Ein Leben wider das Vergessen

Als vor 15 Jahren die Mauer fiel, lebte Alexandra Weissmann in Kiew. Die Ukrainerin, deren Vater deutscher Abstammung ist, malte nach einem Kunststudium bevorzugt Menschen und hatte von dem einstürzenden schändlichen Bauwerk in Berlin noch nie gehört. Heute heißt sie Alexandra Hildebrandt, die Mauer und das Gedenken an deren Opfer sind ihr zur Lebensaufgabe geworden. Wie ernst und ganz im Sinne ihres im Januar gestorbenen Mannes und Gründers des Mauer-Museums am Checkpoint Charlie, Rainer Hildebrandt, der 45jährigen diese Arbeit ist, davon zeugen seit ein paar Tagen die neu zusammengefügten Mauerteile und aufgestellten Holzkreuze vor ihrer Museumstür beiderseits der Friedrichstraße am früheren DDR-Grenzübergang für Ausländer. Ihr privates Mahnmal hat prompt den ersten Zweck erfüllt: Die Gemüter in der Stadt sind erregt, Bezirk und Senat reagieren mit einer seltsamen Mischung aus Demut, Verständnis, Verärgerung und Ratlosigkeit, scheinen aber nach 15 Jahren endlich ernsthaft darüber nachzudenken, wie die beiden letzten freien Grundstücke an diesem Ort, der Berliner und Weltgeschichte geschrieben hat, würdig gestaltet werden könnten. Wer ist Alexandra Hildebrandt, was treibt sie an, notfalls auch zu Provokationen?

Wir treffen uns morgens früh um neun zu einem Waldspaziergang. Eine nicht ganz gewöhnliche Zeit für ein solches Vorhaben. Aber Alexandra Hildebrandt ist eine Frau voller Überraschungen. Dick vermummt mit langem Wollschal und kaninchenfellgefütterter grauer Winterjacke steigt sie am S-Bahnhof Eichkamp gleich hinter dem Messegelände aus ihrem französischen Kleinwagen. Entlang der Waldschulallee, vorbei an den schmucken Reihenhäusern der Eichkampsiedlung, dem Mommsen-Stadion, das schon bessere sportliche Zeiten gesehen hat, mit dem Ziel Grunewald klären wir zunächst ihren Weg aus der Ukraine nach Deutschland. "Na ja, das war ganz verrückt ", beginnt Alexandra Hildebrandt in ziemlich gutem Deutsch. "Ich hab mir nie vorgestellt, nach Deutschland zu kommen. Eigentlich war ich sehr glücklich zu Hause in Kiew. Vielleicht wollte es der liebe Gott so..."

Es ist wirklich eine ziemlich verrückte Geschichte. So kurz wie möglich und gerade noch verständlich liest sie sich so: Alexandra Weissmann stellt ihre Bilder in Kiew aus und wird dort 1990 von einem Berliner Galeristen angesprochen, ob sie ihre Werke nicht auch mal in Berlin zeigen wolle. Warum nicht? Eines Tages kam tatsächlich eine Einladung. Aber wie nach Berlin kommen? Mit anderen Künstlern und dem Kiewer Kammerchor fährt sie per Bus zunächst nach München. Auf der Rückfahrt mit Umweg steigt sie in Berlin aus und findet nach einigen Irrungen schließlich auch besagte Galerie in der Kurfürstenstraße. Notgedrungen und schnell lernt sie die ersten vier deutschen Worte, um auf ihre Bilder aufmerksam zu machen: Kommen Sie bitte rein! Dann eines Tages die Empfehlung, einen älteren Mann aufzusuchen, der sich sehr für Kunst interessiert und der auch ein Museum leitet. "So hab ich meinen Mann kennengelernt", sagt Alexandra Hildebrandt und lächelt zum ersten Mal. "Er fand meine Bilder schlecht, aber doch irgendwie einzigartig, weil sie ihn menschlich bewegten..." Sie fuhr zurück nach Kiew, wurde fortan fast täglich telefonisch von ihm verfolgt, bis sie 1991 seinem Werben nicht länger widerstand und zu ihm nach Berlin zog.

Im Mauermuseum wird Widerstand gegen Diktatur und Unmenschlichkeit dokumentiert, in einer zweiten Abteilung für gewaltfreie Befreiungsbewegungen von Gandhi bis Martin Luther King und für das friedliche Miteinander der verschiedenen Weltreligionen geworben. Hatte Alexandra Hildebrandt irgendeine Beziehung zu den Inhalten des Museums, bevor sie nach Deutschland kam, vielleicht schon in Kiew Kontakte zu Oppositionsgruppen, oder stand sie dem damaligen Sowjetsystem mit dessen Menschenrechtsverletzungen kritisch gegenüber? "Natürlich, weil auch meine Familie davon betroffen war. Allerdings hatte ich nie etwas von der Mauer in Berlin gehört. Ich wußte nur, daß es zwei deutsche Staaten gab - die DDR, dort waren unsere Freunde, und die Bundesrepublik, die war nach Amerika unser schlimmster Feind. Die für mich neue Welt, die hab ich erst durch meinen Mann entdeckt."

