"Wer die Grenze nicht respektiert, bekommt die Kugel"

Mindestens 133 Menschen sind an der Berliner Mauer allein zwischen dem 13. August 1961 und dem 8. März 1989 ums Leben gekommen.

Berlin - Mindestens 133 Menschen sind an der Berliner Mauer allein zwischen dem 13. August 1961 und dem 8. März 1989 ums Leben gekommen. An der innerdeutschen Grenze insgesamt starben zwischen Kriegsende und Wiedervereinigung zwischen 700 und mehr als 1200 Menschen - wie viele genau, wird man nie genau wissen, denn es kommt stark auf die Definition an. In jedem Fall wurden mehrere Hundert Menschen Opfer des Grenzregimes der SED: Sie wurden erschossen oder kamen durch Selbstschussanlagen um, liefen in Minenfelder oder ertranken beim Versuch, durch die Ostsee in die Bundesrepublik oder nach Dänemark zu schwimmen.

Allerdings war die SED-Spitze vorsichtig genug, keinen direkten und schriftlichen Schießbefehl zu erlassen. Vielmehr wurde die mörderische Anweisung in scheinbar unverdächtigen Formen bekannt gegeben - als "Dienstanweisungen zum Schusswaffengebrauch" oder im DDR-Grenzgesetz aus dem Jahre 1982 etwa.

Daher behaupten alte Stasi-Kader, frühere Grenzoffiziere und andere DDR-Nostalgiker heute mit zunehmender Vehemenz, es habe nie eine Anweisung zum Morden an der Grenze gegeben; das Wort Schießbefehl verwenden sie nur in Anführungszeichen. In PDS-nahen Verlagen wie "Edition Ost" oder "GNN" erscheinen Bücher, die gegen jede historische Wahrheit die Existenz des einzigartig mörderischen Grenzregimes bestreiten, mit dem die DDR ihre Bürger an der Flucht in die Freiheit hindern wollte - stets gestützt auf die Tatsache, dass es den einen schriftlichen Schießbefehl nicht gab. Allerdings: Genauso wenig gab es den einen Hitler-Befehl zum Holocaust - und nur Rechtsextremisten bezweifeln deshalb, dass der NS-Diktator den Massenmord befohlen und gewollt hat.

In der DDR wurde unzähligen Zeitzeugen-Aussagen zufolge jeder in den Streifendienst geschickte Grenzsoldat vor Dienstantrit "vergattert", im Falle einer Flucht in seinem Grenzbereich "von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch zu machen". Und selbst von den obersten Chargen des SED-Staats gab es intern entsprechende mündliche Anweisungen. So existiert die Filmaufnahme einer Rede von Heinz Hoffmann, 1960 bis 1985 DDR-Verteidigungsminister und oberster Chef aller Grenztruppen. Darin sagt Hoffmann achselzuckend: "Wer unsere Grenze nicht respektiert, der bekommt die Kugel zu spüren."

Ein Beweis, dass die SED-Spitze das Morden an der Mauer wollte, war - neben den Schusswaffeneinsätzen über Jahrzehnte hinweg - der Umgang mit jenen Männern, die diesen Befehl ausgeführt hatten: Grenzsoldaten, die einen Flüchtling erschossen hatten, wurden praktisch immer belobigt und ihren Kameraden als positive Beispiele vorgeführt. Soldaten, in deren Abschnitt dagegen eine Flucht gelang, mussten sich oft einer unangenehmen Befragung durch die Stasi aussetzen. Wer auf einen Flüchtling geschossen, ihn aber nicht getroffen hatte, ohne dafür einen "guten Grund" zu haben, konnte sogar disziplinarisch bestraft werden. Auf diese Weise wurden die Grenzer psychologisch unter Druck gesetzt. Schließlich gibt es die schriftliche Aufhebung des allgemeinen Schießbefehls vom 3. April 1989, in der Erich Honecker festlegte: "Lieber einen Menschen abhauen lassen als in der jetzigen politischen Situation die Schusswaffe anzuwenden." Der Befehl musste nach wenigen Tagen wiederholt werden, weil einige Kontrolleure trotzdem am 8. April 1989 am Grenzübergang Chausseestraße auf Flüchtlinge gefeuert hatten. Es waren die letzten Schüsse an der Mauer.

Hubertus Knabe, der Direktor der Gedenkstätte für Stasi-Opfer in Hohenschönhausen, forderte nach dem Fund des bislang unbekannten Stasi-Befehls die Staatsanwaltschaft Magdeburg auf, Ermittlungen zu prüfen. Der Auftrag, ohne zu zögern auch auf Frauen und Kinder zu schießen, könne als Anstiftung zum Mord oder Totschlag gewertet werden. Es müsse festgestellt werden, wer den Befehl erteilt habe und ob es aufgrund dieser Anweisung zu Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze gekommen sei. Knabe sagte weiter: "Der Aktenfund belegt jetzt erstmals, dass bestimmte Stasi-Mitarbeiter den Auftrag hatten, an den Grenzen auf wehrlose Flüchtlinge zu schießen."

Zwar seien bereits in der Vergangenheit mehrfach Dokumente gefunden worden, denen zufolge die Stasi "Einzelkämpfer" zum Töten ausgebildet hatte. Die Verantwortlichen hätten diese jedoch immer nur als Planspiele für den Kriegsfall abgetan. "Der jetzt bekannt gewordene Auftrag bezog sich aber nicht auf den Kriegsfall, sondern auf den ganz normalen Alltag an der Grenze," so Knabe.