Übermorgen kommt der letzte Teil der "Star Wars"-Saga ins Kino. Heute feiert er seine Deutschland-Premiere in Berlin. Mit seinem Schöpfer George Lucas, der damit auch das Scharnier zwischen erster und zweiter Trilogie schließt.

George Lucas war schlau genug, zum Abschluß seines Werkes, mit dem er sich in die Geschichte des Universums eingeschrieben hat, noch einmal sein Credo auszubreiten. Anakin Skywalker und Kanzler Palpatine sitzen im Zirkus. Oder im Kino. Denn was da im Hintergrund zu sehen ist, wird nicht richtig klar. Der Jedi und der Politiker sprechen über die Macht und ihre dunkle Seite. Über Tod und Verrat. Über die Zukunft. Die Jedi seien gut, erklärt Anakin Skywalker. Der Kanzler antwortet: "Das Gute hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab."

So viel Philosophie mag den Horizont von Anakin Skywalker überschreiten, der sich in "Die Rache der Sith" einmal mehr als wenig gebildet entpuppt, aber mit den Star-Wars-Filmen verhält es sich wie mit dem Kanzlerwort: alles eine Frage des Blickwinkels. Man kann sie rühmen als digitale Supermärchen. Aber es ist auch wahr, daß der Erzähler Lucas mit viel Rechenkapazität leere Bilder produziert, daß er sich kaum für die Figuren interessiert, Schauspieler nicht führen kann, schlechte Dialoge schreibt und einzig der Montage vertraut. In der Galaxie weit, weit entfernt gehören Kitsch und Pathos, Rasanz und Langeweile, Avantgarde und Geschmacks-Unfälle untrennbar zusammen. Jede Pop-Religion, hat Georg Seeßlen einmal geschrieben, hat ihren Kindergottesdienst. Und Lucas wußte stets den Nachwuchs zu bedienen. Trotzdem ist "Die Rache der Sith" der mit Abstand beste Film der zweiten Trilogie.

1977, in "Krieg der Sterne", hatte der Böse Darth Vader seinen großen Auftritt im Duell mit Obi-Wan Kenobi, damals gespielt von Alec Guinness. "Endlich begegnen wir uns wieder", knarzt Vader mit metallischer Stimme. "Der Kreis schließt sich". Die neue Trilogie, 1999 begonnen, erzählt bekanntlich, wie aus dem begabten Kind Anakin Skywalker Darth Vader wird: die schwarze, röchelnde Verkörperung des Bösen. Am Ende stehen sich Vader und Obi-Wan (Ewan McGregor) gegenüber - in einem Vulkan, der dem Schicksalsberg aus "Herr der Ringe" so ähnlich sieht, als habe Lucas sich von Peter Jackson die Festplatte geliehen.

Überhaupt ist "Episode III: Die Rache der Sith" deutlich auf den Erfolgsmodellen der letzten Jahre errichtet. Die Computerspieler-Generation hat sich schon lange mit Star-Wars-Spielen angefreundet, wo man auf der Seite der (bösen) Sturmtruppen gegen die (guten) Rebellen kämpft. Die Guten hatten besonders bei Lucas stets mit ihrer schlichten Eindimensionalität zu tun. Darth Vader konnte sich zum Pop-Mythos mausern, weil dieses Mensch-Maschine-Wesen viel eher dem gewandelten Zeitgeist entspricht als Luke Skywalker der ersten Trilogie.

Der Focus auf das Dunkle tut dem Film gut. Lucas hat sich die Kindereien großteils versagt, die wohlmeinenden Kinogängern bisher so viel Kummer bereiteten. Selbst die Frisuren von Anakin und Obi-Wan sind besser geworden. Dramaturgisch ist "Episode III" gestrafft. Die Action-Szenen leben von einer hübschen Zerstörungs-, die ruhigen Szenen von Verführungslust. Immerzu geht es um schwindendes Vertrauen, um Verrat und Gier. Kanzler Palpatine (Ian McDiarmid) überzeugt den nach Macht strebenden Anakin, die Jedi zu bekämpfen und die Seiten zu wechseln. Mitten im Krieg führt er einen Staatsstreich aus und errichtet die Diktatur.