Diese andere Welt, in der Rainer Hildebrandt seinen moralischen Feldzug gegen Unmenschlichkeit, Diktatur und ein Vergessen des damit verbundenen menschlichen Leids führte, hat Alexandra Hildebrandt an der Seite ihres Mannes während der gemeinsamen zwölf Jahre verinnerlicht. Nach dessen Tod im Januar dieses Jahres sieht sie sich in der Pflicht, seinen Kampf für Menschenrechte nicht minder entschlossen, auch streitbar fortzuführen.

"Schauen Sie, ist das nicht schön", sagt Alexandra Hildebrandt fast verzückt, als wir den Grunewald erreichen. Was sie am Wald reize, warum sie diesen Wanderweg vorgeschlagen habe, möchte ich gern wissen. "Ich wohne in der Nähe und gehe hier oft spazieren. Der Wald ist jeden Tag anders. Das hat nicht nur mit den unterschiedlichen Jahreszeiten zu tun. Sie hören hier ganz viel. Die Blätter rauschen, es knackt im Unterholz, der Boden federt. Im Wald ist keine Ruhe, er hat ein eigenes Leben. Und ich weiß, dieser Wald kann mir nichts Böses antun. Ich fühle mich hier sehr beschützt." Sucht sie draußen den Frieden des Waldes, weil sie drinnen in der Stadt soviel Unruhe, auch Streit erlebt wie in diesen Tagen, da ihr eigenwilliges privates Mahnmal für viele zum Stein des Anstoßes geworden ist, die Süddeutsche Zeitung sie gar eine "unverwüstliche Krawallschachtel" schimpfte? "Das ist doch Quatsch. Ich bin keine streitsüchtige Frau. Im Grunde bin ich ein sehr friedlicher und ruhiger Mensch. Aber ich weiß, was ich will, ich habe Prinzipien. Das ist doch nicht schlecht. Man muß die Menschen respektieren, wie sie sind, und fair mit ihnen sprechen, wenn es Probleme gibt."

Während wir durch den noch immer erstaunlich bunten Spätherbstwald spazieren, werfe ich ein, daß sie doch gleich mehrere Probleme habe, die bisher durch kein faires Gespräch gelöst werden konnten. Ich erinnere an den Streit über die Fototafeln am Bundesfinanzministerium zum Gedenken an den Volksaufstand am 17. Juni 1953, die sie entgegen einer Vereinbarung nicht wieder entfernen will, natürlich an das neue Mahnmahl und auch an Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer. Mit ihr liegt Alexandra Hildebrandt über Kreuz, weil die SPD-Politikerin es ihr verwehrt, den letzten Wunsch ihres Mannes zu erfüllen und ihn auf dem Friedhof an der Wilsnacker Straße (Moabit) neben Albrecht Haushofer zu begraben. Der Professor für Politische Geographie, einer der engsten Freunde Rainer Hildebrandts, wurde im April 1945 als Widerstandskämpfer von den Nazis erschossen. Der Senatorin Argument, der Friedhof sei seit Jahrzehnten "geschlossen", könne und wolle sie nicht akzeptieren. Die Vorschriften erlaubten Ausnahmen und diesen Ermessensspielraum wolle sie für ihren Mann in Anspruch nehmen. Statt ihre Anwälte einzuschalten und danach vielleicht das Gericht, hätte sie lieber in einem persönlichen Gespräch mit der Senatorin diese ihre Herzensangelegenheit durchgesetzt.

Nicht zu kapitulieren, ihre Pläne auch gegen härtesten Widerstand durchzusetzen - das scheinen Charakterzüge zu sein, die sie von ihrem nicht weniger durchsetzungswilligen Mann angenommen hat. Dabei hat sie auf den ersten Blick nichts Kämpferisches an sich, sie spricht meist in gedämpftem Ton, fast ohne Emotionen, ihr Gesichtsausdruck ist meist von Melancholie geprägt, die sie auch schon mal gespielt gezielt als psychologische Waffe einsetzt. Doch tief in ihrem Innern steckt ein ganz harter Kern. Wer den herausfordert, bekommt ihre unbändige Willenskraft zu spüren. Und Kritiker hat sie mehr, als ihr lieb sind.

