Als es zu Ende war, fielen sie alle zu Boden. Die erste Meisterfeier des VfB Stuttgart fand auf etwa fünf Quadratmetern statt. 25 zappelnde Leiber in roten Trikots bildeten einen Haufen Glück. Ganz unten, begraben von den Kollegen, Torwart Timo Hildebrand, der keinen schöneren Abschied bekommen kann. Stuttgart im Taumel, zum fünften Mal ist der VfB Deutscher Meister. Ex-Nationalspieler Guido Buchwald, der mit seinem Tor 1992 den letzten Titel sicherte, überreichte die Schale.

Vorausgegangen war ein schwer erkämpftes 2:1 (1:1) über Energie Cottbus. So hat die 44. Bundesliga-Saison ihren Überraschungsmeister, mit dem so mancher Wettfreund reich geworden ist. Und weil sie so verrückt war, konnte sie ja nicht normal enden. Für acht Minuten war die Schale weg, hoffte Schalke 04 - aber dann bewies der VfB, dass er ein würdiger Meister ist und fuhr den achten Sieg in Folge verdient ein.

Empfang bei Ministerpräsident Oettinger

Für den Abend war ein Empfang beim Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Günther Oettinger, vorgesehen und die Bühne auf dem Schlossplatz reserviert für ein Konzert der Popgruppe "Die Fantastischen Vier" - als Teil der großen Meisterfeier, die dort schon lange vor dem Anpfiff im Gange war. Keine Maus hatte mehr Platz, weil 70 000 Fans vor einer Großleinwand die WM-Stimmung des Sommers 2006 aufleben ließen.

Im ausverkauften Stadion sorgten 56 000 Zuschauer für eine meisterliche Stimmung. Zwei Punkte Vorsprung, seit sieben Spielen nur Siege, seit 14 Heimspielen ungeschlagen. Was sollte da noch passieren? Zumal Aufsteiger Cottbus offenbar die Saison nach der Rettung vor drei Wochen schon abgeschenkt hatte und mit Kind und Kegel nach Stuttgart reiste.

Trainer Petrik Sander entgegnete dem humorlos: "Wir haben keinen Grund, nette Gäste zu sein. Sollten wir die Spielverderber sein, dann tut's mir leid."

Diesen Worten folgten Taten. Zum Entsetzen der erwartungsfrohen Kulisse spielte Energie auch ohne vier Stammspieler unerschrocken auf. Während Timo Hildebrand Vlad Munteanus Schuss noch meistern konnte, war er drei Minuten später machtlos. Sergiu Radu hielt seinen rechten Fuß in einen eigentlich missglückten Volleyschuss seines Landsmannes Munteanu und sorgte für ungeheuere Dramatik im Titelkampf (19.). Acht Minuten war der VfB die Tabellenführung los, dann traf Cottbus und somit auch Schalke ein Hammerschlag. Thomas Hitzlsperger, in England nur als "The Hammer" bekannt wegen seiner Schussgewalt, drosch einen Eckball von Pavel Pardo aus 22 Metern volley ein - ein Traumtor gegen die Albträume. Weil Cacau gleich drei Chancen vergab und Tomislav Piplica Ludovico Magnins 35 Meter-Lupfer hielt, ging es mit 1:1 in die Pause.

Der Vorsprung auf Schalke, das zu diesem Zeitpunkt 2:0 gegen Bielefeld führte, betrug nur noch zwei Tore und alle Schwaben-Herzen bebten. Auch das von Bundestrainer Joachim Löw, der vor zehn Jahren den letzten Titel nach Stuttgart geholt hatte (DFB-Pokal). Manager Horst Heldt sagte: "Man merkt, sie sind sehr nervös. Die jungen Spieler merken, dass es ein besonderes Spiel ist - und deswegen ist es so spannend."

Aber das ist der Preis dafür, wenn man auf die eigene Jugend setzt. Und Armin Veh wurde für sein Vertrauen belohnt, insbesondere im Fall Sami Khedira (20). Der Deutsch-Tunesier war vor der Pause die Nervosität in Person und bettelte schier um seine Auswechslung.

Entscheidung um 16.49 Uhr

Aber Veh ließ ihn drin und tauschte stattdessen Ricardo Osorio gegen Toni da Silva aus - es war der Schlüssel zum Sieg und damit zum Titel. Als da Silva von links flankte, da war es nicht der ebenfalls eingewechselte Nationalstürmer Mario Gomez oder der gestern glücklose Cacau, sondern Khedira, der den Ball mit dem Kopf eindrückte. Es war 16.49 Uhr.

Danach gab es nur noch eine Schrecksekunde: Der eingewechselte Petar Rivic traf freistehend den Ball nicht richtig (80.). VfB-Präsident Erwin Staudt: "Wir haben etwas geschafft, was keiner erwarten konnte. Es wäre wunderbar, wenn wir mit dem DFB-Pokalsieg kommenden Samstag noch einen draufsetzen könnten."