Berliner Morgenpost: Als Intendant der Berliner Festspiele haben Sie jahrzehntelang das kulturelle Leben erst in West-Berlin, dann bis zum Ende des letzten Jahrtausends im wieder vereinten Berlin mit geprägt. Was war an der Kulturszene im alten West-Berlin so faszinierend?

Ulrich Eckhardt: Als erstes ist daran zu erinnern, dass im Unterschied zu West-Deutschland hier in Berlin die Kultur immer als ein Beitrag zur Definition der Rolle der Stadt in ihrem Verhältnis einerseits nach außen und andererseits zu sich selbst verstanden wurde. Alles Kulturelle hatte in West-Berlin immer auch eine politische Relevanz. So sind auch die Berliner Festwochen, aus denen 1967 die Berliner Festspiele GmbH unter Beteiligung des Bundes wurde, schon 1951 ins Leben gerufen worden, um die Halbstadt inmitten der DDR als Kulturschaufenster darzustellen und zugleich mehr Internationalität zu schaffen.

Kultur im Dienste der Politik?

In gewisser Weise ja. Bei allen kulturellen Aktivitäten gab es immer drei wichtige Aspekte. Eine der Überlegungen war, über die Kultur die Identität der Stadt zu formulieren: Wer sind wir, wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Außerdem galt es, Verbindungen zu knüpfen nach Westen, auch die transatlantischen. Hierher gehört auch die Gründung der Berliner Festwochen. Sie sollten im Kampf der Systeme eines der Schaufenster im vorgeschobenen Außenposten West-Berlin sein.

Gab es auch einen gesamtdeutschen, zumindest gesamtberlinerischen Aspekt?

Natürlich, und das ist der dritte Punkt. Wer in dieser Stadt mit Kultur zu tun hatte, verfügte schon vor dem Bau der Mauer, aber auch danach über ein geschärftes Bewusstsein, dass im anderen Teil der Stadt die andere Seite desselben Erbes gelebt wurde. Und das war eine wichtige Einsicht für die Selbstdefinition West-Berlins. Der freie Teil der Stadt schien eine Insel und nach außen abgeschottet zu sein. Aber in der Wirklichkeit war er auf dem Feld der Kultur ein Ort des höchst lebendigen Austausches zwischen West und Ost, teilweise unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Hier begegneten sich Menschen zum Gespräch, die sich anderswo nicht treffen konnten.

Ein Dialog zwischen Ost und West, der notgedrungen auf die Kultur begrenzt war?

Es gab ihn auch im Bereich der Wissenschaft. Überall, wo es um Wissen und Informationen, um die politische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Systemen ging. Die Stadt versammelte die Exponenten aus zwei Welten. Das hat man im Westen der Bundesrepublik gar nicht so recht bemerkt. Für mich war es überhaupt der Grund, warum ich nach Berlin gekommen und auch hier geblieben bin. Wenn ich mich nicht als "homo politicus" verstanden hätte, wäre ich bald wieder gegangen. Mich hat interessiert, welchem Ziel die Künste dienen konnten. Diese Finalität des Handelns war für mich immer auch Gesetz des Handelns. Und dieses Ziel war zunächst die geistige Durchlöcherung der Mauer in der Hoffnung, dass es irgendwann einmal mehr sein könnte.

Warum war die Kultur dafür besser geeignet als die Politik?

Die Kultur war freier, und sie hat sich diese Freiheit auch genommen. Der Berliner Senat war doch am Gängelband der alliierten Schutzmächte, und wirtschaftlich spielte West-Berlin damals allenfalls eine untergeordnete Rolle. Kultur ist ein Seismograf, teilweise auch vorausschauende Instanz, weil Künstler eine besondere Sensibilität für kommende Ereignisse haben. Das gilt sicherlich nicht für alle, aber damals für die meisten in West-Berlin. Sie haben sich anders als die meisten West-Deutschen nicht mit der Teilung abgefunden. Wir haben darüber nachgedacht, was aus dieser Stadt werden kann, wie man aus einer bipolaren eine dritte Position entwickeln und wie man aus Begegnung und Austausch zwischen Ost und West etwas Neues gewinnen kann. Die Leute, die hier in West-Berlin Kunst machten - das muss man so klar sagen - waren nicht hundertprozentig einverstanden mit dem Entwicklungsprozess in West-Deutschland, der sich doch mehr und mehr abkoppelte von der mitteleuropäischen Idee und sich fast ausschließlich gen Westen orientierte. Hier in West-Berlin dagegen hauste im Verborgenen die Utopie von Mitteleuropa über den damaligen Eisernen Vorhang hinaus. Im Übrigen gab es diese Utopie auch auf der Ost-Seite. In Berlin - Ost wie West - hat man immer daran geglaubt, dass es noch etwas Gemeinsames gibt. Wohl wissend, dass man noch in einer Divergenz, in unterschiedlichen Systemen lebt.

West-Berlin als Fluchtort auch der widerspenstigen Künstler?

Ich behaupte, West-Berlin war das Sammelbecken der Zukunftsgläubigen. Und auch der Dissidenten, die nicht einfach hinnehmen wollten, dass diese Welt zweigeteilt und Mitteleuropa zu Schanden gemacht worden ist.

