Ich und der Prince of Wales (die Reihenfolge ist Fritz J. Raddatz' würdig) waren in Londons Festival Hall dabei, als Horowitz Europa nach über dreißigjähriger Abwesenheit wiederkehrte. Das Publikum war voll gestopft mit Jubel, und es wurde ihn natürlich am Ende auch los, wenn auch nach einer leichten Zitterpartie. In Schumanns "Träumerei" verirrten sich Horowitzens Hände und fanden den Ausgang nicht mehr.
Als er indessen nach Europa wiederkehrte und am 18. und zusätzlich am 24. Mai 1986 erstmals nach 1933 auch in Berlin auftrat, ließ er sich in glücklicherer Form hören. Damals durfte ich ihm wiederholt vorsichtig die Meisterhand drücken. Es gibt sogar ein Photo von uns beiden, damals, in einer Suite im Hotel Kempinski. Wo ist es bloß hin?
Der kleine, alte Herr sah mit seinen melancholisch schwarzen, russisch-jüdischen Augen ein bisschen verschreckt zu mir auf, reichte mir seine weltberühmte Hand und fragte scheu und etwas kokett: "Muss ich nun alles beantworten, was Sie mich fragen?" Ich beruhigte ihn. Wir würden uns höchst zwanglos unterhalten.
Er habe auf dem Hotelkorridor gerade seinen "lieben, alten Freund Rudolf Serkin getroffen. Er musste sein Konzert absagen. Er fiebert. Warum spielt er auch, wenn er doch weiß, dass man sich dabei erhitzt, in der Abendkühle? Ich warnte ihn, ,Rudi, mach's doch wie ich. Spiel nur nachmittags um vier. Das ist gesünder.'"
Die Philharmonie hatte ihm auf Anhieb nicht geschmeckt. Nach einer ersten Besichtigung des Saals hatte er in ihm partout nicht spielen wollen. Frau Wanda hatte es sofort abschätzig angemerkt: Dort sähe man ja von überallher auf ihren Mann herunter, statt, wie es sich gehörte, zu ihm aufzuschauen.
Horowitz aber fühlte sich alsbald in der Philharmonie pudelwohl. Sie erinnerte ihn wohl an ein musikalisches Zirkuszelt, wie geschaffen für Clownerien, für Flirts mit dem jungen Publikum auf den Podiumsplätzen. Noch in der Pause ließ er anfragen, ob denn am kommenden Sonntag um vier der Saal für ein Zusatz-Konzert zur Verfügung stände. Das war glücklicherweise der Fall - und das Festwochenbüro konnte tags drauf seine Tür nicht mehr öffnen, so hoch stapelten sich die Kartenbestellungen.
Mir war aufgefallen, wie artig Horowitz am Flügel gesessen hatte, ohne alle Virtuosenfaxen. So hatte ihn doch wohl als kleinen Jungen einst die Frau Mama ans Klavier gesetzt. "Ganz recht", antwortete Horowitz. "Aber etwas anderes kommt hinzu: Einst hörte und sah ich Emil von Sauer, den Liszt-Schüler, spielen. Er hatte die Augen immer zum Himmel verdreht, holte mit beiden Armen haushoch aus und drosch prompt in die falschen Tasten. Da sagte ich leise zu mir: Vladimir, das machst du nicht. Ich saß fortan mucksmäuschenstill an meinem Flügel und sah auf nichts als Finger und Tasten."
Auszüge aus Klaus Geitels Kolumne vom 30. 9. 2003.

