Blumenboten an - immerhin hat der Präsident des Kammergerichts am 9. November seinen 64. Geburtstag gefeiert. Doch Drenkmann wehrt sich, woraufhin die Terroristen ihn kaltblütig niederschießen. Im "Bekennerschreiben" formulieren die Terroristen: "Wir freuen uns über eine solche Hinrichtung. Diese Aktion war notwendig, weil sie jedem Bullen- und Justizschwein klargemacht hat, dass auch er - und zwar heute schon - zur Verantwortung gezogen werden kann." Aufgeklärt ist der Mord nicht, weil es zu wenig Spuren gibt und kaum Zeugenaussagen. Es ist nicht einmal geklärt, ob es sich tatsächlich um eine gescheiterte Entführung gehandelt hat.