Sechs Jahre lang war Hertha BSC kein Tabellenführer und ein Jahr Christian Gimenez in keiner so blendenden Torlaune mehr. Bis Sonntag. Durch seine beiden Treffer gegen Schalke sind die Berliner an die Ligaspitze geklettert und Gimenez der neue Star. Wenn man so will gesunden beide gerade aneinander. Gimenez, der von Olympique Marseille samt einer Kaufoption über 500 000 Euro für ein Jahr an die Spree ausgeliehen wurde, hat bei den Franzosen ein Jahr lang auf der Bank gesessen. Zum ersten Mal in seiner Karriere, die 1995 bei den Boca Juniors begann, just als Diego Maradona seine ausklingen ließ. 1997 wechselte der Argentinier zum FC Lugano, dann zum FC Basel. Gimenez ist dreifacher Schweizer Meister und Torschützenkönig der Saison 2004/2005. Mit der Berliner Morgenpost sprach der 31-Jährige über Maradona, ein Leben als Tabellenführer und über die Meisterschaft.
Berliner Morgenpost: Senor Gimenez, Sie haben Gott getroffen. Wie war es?
Christian Gimenez: Gott?
Diego Armando Maradona.
(Lacht) Einzigartig.
Hat er Ihnen etwas beigebracht?
Maradona war seine eigene Welt. Er kam zu niemandem und sagte: Junge, mach das so. Es reichte aus, ihm zuzusehen. Das war Lehre genug.
Erklären Sie das einem Sterblichen.
Das kann man nicht. Man muss ihn erlebt haben. Er besaß eine ungeheure Aura. Wenn wir zum Beispiel beim Essen saßen, dann sprach nur er. Er erzählte so viele Dinge, das konnte nicht das Leben von nur einem Menschen sein, das waren zehn gelebte Leben.
Wie war das auf dem Platz?
Es war sein linker Fuß. Ich habe später immer mal wieder gedacht, im Fernsehen sieht man nur einen Bruchteil dessen, was dieser Fuß bedeutete. Er konnte alles damit machen, alles. Dieser linke Fuß war ein Geschenk.
Maradona war ein klassischer Zehner, Yildiray Bastürk ist einer. Wie wichtig ist das für Ihr Spiel, Sie sind ein klassischer Strafraumspieler.
Enorm. Ich kann zwar problemlos auch über die Flügel spielen, aber Bälle zentral in die Tiefe, das ist schon eher mein Ding.
Bastürk fällt einige Wochen verletzt aus, auch Gilberto. Kann Hertha das kompensieren?
Klar, können wir das.
Mancher in Berlin spricht bereits von der Meisterschaft, für die wären Bastürk und Gilberto aber unverzichtbar?
Jetzt von der Meisterschaft zu reden, wie soll das gehen nach vier Spieltagen? Man sollte damit aufhören, dafür ist es viel zu früh.
Kann Hertha sich an der Spitze halten.
Ja.
Was macht Sie sicher?
Ich glaube daran. Und wir haben das Zeug dazu. Vielleicht fehlt uns die Erfahrung anderer Mannschaften, aber das Team ist intelligent, alle können was am Ball und es stimmt in der Kabine. Und was mich betrifft: Um mich von da oben wegzuholen, muss man mich schon umbringen.
Was verändert sich, wenn man an der Tabellenspitze steht? Die meisten Ihrer Kollegen kennen das nicht, Sie mit Basel schon.
Jeder will gegen dich gewinnen. Das ist das Andere. Du musst verstehen lernen, dass es für einen Tabellenführer bis zum Abpfiff immer 0:0 steht, auch wenn du 2:0 führst. Wenn du das verinnerlicht, dann spielst du 90 Minuten am und über dem Limit. Nur dann kannst du oben bleiben.
Hertha ist die Sphinx der Bundesliga, sie kann gegen jeden gewinnen und gegen jeden verlieren. Keiner weiß, wann sie zu was fähig ist. Wussten Sie, auf was Sie sich da einlassen?
Ich weiß nicht, was früher war. Und ganz ehrlich, es interessiert mich auch wenig. Jeder Tag im Fußball ist ein Anfang.
Hertha treibt ebenfalls in finanziell unruhigem Wasser.
Sehen Sie, ein Fußballer heutzutage ist sich einer Sache immer bewusst: Egal, zu welchem Klub er geht, er wird auf irgendwelche Probleme stoßen. Aber ich bin zu Hertha gekommen, weil ich eine Perspektive gesehen habe und weil der Klub mir einfach gefällt. Er hat einen Namen, er hat ein beeindruckendes Klubgelände und er hat ein Team, das zum Erfolg fähig ist.
Was passiert, sollten Sie im Uefa-Cup scheitern? Ein 2:2 ist keine sonderlich gute Ausgangslage für das Rückspiel in Odense.
Wenn wir uns nur in der Nähe unseres Optimums bewegen, dann scheitern wir nicht. Davon gehe ich aus. Und wenn doch, nun, dann gehen wir erhobenen Hauptes. Denn das wird das Wichtigste sein: Dass wir so spielen, als wäre es unser letztes Spiel.
Es bliebe immer noch der Fußball in der Bundesliga. Ein vergleichbares Vergnügen?
Europa ist Europa, das ist immer etwas Besonderes. Aber ich mag den Fußball hier.
Die Deutschen haben den Anschluss an Europas Topligen verloren. Es heißt, das Niveau entspräche nunmehr dem französischen und holländischen.
Das bezweifle ich. Holland kenne ich nicht, aber in Frankreich wird definitiv nicht der gleiche Fußball gespielt.
Sondern?
Die Franzosen spielen, sagen wir, einen dreckigeren Fußball. Viele Teams verstecken sich in einer Partie, warten ab und stoßen dann mit Kontern zu. In Deutschland ist der Fußball angriffslustiger. Das gefällt mir.
Sie müssen im schlimmsten Fall nach einem Jahr wieder zurück. Und im besten Fall?
Bleibe ich hier. Ehrlich gesagt möchte ich nicht nach Marseille zurück. Wenn ich Manager Dieter Hoeneß wäre, ich denke, ich würde mich kaufen.

