So etwa stellt man sich eine mittelalterliche Alchimistenküche vor: Kessel, Bottiche und Verbindungsrohre aus Kupfer, Apothekengläser mit geheimnisvollem Inhalt, ein leicht aromatisch-würziger Geruch in der Luft. Mitten in der für den Laien auf rätselhafte Weise funktionierenden Welt absonderlicher Apparaturen gibt es eine ordnende Hand, die aus dem scheinbaren Chaos mannigfaltiger Aromen eine wundervolle Harmonie komponiert: Janine Mlitzke.

Das Schicksal der letzten Berliner Likör-Manufaktur liegt quasi in ihren zierlichen Händen. Zwischen den teilweise fast 85 Jahre alten Geräten der Likörfabrik ist der Arbeitsplatz der 24-jährigen Destillateurin. Gemeinsam mit Betriebsleiterin Sabine Höbbel (46) verwaltet sie den Schatz, die Rezeptsammlung des Traditionsunternehmens an der Seestraße 13 in Wedding. Regelmäßig fügen die beiden dem riesigen Fundus überlieferter Rezepturen neue, selbst kreierte hinzu - wie etwa die 2008er Sommerkollektion mit "Limetten-Likör", "Erdbeer-Rhabarber-Likör und "Apfel-Holunderblüten-Likör". "Das ist eine tolle Arbeit, jeder Tag eine neue Herausforderung, aus einem riesigen Bestand natürlicher Duft- und Geschmacksstoffe neue Kompositionen zu entwickeln." Janine Mlitzke kann bei ihrer Arbeit auf einen europaweit einzigartigen Schatz zurückgreifen: auf eine "Drogen-Duft-Orgel" mit nahezu 200 Wurzeln, Kräutern, Blüten, Früchten, Samen, Schalen, Rinden, Hölzern und Harzen aus aller Welt. Die "Orgel-Pfeifen" haben so wundersame wie wohlklingende Namen wie Tausendgüldenkraut, Kubeben, Ivakraut oder Quassiaholz.

Jede dieser Proben ist gleich dreifach verfügbar - im unverarbeiteten Original, als Destillat und als Mazerat - einem alkoholischen Kaltauszug. Den Grundstock für diese einzigartige Sammlung legte vor 50 Jahren Destillateurlehrmeister Ernst Dobislaw, als am heutigen Standort im Gebäude der alten Mälzerei die Versuchslikörfabrik wieder aufgebaut wurde. Jung-Destillateurin Janine Mlitzke kann so wahrlich aus dem Vollen schöpfen, experimentieren und riechen, ob die neue Mixtur gelungen ist. Allein das Premium-Produkt des Hauses, der "Kurfürstliche Magenbitter", ist eine Komposition aus 20 verschiedenen Drogen - deren Namen und Zusammensetzung ein streng gehütetes Betriebsgeheimnis sind. Zwar haben erfahrene Destillateure im Laufe der Berufsjahre zunehmend einen "Riecher" für die einzelnen Aromen, wissen, was harmoniert und was nicht zueinander passt. Wie ein Parfumeur schwelgt die Destillateurin in den Düften und Aromen. Doch die letzte Gewissheit über den Erfolg eines neuen Rezepts gibt die Kostprobe, wenn der hochprozentige Alkohol zuerst Lippen, Zunge und Gaumen benetzt und dann einen möglichst lang anhaltenden, aromaintensiven Abgang beschert. Da sind dann die anderen Kollegen der Likörfabrik gefragt, die unterschiedlich von Alter und Geschlecht ihre besonderen Vorlieben und Geschmäcker haben. So wie Geschäftsführer Andreas Höbbel, dessen Lieblingsgetränk aus dem eigenen Hause der "Bockbierlikör" ist. Aber auch der etwas außergewöhnliche Senflikör mit seinen milden Anklängen von Dill ist ganz nach dem Geschmack des 45-Jährigen, der ihn auch gern zu Sülze kombiniert. 2005 hat Höbbel die insolvente "Preußische Spirituosen Manufaktur" übernommen, die sich selbst erst anderthalb Jahre zuvor aus der Insolvenz der "Versuchs- und Lehranstalt für Spiritusfabrikation und Fermentationstechnologie (VLSF)" mit dem Markennamen "Adler-Spirituosen" gegründet hatte. Doch die freie Marktwirtschaft, ohne stützende Hilfe des Branntweinmonopols, erwies sich für die Betreiber der Manufaktur als zu stürmisch. Das handwerklich hergestellte Nischenprodukt schaffte nie den großen Sprung in die Regale der Getränkehändler.

Höbbel, der seit 1994 auf dem Gelände der Versuchs- und Lehranstalt für Brauereien in Berlin (VLB) eine EDV-Firma betreibt, wollte dem drohenden Ende der letzten Berliner "Likörbude" nicht tatenlos zusehen. Aus seinen Studien des Brauereiwesens war ihm das Genussmittel Alkohol vertraut. Gemeinsam mit seiner Frau Sabine und Frank Pukownick übernahm er vor knapp drei Jahren den Traditionsbetrieb, in dem im vergangenen Jahr immerhin schon etwa 9000 Liter Berliner Liköre - natürlich per Hand - abgefüllt wurden und ein Umsatz von 185 000 Euro erzielt werden konnte. Das reicht aber noch nicht, um das Traditionsunternehmen am Leben zu halten und dauerhaft den bislang drei Angestellten sichere Arbeitsplätze zu garantieren. "Noch überleben wir durch unsere EDV-Firma, doch Mitte des Jahres wollen wir schwarze Zahlen schreiben, Ende 2008 etwa 300 000 Euro Umsatz erzielt haben", verrät Höbbel. Dass es mit den 40 derzeit zum Sortiment gehörenden Produkten gelingen wird, daran hat Höbbel kaum Zweifel. Denn seine Produkte finden immer mehr Liebhaber - besonders in der Spitzengastronomie. Aber auch der Edelspirituosenhändler DeWillis an der Windscheidstraße 27 in Charlottenburg hat etwa den "Rosen-Likör", den "Bauern-Pflaumen-Likör", den "Ingwer-Creme-Likör" und natürlich den "Kurfürstlichen Magenbitter" (0,7 l, 26 Euro) im Sortiment.

DeWillis ist damit derzeit noch der einzige Händler, der die Edel-Spirituosen vertreibt. Sonst bekommt man sie nirgends - außer in der Likörfabrik selbst. Dort können mit oder ohne Führung durch die Produktionsstätte und anschließender Verkostung die hochprozentigen Spezialitäten gekauft werden. Neben "Allasch Kümmel" gibt es auch typische Berliner "Kurze" wie "Saurer mit Persico", "Weddinger Kräuterlikör" oder Extravaganzen wie "Feuerminze" oder "Zimt-Likör". Und natürlich auch den Korn, der so wie die Molle und die Weddinger Likörfabrik ein Stück Berliner Tradition ist.