Größter Dopingskandal der Geschichte

Die Gründung der unabhängigen nationalen Antidoping-Agentur USADA vor drei Jahren gilt in den USA als Meilenstein. Über die internationale Wahrnehmung von ihrer moralisch-ethischen Zuverlässigkeit im Sport bis dahin sind sich die Amerikaner bewusst: "Für den Rest der Welt", dämmert es der "Los Angeles Times", "waren wir zur neuen DDR geworden." Medaillen durch systematisches Doping.

Ausgerechnet der USADA verdankt die Nation nun, dass der Beweis erbracht ist, dass Doping bis heute so flächendeckend verbreitet ist, als wäre der Muskelaufbau des kalifornischen Neu-Senators Arnold Schwarzenegger mit Steroiden Vorbild für sein Wahlheimatland. Am Donnerstag erschütterte der USADA-Chef Amerika mit einer Meldung, die seine Agentur als Erfolg verbuchen darf: "Was wir aufgedeckt haben, scheint absichtliches Doping der schlimmsten Art zu sein", sagte Terry Madden, "ich kenne keinen anderen Drogenschlag, der größer ist als dieser, gemessen an der Anzahl der beteiligten Athleten."

Den Hinweis gab ein Leichtathletik-Trainer, der im Juni eine gebrauchte Spritze an die USADA schickte. Zwei volle Monate brauchten acht Fachleute, um im Labor die Rückstände des Mittels zu entschlüsseln und einen Test zu entwickeln. "In 25 Jahren", sagt der zuständige amerikanische Laborchef Don Catlin, "ist das der größte und komplizierteste Fall, der mir untergekommen ist."

Daraufhin wurden 350 bei den US-Meisterschaften eingesammelte Urinproben plus 200 in unangemeldeten Trainingskontrollen entnommene Proben von Athleten, die Kontakte zu einer Herstellerfirma hatten, ein weiteres Mal untersucht. Gezielt auf eine zuvor nicht nachweisbare Substanz namens Tetrahydrogestrinon (THG). Nebenbei stellten sie weitere Verstöße fest: Leichtathleten fielen nachträglich plötzlich durch Modafinil-Missbrauch auf, eine Stimulanz, die bei der US-Doppel-Sprint-Weltmeisterin Kelli White in Paris bei der WM nachgewiesen worden war. "Hier geht es um weit mehr als einige Athleten, die zufällig positiv getestet werden, weil sie ein verunreinigtes Nahrungsergänzungsmittel konsumiert haben", sagte Madden in einer telefonischen Pressekonferenz, "hier geht es eher um eine Verschwörung von Chemikern, Trainern und bestimmten Sportlern, die genommen haben, was als nicht nachweisbares Designer-Dopingmittel eigens hergestellt worden war, um Konkurrenten und Publikum zu betrügen."

Während der USADA-Chef Madden aus juristischen Gründen bis Anfang Dezember keine genauen Angaben machen will, sprechen informierte Kreise nun von mindestens einem halben Dutzend positiv getesteter Athleten. Die "LA Times" nennt den Kugelstoßer Kevin Toth (35), bei der WM in Paris gerade Vierter geworden. Tatsächlich weist Toths Leistung eine erstaunliche Kurve auf: Vor einem Jahr verbesserte er trotz seines relativ hohen Athletenalters seine Weite innerhalb einer Saison um 1,76 Meter, soviel wie zuletzt zehn Jahre zuvor.

Ins Visier der Fahnder als möglicher Produzent ist die kalifornische Firma Balco geraten, die mit Top-Athleten wie der Sprinterin Marion Jones oder dem Baseball-Star Barry Bonds zusammen arbeitet und deren Räumlichkeiten vor Wochen schon die Polizei durchsucht hatte. Balco-Chef Victor Conte jammerte in einer E-Mail an kalifornische Zeitungen, dass THG nicht einmal nachweislich ein anaboles Steroid sei und bisher keine Literatur über seine Wirkung zur Verfügung stünde.

Fachleute amüsieren sich über den mageren Rechtfertigungsversuch: "Hier wurde offenkundig ein Steroid als Grundgerüst modifiziert", sagt der Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer, "um die Nachweisbarkeit zu erschweren." Experten wie der Kölner Professor sehen eine bedenkliche Entwicklung, "weil in den USA immer häufiger Steroide synthetisiert werden, um sie in Nahrungsergänzungsmitteln zu vermarkten".