Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unser Autor Bernd Philipp trifft Berliner, die in der Stadt etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Michael Lindner, Inhaber von Butter Lindner und Unternehmer des Jahres

Noch gibt es sie im Alltag, die sinnlichen Momente. Etwa das Klopfen von Butter aus dem Fass. Und wenn dann der rifflige Spachtel die Butter in Form bringt und mit dem letzten Schlag ein feines Muster auf ihr entsteht, dann ist das quasi Kunst an der Natur.

Nichts gegen die angeblich lebensverlängernden Cholesterinsenker in Halbfettmargarine mit ihren leckeren Mono- und Diglyceriden von Speisefettsäuren und Betakarotinfarbstoffen - was ist das alles gegen die "gute Butter", wie Oma immer sagte?

Eine Stulle mit Diätmargarine und eine mit Butter. Beides probiert. Kein Vergleich.

Spaziergang mit Michael Lindner. Der Mann erträgt tapfer und mit einer gewissen Gelassenheit das Schicksal, dass, wo immer er seinen Namen nennt, die Leute sagen: "Ach, sie sind also Herr Butter Lindner."

"Dieses Schicksal, wie Sie es nennen, trage ich gern. Ich stehe voll und ganz hinter unserem Betrieb, gerne auch als ,Herr Butter Lindner"", sagt Michael Lindner.

Gratulation mit einer Zeitungsseite

Die Arbeitsgruppe selbstständiger Unternehmer (ASU - hat nichts zu tun mit den Abgasprüfern) hat Michael Lindner gerade als "Unternehmer des Jahres" ausgezeichnet. Eine hohe und in der Branche viel beachtete Ehrung für den Berliner Feinkost-König, der bescheiden im Hintergrund agiert und sich in der Öffentlichkeit rar macht. Es ist seine tiefe Überzeugung, dass nicht er im Mittelpunkt des Unternehmens steht, sondern seine Mitarbeiter. Und die wissen, was sie an ihm haben: einen Für- und Umsorger, der möchte, dass sie sich wohlfühlen und die Wertschätzung, die sie selbst erfahren, an den Kunden weitergeben.

Als feststand, dass der Chef als "Unternehmer des Jahres" ausgezeichnet werden würde, haben die 550 Mitarbeiter zusammengelegt und eine ganzseitige Zeitungsanzeige aufgegeben. Darüber steht: "Ausgezeichnet, Herr Lindner. Gute Arbeit. Guter Stil. Gut, so einen Chef zu haben. Wir freuen uns über die gute Wahl und gratulieren Ihnen ganz herzlich zum Titel ,Unternehmer des Jahres 06/07"! Für uns sind Sie das schon immer. Wir sehen ja täglich, wie die Kunden das Ergebnis Ihrer Arbeit schätzen. So macht es einfach Spaß!"

Dann folgen alphabetisch die Namen aller Mitarbeiter - von Lorita Abu Ramadan bis Udo Zuch.

"Die Anzeige hat mich völlig umgehauen und überrascht", sagt Michael Lindner, "ich war sehr gerührt und habe mich darüber fast noch mehr gefreut als über die Auszeichnung selbst."

Lindner, so eine Art Betriebsseelsorger und Unternehmensphilosoph, hatte mir vorgeschlagen, einen Spaziergang am Schlachtensee zu machen, und zwar mit seinem Hund. Ich bat darum, davon Abstand zu nehmen. Nach einer massiven Hundeattacke in früheren Kindheitstagen würde ich lieber durch einen Löwenkäfig bummeln, als mich einem massiven Hundeaufkommen zu stellen. So einigen wir uns auf einen Rundgang am Teltowkanal in der Nähe der Lindner-Zentrale am Ostpreußendamm.

Liebling seiner Truppe

Als wir aufbrechen, fängt es an zu regnen, und ich bin sehr dankbar, dass Michael Lindner den Vorschlag macht, den Spaziergang in seinem 180 Quadratmeter großen Küchenareal fortzusetzen, was schon aus verkostungstechnischen Gründen ein wunderbarer Vorschlag ist. Denn, wo der Chef mit einem Gast ist, wird ständig irgendeine Feinköstlichkeit gereicht. Ich denke zurück an meine Volontärsjahre. Da hatte ich einen Chefredakteur, der hat die jungen Mitarbeiter, die er gut leiden konnte, immer zu Terminen "mit Vollpension" geschickt, wie er sagte. Ich gehörte leider nicht dazu und musste auch schon mal vom Firmenjubiläum eines Bestatters berichten, bei dem eine kulinarische Grundversorgung nicht stattfand. Nun, im Alter, werde ich so reich entschädigt.

