Wildbad Kreuth - Manches, was vor kurzem noch in unserer Schublade für Historisches, längst Überwundenes gespeichert war, hat sich unversehens in die Gegenwart geschlichen. Jetzt der Bär im deutschen Wald. Als sei er direkt aus dem Schriftgut der Gebrüder Grimm herbeigetrottet, so steht er plötzlich in unserem so sicher gewähnten Tann auf zwei Beinen und brummt. Deutschland ist, wenngleich scherzend und gerührt, auch ein wenig erschrocken. Bruno heißt er, schließlich ist er ein gemeiner Braunbär und kommt aus Italien. Doch wenn auch in Mittel-, Nord-, Süd-, Ost- und Westeuropa insgesamt wieder 50 000 Bären leben - der erste Ursus arctos nach gut 170 Jahren in deutschen Landen hat es als Pionier zunächst mal schwer.

Seit uns die ersten Nachrichten über ihn Anfang Mai erreichten, beschreitet Bruno einen windungsreichen Weg, sowohl auf der Landkarte als auch in unseren Köpfen. Bei Tösens wird er zuerst gesehen, oben an der Reschenpaßstraße in Tirol. Da ist seine Herkunft noch unklar. Knapp 30 Bären laufen ja frei herum in Oberösterreich und der Steiermark, aber sollte er von dort die weite Strecke bis nach Tirol und Vorarlberg gegangen sein? Das wäre ein Novum, denn bislang hatte man die Schneise der Brennerautobahn immer als Grenze dieser östlichen Population angesehen. Über das Montafon und die Arlbergregion trottet Bruno weiter. Bald schon gerät er in Mißkredit, reißt oder verletzt Schafe ohne Grund und Appetit, einige der Opfer müssen notgeschlachtet werden. Der Begriff des "Problembären" macht deshalb die Runde, geht aus dem Fachjargon der Wildtiermanager in die Alltagssprache ein und könnte zum Wort des Jahres gekürt werden. So ist die Lage, als Bruno um den 20. Mai zum ersten Mal deutschen Boden betritt. Da ist der Bär schon vorbelastet. Die Menschen wissen inzwischen, was einen Problembären kennzeichnet: Wenn ein Tier die nötige Distanz zum Menschen ablegt, sich zu Siedlungen hintraut und Schäden verursacht. Und die Bayerische Staatsregierung hat ihre laut Verordnung festgelegte Meinung zum Problembären: Er darf, er soll abgeschossen werden. Bei Problembären eigentlich eine Selbstverständlichkeit in allen Bärenländern Europas. Aber Deutschland ist kein Bärenland, und in Deutschland wird anders diskutiert: "Darf der Mensch einen Bären erschießen?" Der Bär: Täter, Opfer oder einfach nur der nette Petz von nebenan? Der Schießbefehl wird erst mal stillschweigend kassiert. "Er galt sowieso immer nur für den Notwehrfall", hieß es nun aus dem Umweltministerium. "Ihn lebend zu fangen hat weiter Priorität." Der Bär ist populär, er ist der Star des Sommers. Der WWF schafft Lebendfallen herbei, Technik aus Amerika. Finnische Elchhunde werden als Begleitmannschaft eingeflogen, die ihn in die Aluminiumröhre hineinjagen sollen. Die Milchfabrik Bärenmarke wird offizieller Hauptsponsor der Bärenhatz. Doch die Sache gestaltet sich schwieriger als erwartet. Gleich am ersten Tag machen erst mal die Hunde schlapp. Zu große Hitze kann man ihnen nicht zumuten. Die Trockenheit läßt die Fährten verdunsten - und währenddessen taucht Bruno überall und nirgends auf. Einem Phantom gleich, das nicht zu fassen ist. Mountainbiker im Rofangebirge, ein Wanderer mit Hund am Ahornboden im Hinterrißtal, ein Jäger bei Thiersee, sie alle sehen Bruno, ein Taxifahrer überholt ihn auf der Straße. Ein anderer Chauffeur hat gar eine Kollision mit ihm nahe beim Sylvenstein-Stausee.

Inzwischen ist seine Herkunft geklärt, er gehört zu den aus Slowenien ins italienische Trentino umgesiedelten Tieren. Vater: Jose, Mutter: Jurka. Er ist der Erstgeborene der beiden, deshalb sein Name "JJ1". Alter: zwei Jahre - und schon ein hoffnungsloser Fall. Da die Mutter und sein Bruder, "JJ2", bereits als Problembären aufgefallen waren, haben die Wildtiermanager wenig Hoffnung auf Resozialisierung. Intensivtäter "JJ1" kehrt, anders als uns alle einschlägige Weisheit bei der Humankriminalität lehrt, nie wieder zum Tatort zurück, das macht ihn unberechenbar. Jetzt soll Erotik den Bären aus dem Wald locken: Tiertrainer Dieter Kraml (60) aus Hannover will nach einem Bericht der "Augsburger Allgemeinen" Bruno mit Hilfe seiner brunftigen Bärin Nora überlisten. Der Bärenexperte will den Streuner mit seinem 13 Jahre alten Tier verführen.