Anakin Skywalker ist Hamlet, der zu Macbeth wird. "Episode III" erzählt vom langen Zögern und von blutiger Tat. Indem Anakin sein Schicksal verhindern will, führt er es herbei - was schon die Götter bei Homer amüsiert hat. George Lucas setzt ganz auf die Kraft des pathosbeladenen Melodrams, Schritt für Schritt verfängt sich sein naiver Held im Spiralnebel aus verzweifelter Liebe, Machtverlangen und politischer Dummheit. Die Bilder gewinnen parallel dazu an Stärke; der Film strebt zu den großen grafischen Lösungen, einmal sieht man Skywalker aus Vogelperspektive durch einen riesigen Raum schreiten wie der dunkelste aller Lords in Riefenstahls "Triumph des Willens". Wenn schließlich der berühmte Helm auf den Kopf von Darth Vader gesetzt wird und das noch berühmtere Röcheln zu hören ist, erscheint das als triumphale Erlösung.

Die ehedem tatkräftige Prinzessin Amidala, Anakins Frau (Natalie Portman), entwickelt sich zur äußerst schwachen Figur, die nichts mehr zu tun hat außer auf die Geburt der Kinder Luke und Leia zu warten, die später (oder früher) so wichtig werden. Es fehlt im Planetensystem eindeutig an Super-Nannys. Unnötig zu sagen, daß auch Hayden Christensen keine Sekunde in der Lage ist, den Wandel zu spielen. Er stiert und starrt unaufhörlich, eine Maske, die eine Maske überdeckt. Das darf aber nicht stören: Im Star-Wars-Imperium regierte schon immer der Glaube, nie die Vernunft.

"Episode III" führt nicht immer glaubwürdig, doch konsequent alle losen Fäden der Geschichte zusammen. Der Zuschauer weiß stets um das kommende Schicksal der Figuren. Im krönenden Abschluß vermengen sich noch einmal alle religiösen und mythischen Elemente. Christentum und Buddhismus schwingen mit, die Artus-Legende und die Nibelungen, Sauron, Samiel und Voldemort erscheinen, Isoldes Liebestod, "Apocalypse Now" und "Titanic" werden zitiert. Das Kino verwurstet die vitalen Kulturkräfte zu einem Unsterblichkeits-Cocktail. Es ist hier, wie es Umberto Eco für "Casablanca" erkannt hat: Die Klischees und Archetypen feiern hier vor der Kulisse der Götterdämmerung ein ergreifendes Wiedersehen.

Die sechs Filme erzählten von Anfang an vom Aufbegehren der Technik. "Krieg der Sterne" wurde vor 28 Jahren als das Ende des Kinos alter Ordnung begriffen. "Die Rache der Sith" führt 2005 auch diese Tradition fort. George Lucas pflegt also seinen eigenen Wertkonservatismus. Die hyperrealistischen Digital-Bilder, die um ihrer selbst willen existieren, hat der Regisseur einigermaßen gebändigt. Die in Blockbuster-Filmen mittlerweile übliche Eröffnungsschlacht ist die einzige überdehnte Sequenz, und dabei weit weniger Videospiel-Ästhetik verhaftet als in den Episoden I und II.

Trotzdem kann Lucas der Versuchung nicht widerstehen, seine Figuren ständig vor Fenstern agieren zu lassen, hinter denen ein riesiger digitaler Verkehrsfluß zu sehen ist. Der Schöpfer prunkt mit seinem eigentlichen Kind, dem Digitalkino, und ist dabei von Anakins beschränkter Wahrnehmung gar nicht so weit entfernt. Denn diese Hyper-Bilder stehen dem Erzählen mehr im Weg, als sie nutzen. Das Digital-Kino ist immer noch zu vollgestopft. Wen es interessiert, was da im Hintergrund für 67 Raumschiffe fliegen, wenn im Vordergrund über Liebe geredet wird, hat nichts kapiert.

Am Ende regredieren sogar die Maschinen. Die Raumschiffe des neuen Imperiums sehen schäbiger, klobiger aus als die der alten Republik. Die - digital erschaffenen - Droidenarmeen werden abgeschaltet, die Sturmtruppen des Imperiums übernehmen das Kommando in den Plastikuniformen von 1977. So entsteht die Diktatur als ästhetischer Rückschritt. Und damit löst sich das Rätsel der zweiten Trilogie, die Frage nämlich, warum die Welt so viel aufwendiger, fortschrittlicher und vermeintlich schöner ist als die der ersten Filme, die 30 Jahre früher entstanden. Das Ende von "Episode III" erzählt in den Bildern einen Abschied von der digitalen Opulenz. Die ästhetische Verarmung hat begonnen, und dies ist vielleicht George Lucas' größter Tribut: Er verzichtet auf die von ihm selbst geschaffenen Möglichkeiten. Im Melodram muß auch der Schöpfer am Ende der Spirale mitleiden. Der Kreis schließt sich. Die Macht des Kinos ist mit ihm und mit uns.