"Das ist übrigens unser Herr Kugler", sagt Lindner und stellt mir einen seiner 21 (!) Köche vor. Wolfgang Kugler ist im Bereich der Versuchsküche zuständig für die Entwicklung neuer Kreationen. Ich erfahre, dass Kugler sozusagen der Erfinder des Lindner-Klassikers ist, der als "Landrahm mit Frühlingszwiebeln" angeboten wird. Auch den zu dieser Jahreszeit gern gekauften Winterlandrahm mit dezentem Lachsgeschmack hat der Leute-Verwöhner Kugler entwickelt.

Gott, was habe ich schon für Kuglers Landrahm-Variationen ausgegeben! "Ach, Sie sind Kunde bei uns?", fragt Lindner neugierig.

"Ja, Herr Lindner", sage ich, "wir lassen in der Woche gut und gern 50 Euro in Ihrer Westender Filiale. Das sind rund 200 Euro im Monat, also 2400 Euro im Jahr. Ich könnte meinen Arbeitgeber bitten, die Summe Ihnen direkt zu überweisen ..." Lindner lacht: "Machen Sie weiter so, dann machen wir Sie vielleicht eines Tages mal zum ,Kunden des Jahres"!"

Er wirkt bei der ersten Begegnung sehr ernst, aber wenn er lächelt, zeigt sich in seinen Augen und seiner Mimik ein hintergründiger Humor. Zum Frohsinn hat er auch allen Grund. Lindner ist der Liebling seiner Truppe. Ein Chef, der jedem seiner Mitarbeiter zum Geburtstag gratuliert, ihm ein persönliches Geschenk macht und noch dazu einen Tag frei gibt, ist in der heutigen Zeit der haargegelten Manager und Stellenstreicher so selten anzutreffen wie ein singendes Kamel.

Wolfgang Kugler, der "Mister Landrahm", hat sich was Neues einfallen lassen, das der Chef nun kosten soll. Es handelt sich um einen Hefeteig gefüllt mit Parmaschinken, getrockneten Tomaten und Büffelmozzarella. Michael Lindner ist begeistert. "Das müssen wir unbedingt ins Sortiment nehmen", meint er.

Kugler wird weiter daran arbeiten. Dann vergehen noch einmal an die vier Wochen, in denen die Haltbarkeit des Produkts erprobt wird, und dann kommt es vermutlich in die 40 Berliner und acht Hamburger Filialen. Es hat wieder aufgehört zu regnen. "Wollen wir jetzt noch einmal rausgehen?", fragt mich Michael Lindner.

"Ach, was!" sage ich, "es ist schön hier. Wann macht man schon mal einen Spaziergang durch eine Küche?" Meine Taktik geht auf: Jetzt darf ich auch noch die neue "Entenbrust Apricot" probieren.

Wie kommt es eigentlich, frage ich Lindner, dass sein Unternehmen, das bekanntlich kein Preisbrecher ist, sich einer so breiten Beliebtheit erfreut?

"Tja", sagt er, "das hat sicher zwei Gründe. Erstens bekommt der Kunde die Qualität, die er von uns erwartet. Und dann liegt es am Engagement der Mitarbeiter, die einen positiven Eindruck vermitteln und mit den Kunden freundlich umgehen."

Es ist nicht wenig, was Lindner von seinen Leuten verlangt. Das gilt auch für die 60 Auszubildenden, die mit weit über zehn Prozent einen ungewöhnlich hohen Mitarbeiteranteil ausmachen, worauf Lindner besonders stolz ist. Auch darauf, dass die Allermeisten nach ihrer Ausbildung im Betrieb bleiben können und in einigen Fällen schon in jungen Jahren die Fähigkeit erlangt haben, eine Filiale zu leiten.

