In die 70er-Jahre, als der Daddy Cool des Bühnenstückes der Disco-König von London war und Musikproduzent Frank Farian im wirklichen Leben der Discokönig von Deutschland. Heute ist Frank Farian 65 Jahre alt und einer der kommerziell erfolgreichsten Produzenten Deutschlands. Er hat Boney M. erschaffen, jenes Discoquartett aus drei Sängerinnen und einem hibbeligen Vortänzer, das seit 1976 zehn Jahre lang mit Gute-Laune-Schlagern zwischen Disco und karibisch gefärbtem Pop die Charts nicht nur in Deutschland prägte. Ausgeheckt, produziert und meist auch gesungen von Frank Farian. Nun also hat er - angespornt durch Erfolge wie "Abba - Das Musical" und "Queen - We Will Rock You" -, um die Musik von Boney M. und weiterer Produkte seiner Farian-Family ein Musical maßgeschneidert, das im vergangenen Jahr im Londoner West End seine Uraufführung erlebte und nun auf Tournee um die Welt gehen soll. Erste Station: Berlin.
Kein nostalgisches Leichtgewicht
Nun ist "Daddy Cool" keineswegs ein nostalgisches Leichtgewicht, das sich ganz auf die Gefälligkeit verblichener Nummer-1-Hits verlässt. Das Stück bringt sozusagen die Clubkultur aus zwei Jahrzehnten auf die breite Musical-Bühne. Die 70er-Disco-Jahre scheinen lediglich in der Erinnerung auf. Denn das Stück selbst spielt in den Neunzigern und erzählt von Sunny (Dwayne Wint), einem jungen Rapper aus Trinidad, der mit seiner Subsonic-Crew in London den Erfolg sucht und in eine Fehde mit der grimmigen Blades-Crew gerät. Dummerweise verliebt er sich in die Schwester seines Erzrivalen Benny (Davie Fairbanks). Was deren Mutter, der eiskalten Nachtclubbesitzerin Ma Baker (Vanessa Leagh Hicks), überhaupt nicht ins Konzept passt. Das klingt zwar ein bisschen nach "West Side Story", mündet aber dann doch in ein Happy-End.
Doch wie passt da nun die Musik von Boney M. ins Bild? Bei der quietschbunten karibischen Eröffnungssequenz mit dem jungen Sunny und "Hooray! Hooray! It's A Holi-Holyday" noch ganz gut. Aber bei HipHop-Battles zu Breakdance-Choreographien? Auch. Denn Farian hat die Gassenhauer ganz einfach neu arrangiert und unter Mithilfe von mainstreamversierten Studio-Cracks wie Mousse-T zeitgemäß aufgepeppt. Manch eingefleischter Boney-M.-Fan wird sich wundern, wie rau und aufgebrezelt Klassiker wie Boney M.s "Rasputin" oder auch Milli Vanillis "Girl You Know It's True" daherkommen können. Und "I Can't Stand The Rain" von Eruption wird hier in der Version von Sunnys Mutter Pearl (Onita Boone) zu einem seelengequälten Gospel-Aufschrei, der mit langanhaltendem Zwischenapplaus bedacht wird.
Karibischer Slang, englischer Dialekt
Die Erzählung freilich zieht sich etwas in die Länge. Wir erfahren, dass Ma Baker einst Sunnys Mutter den Mann ausgespannt hat. Doch auch bei Ma Baker hat es den Disco-Hallodri nicht lange gehalten. Was übrig blieb, ist jener eingangs erwähnte silberne Mantel, mit dem Vater Johnny alias Daddy Cool einst Londons Diskothekenböden heiß getanzt hat. Und der nun wie eine schmerzlich vermisste Trophäe durch die Handlung mäandert. Man hat die Londoner Besetzung nach Berlin geholt. Es wird viel geredet. Auf Englisch. In karibischem Slang und derbem Londoner Dialekt. Man sollte der englischen Sprache mächtig sein, um der Geschichte folgen zu können.
Das junge Ensemble mit rund 50 Sängern und Sängerinnen, Tänzern und Tänzerinnen, macht seine Sache souverän und überzeugend. Die Choreographien sind temporeich und exakt. Der Sound ist laut und brillant, das Bühnenbild praktisch und durchdacht. Für das große Finale beim Notting Hill Carnival, jenem großen Fest der karibischen Community an der Themse, wird alles aufgefahren, was Kostümfundus und Requisite hergeben. Zwei gigantische Papageien schweben vom Theaterhimmel herab. In dieser letzten guten halben Stunde der rund dreistündigen Show kommt dann tatsächlich Partystimmung auf, das Publikum steht, singt und tanzt. Da sind wir mit "Rivers Of Babylon" und "Brown Girl In The Ring" dann doch in den Siebzigern. Und mittendrin schlägt Daddy Cool den breiten Kragen hoch und wirbelt im silbernen Mantel durch die Zeit.


