Morgenpost Online: Die RAF ist im Moment wieder überall Thema.
Gabriele von Lutzau: Ja, und ein eigener Film über die Entführung ist auch geplant. Wir haben mal wieder Deutschen Herbst... Das wird uns wahrscheinlich verfolgen bis zum Tod.
Morgenpost Online: Schauen Sie sich den RAF-Film an?
von Lutzau: Den Film werde ich sehen - im Fernsehen, ins Kino gehe ich dafür nicht. Ich kenne ja die Geschichte, die wurde bis zum Erbrechen immer wieder dargestellt. Das einzige, was mich daran noch aufregt, ist, wenn bei der Darstellung der Täter diese Räuberromantik durchkommt. Opfer scheinen immer uninteressanter als ein Idiot wie der Andreas Baader.
Morgenpost Online: Glauben Sie, Sie konnten die Geschichte leichter verarbeiten, weil Sie die Täter kannten - im Gegensatz zu vielen Familien der Opfer...
von Lutzau: Ungewissheit ist immer schlimmer.
Morgenpost Online: ...und leichter vergeben?
von Lutzau: Ich konnte die RAF-Opfer nie verstehen, die sich versöhnen und aussprechen wollten. Ich will nicht vergeben. Wer mir bewusst so etwas Böses angetan hat, diese sadistischen Sachen, die die Entführer machten - da will ich nicht verzeihen.
Morgenpost Online: Die Entführung begann mittags.
von Lutzau: Ich wartete darauf, dass wir die Essens-Tabletts wieder einsammeln konnten, dachte: Wir sind bald da, abends kochst du für deinen Schatz... Die haben den Moment bewusst abgepasst, weil sich ja durch die heruntergeklappten Tische keiner rühren konnte.
Morgenpost Online: Keine Chance, sich zu wehren.
von Lutzau: Ich habe 150 Mal überlegt. Ob man irgendwie vielleicht wenigstens die Kinder rausschafft. Aber wenn vorne und hinten im Gang Leute mit Handgranaten stehen, hat man nicht die geringste Chance. Ich glaubte, es gäbe für uns nur die Alternativen: Tod oder das Eingehen auf deren Forderungen. Dass es eine GSG 9 gab, war damals unbekannt. Bei der Erstürmung habe ich nur gedacht, wie ein Mantra: Die einzig richtige Lösung - die einzig richtige Lösung.
Morgenpost Online: Später gaben Ihnen einige den Beinamen "Engel von Mogadischu".
von Lutzau: Ich nehme mich wirklich nicht so ernst. Ich hatte lange das Hallelujah von Händel als Klingelton - so als Engel...
Morgenpost Online: Gibt es noch Kontakte zu anderen Ex-Geiseln?
von Lutzau: Also, wir haben jetzt keinen Mogadischu-Club... Aber was ich wirklich schlimm finde: Dass keine Bundesregierung, keine andere Institution je einmal eine offizielle Einladung für alle Betroffenen zustande gebracht hat. Eher zufällig trafen einige Geiseln auf einige Ex-GSG-Leute, beim 30-jährigen Gedenken der Schleyer-Stiftung. Die Veranstaltung war zuende, die Dekorationen wurde schon abgebaut - und die Leute lagen sich immer noch in den Armen, haben sich bei GSG-Männern bedankt. Das wäre für die anderen Geiseln genauso wichtig, zur Bewältigung. Wir würden ja unser Bier sogar selber zahlen...
Morgenpost Online: Sie sprechen sehr offen und unsentimental über Ihre Erlebnisse.
von Lutzau: Ich will ja eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen. Ich jage nicht dieser Zeit hinterher - die Zeit jagt mich. Aber man kann es eben auch in sich hineinfressen und Krebs kriegen. Das möchte ich nicht.
Morgenpost Online: Keine Alpträume mehr?
von Lutzau: Ich habe nicht gestoppt, wann die genau aufhörten. Aber damals die Arbeit an Heinrich Breloers "Todesspiel" war die beste Psychotherapie. Das hat die alten Szenen überlagert.
Morgenpost Online: Wenn Sie im Fernsehen Bilder sehen, wie entführte Flugzeuge in Hochhäuser stürzen - oder gefesselte Geiseln bedroht werden...
von Lutzau: Gehe ich ins Atelier, arbeiten. Ich schaffe Wächter, das sind positive Wesen. Nur eines werde ich definitiv nicht mehr tun: Interviews geben, wo es in chronologischer Reihenfolge geht: Wie fing es an, was passierte dann. Das tut mir körperlich nicht gut.
Morgenpost Online: Haben Sie da anderen gegenüber einen Vorteil, durch die Kunst?
von Lutzau: Absolut. Ich bin privilegiert. Es gibt Ex-Geiseln, die in den Alkoholismus abgedriftet sind und für ein Bier Geschichten aus Mogadischu erzählen. Wenn es mir schlecht geht, gehe ich in den Keller und mache einen Wächter.