"Alte" Werte sind ihm sehr modern

Bei der Beurteilung der rund 1000 Bewerber jedes Jahr achtet man auf ein seriöses, freundliches Auftreten. Auch sollten Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, Pflichterfüllung sowie Rücksichtnahme auf andere selbstverständlich sein.

"Also die alten Werte ...", sage ich, und Lindner stellt klar: "Nein, das sind keine alten Werte. Das sind Werte an sich. Wenn Sie so wollen, sind es auch ganz moderne Werte. Und die werden auch in Zukunft unverzichtbar sein, wenn die Gesellschaft nicht den Bach runtergehen soll."

"Wie waren Sie eigentlich als Schüler?" will ich wissen, "waren Sie ein braver Schüler?" Er lächelt wieder, überlegt und sagt dann: "Ja, wie war ich denn? Ich würde sagen: sympathisch ..." - "... und hatten gute Zensuren ..."- "... es gab bessere Schüler. Mit den Naturwissenschaften stand ich immer auf Kriegsfuß. In Kunst war die Fünf ein ständiger Begleiter. Ich liebte Musik, spiele heute noch Klavier und gelegentlich Orgel." - "Und sind Sie gern zur Schule gegangen?" - "Wenn ich meinen 16-jährigen Sohn frage, ob er gern zur Schule geht, würde er sagen: ,Mal gern, mal weniger gern." Das war bei mir nicht anders."

In Vorbereitung zu unserem Treffen hatte mir Claudia Mehrl von der Geschäftsleitung erzählt, dass Herr Lindner über private Dinge ungern spricht. So weiß ich also nicht, welche Farbe die Bodenvase im Wohnzimmer seiner Familie hat und ob da überhaupt eine steht. Ob er mit seiner Frau und seinen Kindern im Urlaub den dänischen Landregen bevorzugt oder lieber die französischen Landrestaurants (was ich mal annehme). Ich weiß nur, dass er sich hin und wieder für Fußball interessiert und dass er auch als Kind gern Fußball gespielt hat. "Ich war ein guter Spieler, aber in keinem Verein." Eine interessante Parallele: Ich war in einem Verein, aber ein lausiger Spieler, der immer früh ausgetauscht wurde.

Den Augenblick genießen

Noch in 20 Jahren werden ältere Semester von "Butter Lindner" sprechen, obwohl das Unternehmen sich inzwischen einfach Lindner nennt. Warum hat man denn einen solchen Berliner Traditionsnamen aufgegeben?

"Wir haben festgestellt, dass viele jüngere Kunden mit dem Namen Butter Lindner so recht nichts anfangen können. Er stammt ja noch aus einer Zeit, als wir in erster Linie Butter und andere Molkereiprodukte verkauften." Inzwischen wird klassisch Mediterranes angeboten, 120 Schinken- und Wurstspezialitäten, Snacks, Salat-"Kompositionen", die Gourmetkreationen des Herrn Kugler, Brote, Brötchen und an die 150 Käsesorten. 50 Prozent aller Produkte entstammen eigenen Rezepturen.

Nach Lindners Selbstverständnis gehören zur Feinkost nicht nur Lachs, Trüffel oder Kaviar. Sondern auch Kartoffelsalat und Buletten. Natürlich nur seine. "Wenn die Zutaten vom Feinsten sind, handelt es sich um Feinkost", hat er beschlossen.

Während der kalorienreichste "Sonntagsspaziergang" in der mehr als zweijährigen Geschichte dieser Kolumne zu Ende geht, klingt mir noch eine lindnersche Erkenntnis in den Ohren: "Das Leben zu schätzen bedeutet auch, den Augenblick zu genießen."

Ich erzähle noch, dass ich manchmal die Filiale in Westend - das ist der Charlottenburger Kiez, wo die Damen im Sommer allerliebste Netzhandschühchen tragen und die Herren eine Krawatte anlegen, wenn sie den Müll entsorgen - auch dann besuche, wenn ich gar nichts kaufen, sondern nur mal gucken will. "Das hört man gern", sagt Lindner. "Ja", erkläre ich, "aber ich finde dann doch immer irgendwas, obwohl ich doch eigentlich ..." - "Bravo! Solche Kunden wünschen wir uns! Von Ihnen können andere Kunden noch eine Menge lernen ..."

Ich glaube: Westend braucht endlich ein "Denkmal für den unbekannten Landrahmabhängigen"!