Die Kritiker von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg werden ihm nun wieder Inszenierung in eigener Sache vorwerfen. In der Tat hatte kein Kabinettskollege für das letzte Vorrundenspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft eine vergleichbar PR-trächtige Idee.

Der CSU-Politiker verfolgte das 1:0 über Ghana an Bord der Fregatte "Schleswig-Holstein" - und die liegt derzeit nicht im Heimathafen an der Nordsee vor Anker, sondern am Horn von Afrika. In Dschibuti.

Und so übertrugen die mitgereisten Kamerateams und Fotografen Bilder wie aus einem Werbespot der Bundeswehr in die Heimat: Guttenberg beim gemeinsamen Bier im Kreise seiner Soldaten, beim Fachsimpeln über die Aufstellung des Bundestrainers Joachim Löw, beim Jubel über das Tor von Mesut Özil, beim Abklatschen mit dem einfachen Gefreiten nach dem Schlusspfiff. Ein Minister zum Anfassen und Ansprechen eben, nicht im Vorbeigehen, sondern über 90 Minuten.

Man kann das als Selbstinszenierung abtun. Die Soldaten allerdings empfanden es anders, nämlich als Anerkennung ihrer Arbeit unter extremen Bedingungen. Für fünf Monate ist die "Schleswig-Holstein" nach Afrika abkommandiert, als deutscher Beitrag zu den Operationen "Atalanta", der Piratenbekämpfungsmission der Europäischen Union, und "Enduring Freedom", dem Antiterroreinsatz unter Führung der USA. Das heißt fünf Monate Arbeit bei extremen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit. Eine Arbeit außerdem, die ohne Ministerbesuch in der deutschen Öffentlichkeit so gut wie nie wahrgenommen wird.

Harter Einsatz am Horn von Afrika

Deshalb kam Guttenbergs Reise bei den Soldaten gut an. Vor allem bei jenen, die Vergleiche zu seinem Vorgänger Franz Josef Jung (CDU) ziehen können. Ein Offizier, der vor Jahren eine Visite Jungs im afghanischen Kundus vorbereiten musste, sagte: "Zwei Wochen haben wir damals geackert, um alles perfekt zu organisieren. Und dann ist der Minister im Eiltempo durchgerauscht, hat fast nur mit den Kommandeuren gesprochen."

Das ist bei Guttenberg anders. Nach der Lagebesprechung mit Kapitän und Marineinspekteur hielt er in Dschibuti eine kurze Ansprache, in der er der Mannschaft für Einsatz und Entbehrungen dankte und versprach, die Aufmerksamkeit in Deutschland verstärkt auf ihre Arbeit zu lenken: "Die Diskussion in der Heimat ist noch nicht da, wo ich sie gern sehen möchte." Und dann forderte er die Soldaten auf, ihn während des Fußballspiels anzusprechen, um abseits des Dienstwegs persönliche Eindrücke zu schildern - ein Angebot, das nach anfänglichem Zögern reichlich in Anspruch genommen wurde.

Eine Fülle von Fragen

Denn neben den alltäglichen Problemen des Einsatzes gibt es in diesen Tagen eine Fülle von Fragen. Die Debatte über die anstehende Strukturreform der Bundeswehr beschäftigt die Truppe auch in Dschibuti: Wo und wie soll gespart werden? Wird die Wehrpflicht abgeschafft oder noch nicht? Und dann gibt es noch die Berichte der vergangenen Wochen: Hat der Minister tatsächlich mit Rücktritt gedroht? Lässt er, wie einer fragt, "die Bundeswehr im Stich?". Guttenberg blieb keine Antwort schuldig. Er erläuterte, dass sich die Realitäten beim Auslandseinsatz in den Strukturen der Bundeswehr "nicht immer widerspiegeln". Er sprach von einem "Wasserkopf" an der Spitze der Streitkräfte, der beseitigt werden soll.

Außerdem sagte der Minister, dass sich eine Reform zuerst nach sicherheitspolitischen Vorgaben zu richten habe, aber auch vom Haushalt bestimmt werde. Und auch die drei mitgereisten Bundestagsabgeordneten durften erfreut zur Kenntnis nehmen, dass Guttenberg die Absicht hat, seinen überraschenden Vorstoß zur Aussetzung der Wehrpflicht im Parlament intensiv zu erläutern. Und die kolportierten Rücktrittsgedanken? Der Verteidigungsminister versicherte den Soldaten, niemand müsse sich Sorgen machen: "Ich bin nicht konfliktscheu, sondern werde mich weiter für Ihre Anliegen einsetzen."

Der Ärger über den Verlauf des Kundus-Untersuchungsausschusses scheint verraucht und der Chef wieder hoch motiviert. So ließ sich auch die Äußerung interpretieren, die der Minister nach dem Sieg der Nationalmannschaft über Ghana verlauten ließ. Was denn nun im Achtelfinale gegen England zu tun sei, wurde er gefragt. Guttenberg machte sich ein Motto des früheren Nationaltorhüters Oliver Kahn zu eigen: "Weitermachen, immer weiter!" Reisetechnisch setzte er diese Ankündigung prompt um: Am Donnerstag ging es aus Afrika weiter nach Zypern. Auch dort gibt es eine Einsatzbasis der Bundeswehr, von der nur selten die Rede ist, auch dort sagte der Minister zum ersten Mal Guten Tag. Von Limassol aus operiert das deutsche Minenjagdboot "Kulmbach", das im Rahmen der Mission Unifil die Küste des Libanon überwacht.