Es ist nur ein kleines Zimmer, aber das macht nichts. Johanna Ofori Attah weiß ja, dass es auf andere Dinge ankommt, damit Kinder lernen können. Aufmerksamkeit, Verständnis, Unterstützung - die Acht- bis Zwölfjährigen aus türkischen oder tamilischen Familien, die sie hier zur Einzelförderung empfängt, kennen das nur wenig. "Ein paar Stunden zusätzlich Deutsch genügen diesen Kindern nicht", sagt die 56-jährige Sonderpädagogin. Sie brauchen ein besseres Lernklima, deshalb spricht sie auch mit Eltern und Lehrern.

Ihr Projekt "Lernraum" ist eine der Initiativen, die im kürzlich eröffneten Mehrgenerationenhaus in der Kreuzberger Wassertorstraße untergekommen sind. Es soll ein Treffpunkt werden für die Bewohner der umliegenden Straßen. Ob Jung oder Alt, besser oder schlechter gestellt, deutsch- oder türkischsprachig - alle sollen hier etwas tun können, was ihnen und damit dem Kiez weiterhilft. "Wir wollen die Menschen hier mobilisieren, dass sie für sich selber sorgen", sagt Alev Kubat vom Stadtteilmanagement Wassertorplatz über die Grundidee.

Als sie vor zwei Jahren die Arbeit in dem sozial heiklen Umfeld begann, war schnell klar: Es gibt viele Initiativen und Ideen, aber keine Räume. Auch die teilweise gewaltbereiten Jugendlichen hatten keinen Platz - außer auf der Straße. Man fand ein leer stehendes Haus, das der Bezirk mietfrei zur Nutzung überließ. Mit viel Eigenarbeit und Geldern aus dem Programm "Soziale Stadt" entstand ein Ort der Begegnung.

Vieles ist in diesem Haus möglich: Ältere Menschen erhalten Schulungen in Sachen Computer. Für Mütter bietet die Volkshochschule Deutschkurse an, für die Kinderbetreuung ist in einem eigenen Raum gesorgt. Jugendliche können sich in einem eigenen Tonstudio ausprobieren oder an Fitnessgeräten stärken. Und auch wer Lust am Bingo spielen hat, wird hier im großen Aufenthaltsraum fündig.

Zwischen sieben und 90 Jahren sind die Mitspieler aus der Nachbarschaft alt, die alle zwei Wochen ihre eigene Lotterie organisieren. Ein offener Kreis, der zusammenhält, auch über die geselligen Abende hinaus. "Wenn da mal jemand krank wird, dann greifen die anderen unter die Arme", hat Stadtteilmanagerin Kubat beobachtet. Untereinander hilft man sich auch bei Hartz IV- oder Rentenanträgen. Und es hat sich, trotz des gewohnten Nebeneinanders, eine türkische Familie hinzugesellt. "Da sieht man, wie sich die nachbarschaftlichen Beziehungen im Kiez vertiefen", sagt Kubat.

Der Stadtteil ist reich an Kindern, aber um die Bildung steht es schlecht. Suraya Jammeh vom Projekt "Bildungsoffensive Kiezkinder" kennt die vielen Missstände: Kinder, die sich außerhalb der eigenen Straße nicht auskennen. Eltern, die sich nicht mit ihren Kindern beschäftigen. Und was sie zuletzt entsetzt hat: Mütter und Erzieherinnen, die bei der Übergabe der Kinder kein Wort miteinander wechseln. "Wir machen den Eltern bewusst: Der erste Schritt beginnt damit, dass die Hausaufgaben erledigt und die Schultaschen vollständig sind", sagt die 42-Jährige. Als deutsche Muslima vermittelt sie zwischen Eltern und Lehrern. "Oft gibt es schon Animositäten bei der Begrüßung, wenn der Lehrer der Mutter die Hand drückt." Es sind viele Missverständnisse zwischen den Kulturen aufzuklären, auch dafür will das Mehrgenerationenhaus Gelegenheiten stiften. Einige ältere Damen hätten gezielt Frauen im Haus gefragt, warum sie ein Kopftuch tragen würden, sagt Marlene Wischnewski. Die Computer-Trainerin beobachtet eine große Offenheit aller, die hier ein- und ausgehen: "Der Respekt zwischen Jugend und Alter hat sich zum Positiven verändert."

Die "langsame Annäherung", wie Hausleiterin Alev Kubat die Entwicklung beschreibt, braucht allerdings Zeit. Daneben arbeitet sie daran, zu den vom Familienministerium geförderten Mehrgenerationenhäusern zu gehören. Ob dann der "Lernraum" von Johanna Ofori Attah noch dabei ist, ist ungewiss. Demnächst läuft ihre ABM-Stelle aus, mit der sie ihr Projekt aufgebaut hat. Auf einen Erfolg blickt sie schon zurück: Ein Junge, der eine Empfehlung für die Sonderschule hatte, soll nun auf die Realschule kommen.