Nachahmer

Die Gewalt der RAF faszinierte viele

Die Rote-Armee-Fraktion (RAF) ist die bekannteste Terrororganisation der deutschen Nachkriegsgeschichte, die mit 28 Jahren auch am längsten bestanden hat. Aber sie blieb nicht die einzige. Zahlreiche kleinere Terrorgruppen gingen mit ähnlicher Brutalität gegen Abweichler, Verräter und unbescholtene Bürger vor.

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In Berlin gab es in den Siebzigerjahren eine kaum weniger gefährliche Gruppe, die Attentate, Morde und weitere Verbrechen beging: die Bewegung 2. Juni. Ihre Geschichte beginnt am 4. Dezember 1971 in der Eisenacher Straße: Als zwei Zivilfahnder mehrere verdächtige Gestalten kontrollieren wollen, eröffnen die das Feuer. Bei dem anschließenden Gefecht wird der aus der Untersuchungshaft geflüchtete Georg von Rauch tödlich getroffen. Für die linke Szene ist der Fall klar: ein typisches "Staatsverbrechen". Um die Jahreswende 1971/72 beschließen daraufhin Till Meyer, Michael Baumann, Ralf Reinders und Inge Viett, den "bewaffneten Kampf" gegen den Staat aufzunehmen. Ronald Fritzsch begründet diesen Entschluss: "Es ging schon darum, eine Gegenmacht aufzubauen, den Widerstand zu stärken."

Gleich der erste Anschlag der neuen "Bewegung 2. Juni" (benannt nach dem Todestag von Benno Ohnesorg) endet tödlich: Am 2. Februar 1972 verstecken Mitglieder der Gruppe mehrere Bomben auf dem Gelände des britischen Yachtklubs in Gatow. Ein Hausmeister nimmt eine Bombe an sich und untersucht sie - allerdings sehr unvorsichtig, so dass der Sprengsatz in seinen Händen detoniert. In den folgenden Monaten verüben die Terroristen weitere Anschläge, zum Beispiel auf das Landeskriminalamt und die juristische Fakultät.

Rücksichtslos wie die RAF geht die Bewegung 2. Juni auch mit Abweichlern in den eigenen Reihen um. Im Grunewald nahe der Krummen Lanke erschießen sie am 4. Juni 1974 den V-Mann Ulrich Schmücker - wohl, weil er sie an den Verfassungsschutz verraten hatte. Dieser Mord konnte nie aufgeklärt werden; die Verfassungsschützer spielten dabei eine unglückliche Rolle.

Ein halbes Jahr später ermorden die Terroristen Berlins höchsten Richter, Günter von Drenkmann - als "Reaktion" auf den Hungerstreik-Tod des RAF-Gefangenen Holger Meins. Auch diese Tat bleibt unaufgeklärt. Das bekannteste Verbrechen der fast ausschließlich im Westen Berlins aktiven Gruppe ist die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden und -Spitzenkandidaten bei der Abgeordnetenhauswahl, Peter Lorenz. Sie verschleppen den Politiker in ein "Volksgefängnis" in Kreuzberg - den Keller eines Trödelladens - wo er fünfeinhalb Tage lang gefangen gehalten wird. Die Bundesregierung gibt nach und lässt fünf verurteilte Terroristen in den Jemen ausfliegen. Daraufhin lassen die Täter ihre schwer mitgenommene Geisel frei. Es ist die einzige Geiselnahme aus vermeintlich politischen Gründen, bei der die Forderungen der Täter erfüllt wurden.

Inge Viett, eine der aktivsten Terroristinnen, ist die treibende Kraft beim Aufbau von Kontakten zur DDR-Staatssicherheit. Für ihre Gesinnungsgenossen und sie ist Ost-Berlin stets ein sicherer Rückzugsraum - auch nach der spektakulären Befreiung des Gruppengründers Till Meyer aus dem Gefängnis Moabit am 27. Mai 1978. Die Terroristen fahren per S-Bahn zur Friedrichstraße und wechseln in die DDR. Allerdings währt die Freiheit für Meyer nicht lang: Schon vier Wochen später wird er in Bulgarien verhaftet.

Um Geld für ihren Kampf zu beschaffen, entführen die Terroristen den schon 74 Jahre alten österreichischen Unterwäschefabrikanten Walter Palmers. Die Täter erbeuten umgerechnet mehr als zwei Millionen Euro, die direkt der Bewegung 2. Juni und später der RAF zuflossen.

Ende der Siebzigerjahre zerfällt die Gruppe; einige Mitglieder tauchen ab, doch mehrere wechseln in die RAF, darunter Inge Viett und Juliane Plambeck. Am 2. Juni 1980 erklären unbekannte Autoren die Auflösung der Bewegung 2. Juni. Sie ist seither nicht mehr nennenswert in Erscheinung getreten, obwohl andere Mitglieder die Auflösung dementierten und bekundeten, weitermachen zu wollen. Ein sogenannter Kongress zum 30. Jahrestag der Lorenz-Entführung 2005 trug als Logo das Symbol der Bewegung 2. Juni. Bis heute verklären ihre Mitbegründer Inge Viett, Till Meyer und Ralf Reinders den linken Terrorismus.