Das Bekenntnis von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass, am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat ein geteiltes Echo gefunden. Kritik wurde am späten Zeitpunkt der Offenlegung laut, in der Frage seiner moralischen Glaubwürdigkeit stärkten Schriftsteller-Kollegen dem 78- Jährigen aber den Rücken. In seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel", die am 1. September erscheint (Steidl Verlag, 480 S., 24 Euro), berichtet Grass erstmals über seine Einberufung als 17-Jähriger zur Waffen-SS.
Der Hitler-Biograf und NS-Experte Joachim Fest griff Grass an. Er verstehe nicht, "wie sich jemand 60 Jahre lang ständig zum schlechten Gewissen der Nation erheben kann, gerade in Nazi-Fragen - und dann erst bekennt, dass er selbst tief verstrickt war", sagte Fest der "Bild"-Zeitung. Der Autor Martin Walser erklärte dagegen in der "Stuttgarter Zeitung" zum langen Schweigen von Grass: "Das wirft ein vernichtendes Licht auf unser Bewältigungsklima mit seinem normierten Denk- und Sprachgebrauch."
Auch Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Jens stärkte Grass den Rücken. "Ein Meister der Feder hält Einkehr und überlegt sich: Was hast du im langen Leben zu berichten vergessen? Das hat er getan und er verdient meinen Respekt." Dagegen zeigte sich Grass-Biograf Michael Jürgs "persönlich enttäuscht". Es sei "das Ende einer moralischen Instanz", sagte er dem "Tagesspiegel". Keine Stellungnahme gab es vom Kritiker Marcel Reich-Ranicki: "Kein Wort" werde er dazu sagen.
Der tschechische Pen-Club erwägt, Grass den Karel-Capek-Preis zu entziehen. Der polnische Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa forderte Grass zur Rückgabe der Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt Danzig auf, die er 1993 erhalten hatte. BM