Damit sind wir bei ihrem jüngsten Coup, dem Mahnmal. Was hat sie angetrieben, auf eigene Faust diese Gedenkstätte für die Mauer-Toten zu errichten? " Na ja, 15 Jahre hat man hier versucht, etwas zu bewegen, diesem wichtigsten Platz der Weltgeschichte wieder Würde zu geben. Mein Mann und ich haben das versucht, auch andere. Aber es ist nichts geschehen. Es war eine Schutthalde, dann eine unwürdige Rummelbuden-Stadt, dann wieder Müllplatz - ein unerträglicher Zustand angesichts der Geschichte dieses Ortes. Na ja, dann haben wir das gemacht", beschreibt sie ganz nüchtern ihre nachvollziehbaren Motive, um dann aber energisch noch hinzuzufügen: "Wer das Mahnmal kritisiert, muß sich fragen, was er denn selbst gemacht hat. Wir hätten uns doch gefreut, wenn da irgend etwas zustande gekommen wäre. Wenn die Kritiker jetzt sagen, das sei nur Kommerz, Disneyland oder Plagiat - ach wissen Sie, wir achten diese Kritik nicht mehr."

Da ist er wieder, dieser feste Wille, diese Entschlossenheit zu tun, was sie für richtig hält - da läßt sie sich von niemandem aufhalten. Die Genehmigung hat sie sogar ganz offiziell bekommen. Mit freundlicher Unterstützung der Baustadträtin von Mitte, Dorothee Dubrau. Die hatte ihr empfohlen, das Mahnmal als Kunstwerk anzumelden, weil so der Genehmigungsprozeß beschleunigt werden könne. Eine Bemalung der Mauerteile durch internationale Künstler, wie sie jetzt angemahnt wird, sei, so versichert Frau Hildebrandt, nur eine Anregung gewesen, aber kein Bestandteil des Vertrags. Den wird sie in einem anderen Punkt gewiß nicht einhalten. Das Kunstwerk Mahnmal ist bis Ende des Jahres begrenzt. "Wir hoffen natürlich, daß es länger stehenbleibt. Und vielleicht können wir die beiden Grundstücke irgendwann sogar kaufen." Erst einmal hat sie Fakten geschaffen. Und keiner wird es wagen, die Kreuze im Januar gegen ihren Protest zu fällen. Also doch eine Provokation? "Wir wollten niemand provozieren. Wir wollten nur ein Zeichen setzen und unsere Gefühle für die Toten an der Mauer zum Ausdruck bringen, ein emotionales Denkmal für die Opfer setzen, weil es das in Berlin auch 15 Jahre nach dem Mauerfall noch immer nicht gibt. Vielleicht wird unser Anliegen jetzt endlich verstanden..."

Es wird über alle Bedenken hinweg schon nach den ersten Tagen verstanden. Politiker nehmen das bisher so flüchtige und über die Stadt zerstreute Mauer-Gedenken endlich ernst, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit lehnt das Mahnmal zwar ab, hat es sich aber zumindest schon einmal angesehen, viele Berliner sind beeindruckt, die Touristen aus aller Welt allemal, die so sehnlich nach ein bißchen Mauer Ausschau halten.

Nach eineinhalb Stunden Fußweg drängt Alexandra Hildebrandt zum Aufbruch, ihre Zeit wird knapp, die Arbeit ("rund um die Uhr", wie sie sagt) ruft. Eine Antwort aber hätte ich noch gern. Hat sie tatsächlich ihr Mahnmal mit dem des Holocaust verglichen, gar gleichgesetzt? Die Frage entlockt ihr noch einmal einen Hauch von Emotion: "Unsinn. Das hab ich nie getan. Ich bin danach gefragt worden und habe gesagt, daß man weder die eine noch die andere Vergangenheit verdrängen darf. Aber vergleichen darf man das nicht. Eisenmans Holocaust-Mahnmal etwa mit dem am Checkpoint Charlie in der Bedeutung gleichzustellen - nein, das darf man nicht und das habe ich nie getan."

Als ich mich von der geschäftsführenden Vorsitzenden des Mauermuseums, das rund 700 000 Besucher im Jahr zählt und nach dem Pergamonmuseum den stärksten Zulauf hat, verabschiede, tue ich das von einer Frau, die für mich auch nach diesem Spaziergang schwer zu durchschauen ist. Sie ist selbstbewußt, geht eisern ihrer ererbten Mission nach. Aber wie eigenwillig, auch rechthaberisch, wie frühere Mitarbeiter behaupten, ist sie auf diesem ihrem Weg wirklich? "Wenn mir einer logisch erklärt, warum ich da oder dort etwas anders machen soll, dann würde ich darüber nachdenken und es tun. Stur bin ich auf keinen Fall", sagt sie. Ich habe den Eindruck, es dürfte schwerfallen, logische Argumente zu finden, die sie umstimmen.

Vielleicht liegt die Erklärung dafür in einer Antwort, die sie mir noch zwischen Birken, Kiefern und Eichen gegeben hat: "Die eine Hälfte meines Kopfes ist analytisch geprägt, die andere vom Gefühl..." Die in der Ukraine groß gewordene Alexandra Weissmann hat in Kiew Elektronik studiert und danach in einem Betrieb für sowjetische Raketentechnik gearbeitet. Bis sie den Job kündigte und ihr Kunststudium begann.