Die Kultur und damit die Künstler konnten in West-Berlin dank der reichlich fließenden Subventionen für das Schaufenster West gleichzeitig auch gut leben...

Ich ärgere mich immer wieder über alle Leute, die dieses alte West-Berlin klein reden wollen...

... hoffentlich trifft Ihr Bannstrahl jetzt nicht mich...

Sie wollen mir ja nur etwas entlocken, und das ist in Ordnung. West-Berlin war weder melancholisches Biotop noch verwöhnte Idylle. Und dass die Kultur am Tropf ausgehalten wurde, stimmt nun überhaupt nicht. Es stimmt noch nicht einmal, dass West-Berlin finanziell besonders bevorzugt war. Die westdeutschen Zonenrandgebiete profitierten von der staatlichen Förderung genauso. Eigentlich war die finanzielle Ausstattung für die Kultur einer Stadt von der Größe West-Berlins ganz angemessen. Dass für West-Berlin die Kultur eine so herausragende Rolle spielte, hatte weniger mit Geld als damit zu tun, dass andere Felder abwesend waren. Die Kultur übernahm die Ersatzfunktion für nicht vorhandene Wirtschaftskraft und für die verlorene Rolle als deutsche Hauptstadt. Es gehört zur Legendenbildung, dass das Kulturleben West-Berlins finanziell geradezu gemästet wurde. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass unsere Künstler-Gagen weit unter westdeutschem Niveau lagen. Das war möglich, weil viele Künstler aus Überzeugung besonders gern hier auftraten.

Nun ist Berlin Hauptstadt und die Kultur nagt am Hungertuch...

Wir erleben keinen Absturz der Kultur, ich spreche lieber von einem Paradigmenwechsel.

Was hat sich denn grundlegend verändert?

Fast alles. Vor allem die politischen Finalitäten sind mit der Einheit weggefallen. Die Kultur hat ihren Auftrag erfüllt, der uns damals zu Ansehen und Erfolg verhalf, weil unsere Rolle eben immer auch eine politische war. Mitteleuropa, von dem wir damals geträumt haben, ist eine Realität geworden. Eine bittere Erkenntnis für die Träumer, dass sie jetzt abdanken müssen. Aber im Ernst: Im abgeschlossenen West-Berlin war alles Kulturelle ein wichtiger Faktor für das Wohlbefinden in der Stadt. Die Berliner besuchten künstlerische Veranstaltungen statt ins versperrte Umland oder an die unerreichbar nahe Ostsee zu fahren. Jetzt ist alles offen und die Kultur ist kein Ersatz mehr für die Natur. Jetzt ist Kultur nur noch Kultur, kein Surrogat und kein Politikum mehr.

Hat die so veränderte Bedeutung der Kultur auch damit zu tun, dass eine ganz neue Schicht von Menschen in die Stadt gekommen ist?

Ganz gewiss. Ich treffe so viele Neu-Berliner, die keine Ahnung vom alten West-Berlin haben. Und wenn ich denen etwas aus den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in dieser Stadt erzähle, staunen sie ungläubig. Das heißt, es gibt jetzt eine ganz neue, auch für das Kulturleben wichtige soziologische Komponente: eine neue Schicht von Adressaten, die die vorher beschriebene spezifische Rolle der Kultur West-Berlins nie wahrgenommen haben. Und sie haben oft vollkommen andere Maßstäbe zur Beurteilung der Rolle von Kultur für die Gesellschaft. Sie sind nicht mehr unbedingt an engagierter, sondern einfach an schöner Kunst interessiert, wie sie sie aus München, Stuttgart oder Hamburg kennen. Und damit haben wir im Bereich der Kultur in Berlin wieder ganz normale Verhältnisse.

Und damit wie überall im Lande auch zu wenig Geld für die Kultur?

Ich komme auf den bereits erwähnten Paradigmenwechsel zurück. Der bedeutet eben auch einen Wechsel in den Prioritäten. Wenn das Geld nicht mehr für alles reicht, müssen Schwerpunkte gesetzt werden. Wir haben auf der kulturellen Ebene mehr als eine Finanzkrise. Wir haben auch eine Sinnkrise, die die Maßstäbe für die Prioritätensetzung verändert. Die Kultur rangiert nicht mehr an erster Stelle, obwohl die Kultur doch eines der letzten Pfunde ist, mit denen Berlin noch wirklich wuchern kann.

Sie meinen jetzt eine andere Kultur, die Repräsentativkultur mit drei Opernhäusern, den vielen Theatern und großen Museen.

Ich bin sicher, dass Berlin dank der Hauptstadtrolle bald wieder aufblühen wird. Aber nicht mehr über die Kultur an erster Stelle, weil sie jetzt keine Vorhut mehr ist, sondern nur noch repräsentatives Beiwerk. Wenn es um die kargen Finanzen für die Kultur geht, dann spielt nicht länger ihre einst so wichtige politische Funktion eine Rolle, sondern mehr ihre repräsentative. Dieser Unterschied zur West-Berliner Position ist mit Händen zu greifen. Vor allem die alternative Kunst, die Sucher unter den Künstlern, werden darunter leiden. Die kulturelle Sonderrolle Berlins ist vorbei.

Lesen Sie am nächsten Sonntag das Interview mit dem Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele