Berliner Spaziergang: die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Autor Bernd Philipp trifft Berliner, die in der Stadt etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Klaus Siebenhaar

Männer, die sich gleich mehrfach unter das Glücksrad der Ehe werfen, werden in der Gesellschaft oft stigmatisiert. Einer, der als bekennender "Ja"-Sager vor dem Standesamt und quasi als Wiederholungstäter gerade zum "4-Sterne-Ehemann" befördert wurde, ist Klaus Siebenhaar. Er hat so viele Funktionen, Ämter und Aufgaben im Berliner Kulturbetrieb, daß es nahezu unmöglich ist, über ihn eine knappe Personalie zu verfassen.

Den Professor, der sozusagen hauptberuflich auf Kultour ist, treffe ich zum Frühstück im Dahlemer Gartenrestaurant Luise. Er ist frisch verheiratet und - wie schön - trotzdem glücklich. "Ich bereue keine meiner Ehen. Das ist gelebte Kontinuität. Jetzt mit Anfang 50 war es mir ein Bedürfnis, eine Beziehung, die schon lange währt, zu legalisieren. Eine Premiere für mich: Erstmals habe ich nicht in Berlin geheiratet, sondern in Bayern. Und zwar in einem Kloster mit eigener Brauerei." Die Frau an seiner Seite heißt Dagmar Boeck.

Er ist bekennender Biertrinker. Wein und Champagner sind nicht seine Sache. Ein klassischer Genußmensch ist er auch nicht. "Ich gehe nie in ein Restaurant, um mich kulinarisch verwöhnen zu lassen, sondern treffe meine Wahl immer nur unter dem Aspekt, wo ich mich vom Ambiente her wohlfühle." Im Borchardt am Gendarmenmarkt - das wissen die Schnitzeljäger und die Lauwarmkartoffelsalat-Anbeter der Stadt - fühlt er sich besonders wohl.

Übrigens: "Ich liebe Kartoffel- und Nudelsalat. Ich bin nie eine Partnerschaft oder gar Ehe eingegangen mit einer Frau, die ein Salatproblem hatte. Im Augenblick lebe ich auf einem Salat-Olymp. Meine Frau Dagmar und ihre Tochter Maria, die bei uns lebt, sind wahre Weltmeisterinnen. Ich will nicht angeben, aber behaupte mal: Kein Mann in dieser Stadt wird vergleichbar verwöhnt."

Schön für ihn. Und nun wollen wir mal ein bißchen spazierengehen. Siebenhaar möchte mir seine eigentliche Heimat zeigen, und das ist seit mehr als 30 Jahren das Dahlemer Gelände der Freien Universität (FU). Hier hat er von 1972 an Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte studiert, hier hat er promoviert, als Assistent gearbeitet, seinen "Prof" gemacht - und hier ist er mit der Verlegung des Instituts für Kultur- und Medienmanagement von der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" an die FU vor einem Jahr Direktor geworden.

Dieser "Professor Unrast" will mir eine geheime Welt zeigen, und noch kann ich nicht ahnen, daß sie mir selbst danach noch gänzlich rätselhaft und verschlossen sein wird. Es geht um Straßen, die in keinem Berliner Straßenführer stehen, und es geht um "KL 25/333". Das klingt alles sehr kryptisch, so, als wäre man mitten in einem Agentenfilm.

"Sie werden es nicht glauben", sagt 007haar, "als ich damals auf dem Campus rumlief, wandelte ich tatsächlich auf den Spuren eines Agentenfilms. Mitte der 60er Jahre wurde hier ,Das Quiller-Memorandum' gedreht. Senta Berger spielte eine Doppelagentin und Lehrerin. Der Henry-Ford-Bau war die Schule. George Segal sagt ihr hier, daß er sie durchschaut habe, und dann geht er diesen Weg entlang bis zur alten Mensa. Das war die letzte Einstellung. Die einzige internationale Filmproduktion, in der die FU Kulisse war."

Wir sind nun in der "Rostlaube", die ihren Namen wegen des rot-braunen Anstrichs bekam und die Bezeichnung "Laube" erhielt, weil sich dort vorher Obstgärten befanden. Das nach einem brasilianischen Konzept erstellte Gebäude, das seit seiner Eröffnung ein Sanierungsfall ist, schimmert inzwischen kupfern, weshalb es eigentlich Kupferlaube heißen müßte.

