Streng genommen könnte man auch vom 86. Geburtstag sprechen, wenn das Istaf am Sonntag seinen 70. feiert. Denn bereits 1921 fand in Berlin ein Sportfest mit dem Titel Internationales Stadionfest (Istaf) statt. Ein Olympiastadion stand damals noch nicht zur Verfügung. So kamen etwa 20 000 Zuschauer in das Grunewaldstadion. In diese Arena war auch eine Schwimmbahn integriert - das Istaf ging sozusagen baden: Auf dem Programm standen 1921 auch Schwimm-Wettbewerbe!
Obwohl die Premiere als eine erfolgreiche beschrieben wurde, fand das Istaf in den nächsten Jahren nicht mehr statt. Durch die jahrelange Pause zählt die Veranstaltung von 1921 nicht offiziell zur Istaf-Historie. Ein Jahr nach den Olympischen Spielen wurde 1937 der Neuanfang im Berliner Olympiastadion gemacht - vor einer Rekordkulisse von 80 000 Zuschauern (am Sonntag ist das Meeting mit 70 000 Besuchern ausverkauft) und mit zwei Weltrekorden.
15 dieser Bestmarken wurden in der Istaf-Historie bis heute gebrochen beziehungsweise eingestellt. Die Geschichte des Sportfestes spiegelt jedoch nicht nur die Leistungsentwicklung der Spitzenleichtathletik und die Historie der Sportart wider. Die Veranstaltung gibt auch ein Beispiel für die Entwicklung im Spitzensport: vom Amateurstatus zum Profi. Dies gilt dabei nicht nur für die heute längst von Managern vertretenen, bezahlten Sportler, sondern auch für die Organisation. Gut 50 Jahre lang wurde das Istaf rein ehrenamtlich organisiert, von den drei Berliner Vereinen BSC, SCC und OSC.
Als Cheforganisator in den Nachkriegsjahren fungierte Walter Blume vom SCC, und einer seiner wichtigsten Helfer war Heinz Cavalier (OSC). Der Chefredakteur der Fachzeitschrift "Leichtathletik" setzte dabei seine Auslandskorrespondenten ein, um internationale Stars wie zum Beispiel den Langstreckler Ron Clarke (Australien) für das Istaf zu verpflichten. "Verpflichten" ist nicht ganz korrekt, denn Startgelder gab es noch nicht.
"Gelegentliche Geschenke an die Superstars der damaligen Zeit waren eher als Dankeschön denn als Antrittspreis zu sehen", erinnert sich Rudi Thiel (OSC), zwischen 1968 und 2000 Cheforganisator.
Dass sich das Istaf im Laufe der Jahre unter den besten Meetings der Welt etablierte, war das Verdienst von Thiel. 1969 betrug der Etat rund 100 000 D-Mark - damit lässt sich heute nicht einmal eine einzige attraktive Disziplin finanzieren. Die Organisatoren waren dabei auf Zuschauereinnahmen angewiesen. Da die Reisekosten das Gros des Etats verschlangen, wurden die Athleten mit Pokalen, Medaillen und Blumen geehrt. Da gab es selbst beim Weltrekord des Australiers Kerry O'Brien 1970 über 3000 m Hindernis keine Ausnahme. Ein Wunsch wurde ihm erfüllt: Das Ferngespräch mit seinen Eltern brauchte er nicht zu bezahlen. Rund ein Jahrzehnt später begann sich das Sponsoring in Verbindung mit Fernsehübertragungen zu entwickeln. Startgeldzahlungen waren von Verbandsseite offiziell genehmigt.
Eine Aufwertung erfuhr das Istaf dann 1985, da es von Beginn an zur damals neuen Grand-Prix-Serie des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF) zählte. Drei Jahre später war das Meeting sogar Schauplatz des IAAF Grand-Prix-Finales. Gemeinsam mit den Organisatoren der Sportfeste von Zürich, Brüssel und Oslo gründete Rudi Thiel 1993 die Golden-Four-Serie - der Vorläufer der IAAF Golden League, zu dem das Istaf später ebenfalls von Beginn an (1998) zählen sollte.
Der steigenden Bedeutung war die teilweise amateurhafte Struktur des Istaf jedoch nicht mehr gewachsen. Dabei geriet das Sportfest in der Folge der Nachfolgeregelung von Rudi Thiel in heftige Turbulenzen. Die drei traditionellen Veranstaltervereine waren überfordert mit dieser Herausforderung. Nach der sogenannten "Istaf-Faxaffäre" (ein aus dem Istaf-Büro geschicktes und die Sportstadt Berlin diffamierendes Fax an die IAAF trug 2002 dazu bei, dass die Stadt im Rennen um die WM 2005 unterlag; 2006 wurde der frühere, kurzzeitige Thiel-Nachfolger Stephane Franke dafür verurteilt) und der Pleite der Istaf GmbH kurz darauf stand das Meeting vor dem Aus. Doch der Berliner Unternehmer Werner Gegenbauer rettete 2002 das Meeting und gründete die Leichtathletik-Veranstaltungsgesellschaft (LVG). Als geschäftsführender Gesellschafter hat Gerhard Janetzky das Istaf wieder zurückgeführt in ein ruhigeres und zugleich sicheres Fahrwasser. Das einzige hochkarätige deutsche Leichtathletik-Sportfest zählt wieder zu den besten Ein-Tages-Meetings der Welt. Die sportliche Qualität ist auf dem Weg zurück zu den Hochglanz-Meetings der 90er-Jahre, als bis zu 25 Olympiasieger oder 27 Weltmeister im Olympiastadion an den Start gingen.

