Berlin - 2400 Berliner Schüler bekamen 2006 den Fragebogen der Freien Universität vorgelegt. Darin sollten sie zum Beispiel ankreuzen, ob das politische System in der DDR oder in der Bundesrepublik oder die Wirtschaftsleistungen besser oder gleich waren. Im zweiten Teil konnten die Schüler Aussagen ablehnen oder bejahen. Vorgelegt wurden Sätze wie: "Die DDR war keine Diktatur. Die Menschen mussten sich nur wie überall anpassen." Am meisten bestürzt hat FU-Forscher Klaus Schroeder jedoch, dass fast jeder zweite Schüler die DDR nicht für eine Diktatur hielt. "Die Jugendlichen haben keine Bewertungsmaßstäbe wie Gewaltenteilung oder die Achtung der Menschenrechte im Kopf." Die Werte einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft seien ihnen weder bekannt noch bewusst. "Sie wissen gar nicht, was eine Diktatur ist."

Was in den Köpfen vieler junger Berliner als DDR-Bild vorherrscht, beschreibt Schroeder fast wie einen Klamauk-Film. "Es ist die Vorstellung eines ärmlichen, skurrilen und witzigen Landes, das aber irgendwie sehr sozial war", sagt er. Lachen kann er darüber nicht. Fast schockiert stellt der Forscher eine "gewisse Geschichtslosigkeit" fest. Er hat eine Ahnung von Schulklassen bekommen, die keinen Bezug zur eigenen Historie haben und den Wert einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft weder kennen noch fühlen. "In der DDR hatten die doch auch Wahlen, das ist dann ja auch irgendwie demokratisch", hat ein Schüler aufgetrumpft.

Was Schroeder und sein Team dafür vorfanden, war eine starke Konsum-Orientierung. Als große Nachteile der DDR sahen viele Schüler zum Beispiel die mangelnden Einkaufs- und Reisemöglichkeiten. Als Vorteile des SED-Staates nannten sie dafür die Arbeitsplatzgarantie und die Kinderbetreuung. "Die Qualität dieser Errungenschaften wurde aber überhaupt nicht hinterfragt", kritisiert der FU-Forscher. Er gewann eher den Eindruck, dass das Hochhalten der "sozialen" DDR etwas mit den eigenen diffusen Zukunfts-ängsten der Mädchen und Jungen zu tun hatte. "Viele mögen es bequem. Sie wollen gute Jobs und Wohlstand, aber bitte alles serviert. Richtig anstrengen wollen sie sich dafür nicht."

"Die DDR gehört dringend in die Lehrpläne der 8. und 9. Klassen." Im Osten komme noch die Verklärung der jüngsten Vergangenheit durch die Elternhäuser dazu. "Dort werden oft keine Fakten vermittelt, die DDR wird eher im Nachhinein idealisiert", sagte Schroeder. Oft liefen solche Prozesse jedoch unbewusst ab. Vielen Schülern sei sogar bewusst, dass sie fast nichts über die DDR wüssten, ergänzt der Forscher. So bleibe ein positiver Effekt: "Die Jugendlichen wollen unbedingt mehr über diesen Staat erfahren."

Nach all diesen Schocks war es für die Forscher fast beruhigend, dass fast alle Schüler die Wiedervereinigung begrüßten und die Mehrheit auch hinter dem System der Bundesrepublik Deutschland stand. In Ostberlin - anders als im Westen - gibt aber noch nicht einmal die Hälfte ein eindeutiges Votum gegen die DDR und für die Bundesrepublik ab. Um diese Schere zu schließen, sehen die FU-Wissenschaftler nur eine Möglichkeit: Ganz viel Bildung.

BM