Jens Böhrnsen steht im Langhans-Saal des Schlosses Bellevue, ein wenig breitbeinig und sehr gelöst. Er lächelt sein warmes Bürgermeister-Böhrnsen-Lächeln, sodass der Gast gleich auf ihn zuläuft und ihm die Hand schüttelt, statt protokollgerecht und mit gebührendem Abstand seine eingeübte Begrüßungsformel zu sprechen.
Dabei achtet Böhrnsen, der ja kein heuriger Hase ist in der Politik, peinlichst darauf, auch nicht den winzigsten Anlass zu liefern für Spekulationen. Also reduziert er die, dennoch offensichtliche, Freude am Kurzzeitamt auf homöopathische Dosen. Degradiert die eng getakteten vier Wochen als Staatsoberhaupt zur "Herausforderung", die er ja schlecht habe ablehnen können als Bundesratspräsident.
Es sei eine "interessante und spannende Zeit" gewesen in Bellevue, sagt er und dass das Ganze "so nicht vorgesehen war in meiner Lebensplanung". Man meldet sich eben nicht einfach so an als Kandidat fürs Schloss. Schon gar nicht, wenn man in gerade mal einem Jahr wieder gewählt werden will in seiner Heimatstadt, was wohl klappen wird, wenn man den Bundestrend und die Bremer Wahlergebnisse der vergangenen Jahrzehnte nebeneinanderlegt. Böhrnsen ist Sozialdemokrat durch und durch, aber einer jener bei der Union mit großem Unwohlsein betrachteten Sozialdemokraten, deren Auftreten auch im bürgerlichen Lager große Anerkennung findet.
Zurückhaltende Kritik an Köhler
Böhrnsen hat sich bezüglich der Flucht des Ex-Präsidenten aus dem Amt allergrößte Zurückhaltung auferlegt, auch wenn er weiß, dass "80 Prozent, Minimum, der Bürger" Köhlers abrupten Ausstieg nicht verstanden haben. Und das ist es doch gerade, was das Verhältnis zwischen Bürger und Staat so sehr hat abkühlen lassen. Dass der eine den anderen nicht versteht. Nicht nachvollziehen kann, warum da einer plötzlich die Fliege macht, der doch Vorbild sein sollte. Es ist unwahrscheinlich, dass Jens Böhrnsen ein solch destruktiver Akt unterlaufen würde.
Man kann das abkürzen an dieser Stelle: 56 "Beamtenurkunden, Ordenserlasse, Ordensurkunden" hat Böhrnsen bis zum Wochenende unterschrieben, dazu neun "Gesetze, Urkunden, Ratifikationen sowie Zustimmungen zu Notifikationen". Vier Wochen ist der 61-Jährige freudig gependelt zwischen seinen drei Ämtern als Bürgermeister, Bundesratspräsident und amtierender Bundespräsident, zwischen Bremen und Berlin, das er ohnehin mit in sein hanseatisches Herz geschlossen hat. Er hat sich nicht vorgedrängelt, diplomatische Zurückhaltung bewiesen, war pünktlicher als sein Vorgänger und, man ahnt das ja nur, auch ein bisschen beliebter bei den Mitarbeitern des Bundespräsidialamtes. Wenn also die SPD einen Kandidaten suchen sollte fürs höchste Amt im Staate, man sollte mal in Bremen nachschauen. Ob sich da einer nicht vielleicht doch würde überreden lassen. Wolfgang Teske, der schon seit 41 Jahren im Bundespräsidialamt seinen Dienst versieht und neun Präsidenten miterlebt hat, formuliert es nach 25 Tagen mit dem Bremer Bürgermeister so: "Böhrnsen wäre ein idealer Präsident."