"Dieses Gebäude", sagt Prof. Siebenhaar, "verfügt über ein Straßensystem, das sich einem normalen Menschen nicht erschließen kann. Es gibt hier drei Straßen, die J-Straße, die K-Straße und die L-Straße. Dann gibt es noch Querstraßen, die Nummern haben. Ich habe in all der Zeit versucht zu erfahren, warum die Straßen nicht nach dem simplen Ordnungsprinzip A, B und C benannt sind, aber die Frage hat mir niemand beantworten können. Wenn ich einen Gast habe, hole ich ihn vom Parkplatz ab und bringe ihn dort auch wieder hin. Es besteht immer die Gefahr, daß er sich bei uns verläuft und von seinen Angehörigen als vermißt erklärt wird..."

Okay, und was ist jetzt "KL 25/333"? Um es kurz zu machen: Es ist Siebenhaars Büro. Die erste der drei Dreien weist darauf hin, daß es im 2. (!) Stock liegt. Läge es im 1. Stock, hieße es "KL 25/2(!)33". Noch Fragen?

Man kann sich sehr verloren fühlen an der FU. Wie schön, daß Klaus Siebenhaar ja auch noch eine richtige Heimat hat: Kassel. Die beschauliche Stadt ist das Epizentrum seines Herzschlags. Die "documenta"-Stadt, in der er als Sproß eines Vertreters von "Dr.-Oetker"-Produkten aufwuchs, ist der Pudding seines Lebens geblieben. Die Kasseler, die wichtige Bastionen bei Banken, in der Politik, in den Medien und in vielen Bereichen des Top-Managements besetzen, sind eine verschworene Gemeinschaft. Eine Art Geheimbund, der sich netzwerkähnlich informiert und anschiebt. In der rot-grünen Regierung sitzen mit Brigitte Zypries (Justiz) und Hans Eichel (Finanzen) gleich zwei Kinder Kassels. "Hans Eichel", erzählt Klaus Siebenhaar in der K-Straße, "war mein Lehrer in Sozialkunde. Ein netter Mann. Er sieht heute noch genauso aus wie früher, irgendwie alterslos. Die Frau, die er jetzt geheiratet hat, war eine Klasse unter mir. ,Das Gaby' haben wir sie genannt, ein tolles Mädchen."

Man sieht es dem Mann mit dem Erscheinungsbild eines arrivierten Jungfilmers aus seligen 68er-Zeiten nicht an, daß es ihn in seiner Sturmzeit auch beim Fußball in gegnerische Strafräume gedrängt hat. Allzu gern wäre er als Mittelstürmer seines Heimatvereins KSV Hessen Kassel mit der magischen 10 auf dem Rücken erfolgreich gewesen, aber da fehlte doch das Talent. Immerhin: Bei nostalgischen Promi-Spielchen kann er heute schon mal groß aufspielen und zufrieden feststellen, daß die Offensivkünstler von gestern auch nicht mehr so gut drauf sind.

Man muß es bei aller Wertschätzung für diesen Berliner Kulturguru sagen: Ein "Knipser" war er nicht. Mehr so ein Fan. Die Spiele seines Lieblingsvereins Hessen Kassel (Oberliga Hessen und vor wenigen Wochen spektakulär erfolgreich gegen Wattenbach!) verfolgt er mit Kasseler Treue. "Als kleiner Junge habe ich schon mit 'ner Bratwurst in der Hand auf der Tribüne gesessen. Kassel hat immerhin mal gegen die Bayern um den Aufstieg gespielt. Sepp Maier stand damals im Tor, und der hielt leider zu gut für uns..."

Er liebt alte Filme, und eigentlich auch Klischees. Clint Eastwood wurde mal gefragt, wie er sich als Westernheld so fühle. Und er hat geantwortet: "Ich reite in die Stadt, alles andere ergibt sich."

"Das ist eigentlich mein Lebensmotto", sagt Siebenhaar, "man muß die Dinge auf sich zukommen lassen und darf sich nicht als Bedenkenträger verzetteln. Einfach was machen."

Er macht viel. Hat viel zu tun. An der FU. Am Jüdischen Museum, wo er fürs Marketing zuständig ist und an einem eigenwilligen und zugleich aufregenden Projekt arbeitet: Er ist gerade dabei, die Adventszeit zu verlängern!

Wie bitte? Ja, es ist wahr. Zwischen dem 27. Oktober und dem 29. Januar präsentiert er im Jüdischen Museum in Kreuzberg das Kulturprogramm der ersten christlich-jüdischen Sonderausstellung "Weihnukka". Weihnachten und Chanukka - zwei feststehende Begriffe in der christlichen und jüdischen Festtradition - werden hier zusammengeführt. "Die Ausstellung", so Siebenhaar, "möchte einen Blick auf die Geschichte beider Feste werfen, ihre Riten und Gebräuche aufzeigen. Insbesondere sollen die eher unbekannten Wechselwirkungen zwischen beiden Festtraditionen präsentiert werden. So ist beispielsweise das bis heute populärste Chanukka-Lied (,Maos Tzur') aus dem 15. Jahrhundert in ein Kirchenlied Martin Luthers eingeflossen, und Bing Crosbys internationaler Hit ,White Christmas' wurde von dem jüdischen Komponisten Irving Berlin geschrieben."

Es werden Kitsch und Kunst präsentiert, Erstaunliches, Nachdenkliches, Amüsantes. Auch Kulinarisches: warme jüdische Spezialitäten, Bratwürste, kandierte Äpfel, Mandeln etc.

Weil das Chanukka-Fest erst am 2. Januar endet, können auch die Christen ungewohnt lange festliche Gefühle hegen. Ist eben alles eine Frage der kulturellen Event-Aufbereitung. Für Siebenhaar ist das eine große Herausforderung. Fast wie die "documenta" in Kassel. Zum 50. Jubiläum der Kunstausstellung hat er in seinem Verlag Bostelmann & Siebenhaar gerade einen Bildband herausgebracht, eine Dokumentation über Kunstwerke und Künstler. Der eigentliche Schwerpunkt seines Verlags sind Berlin-Themen. Das "Kultur Handbuch Berlin" erscheint in der dritten Auflage, der Longseller "Wie werde ich ein Berliner?" von Carmen Böker und Silvia Meixner bereits in der vierten.

"Meine ersten Jahre in Berlin", erzählt Siebenhaar, der als Kriegsdienstverweigerer Anfang der 70er Jahre in die Frontstadt kam, "habe ich in Kreuzberg, in SO 36, verbracht. Kneipenkontakte in der Kleinen Weltlaterne. Das war auch viel gemütlicher als Schlammrobben beim Bund. Soziale Berührungen mit einheimischen Jung-Berlinerinnen gab es im Riverboat am Fehrbelliner Platz und im Big Eden."

Den Führerschein hatte sich der smarte Neuberliner im Straßenbau verdient. Das Dokument von damals hat er noch heute, sieht auf dem Foto ein wenig aus wie Jesus. Solche Leute nannten die aufgeschlossenen Deutschen Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre abschätzig "Gammler". Die größte Abstrafe von Onkel und Tanten lautete: "Junge, du siehst ja aus wie ein Gammler!" Lustige Vorstellung: Jesus vor einer bürgerlichen Kneipe, und dann ist da einer, der sagt: "Schneiden Sie sich erst die Haare, dann kommen Sie wieder!"

Hat er wirklich erlebt. Als Schüler mit westdeutschem Paß in Ost-Berlin. "Da hat man mich nirgendwo reingelassen. Als Gammler bekam man da nichts zu essen." Konnte ja auch niemand ahnen, daß "so einer" später mal elf Jahre lang am Deutschen Theater tätig sein würde. Aber das wußte er ja selbst auch nicht. Er ist eben einfach in die Stadt geritten, und alles andere hat sich ergeben...

Ein Hobby hat er, das man von ihm nicht erwartet: Er liebt das strapazierte Zelluloid der 50er, 60er und 70er Jahre. Die Tanz- und Revue-Filme mit Caterina Valente, Vico Torriani, Peter Alexander, Cornelia Froboess, Georg Thomalla, dem frühen Roy Black, mit Heinz Erhardt, Gunter Philipp, Luise Ullrich - ach, die liebt er einfach. Und vor allem die filmhistorisch einzigartigen Streifen vom Wörthersee.

"Das ist einfach Kult", sagt er, und irgendwie gebe ich ihm recht. Habe erst vor Tagen den wunderschönen Film "Meine Tante, deine Tante" mit Peter Alexander gesehen. Warum hat der eigentlich nie einen "Oscar" bekommen? Ich will Professor Klaus Siebenhaar fragen. Aber der ist auf einmal weg. Habe ihn irgendwo verloren zwischen K- und L-Straße.

Wenn Sie mal auf dem FU-Gelände einen Mann sehen, der aussieht wie Professor Siebenhaar, rufen Sie uns bitte an. Als Finderlohn gibt es Kartoffelsalat von Frau Siebenhaar.