Seit fast drei Jahrzehnten schreibt er über Musik in der Berliner Morgenpost. Klaus Geitel, gebürtiger Berliner, veröffentlichte außerdem Bücher etwa über Hans Werner Henze, Friedrich Gulda, Rudolf Nurejew oder Maurice Béjart. Künstler, Kritisierte, Weggefährten und Freunde gratulieren zum Jubiläum.

Eigentlich müsste man in allen Journalistenschulen, publizistischen Oberseminaren und in den Abgangsklassen höherer Lehranstalten Klaus Geitels schreiberische Technik, seine Spracheleganz und seine Wortbildungsgrazie unterrichten und all jenen Absolventen eintrichtern, die sich dem schweren, schönen Beruf des Kritikers und der Tagesschriftstellerei widmen wollen. Geitel hat es ihnen nämlich allen vorgemacht: die Kunst der eleganten Einrede, der geistreichen Gefechte, des wie von obenhin in die Tiefe schürfen, die Methode Florett statt Holzhammer und eine fürsorgliche Kritik, die dem Kritisierten Luft zum Atmen lässt und Mut zum Weitermachen. Klaus Geitel - ein Kritiker aus Liebe.

Wir waren mehr als zwanzig Jahre lang ein Team, seit 1976 der Verleger Axel Springer ihn und Friedrich Luft der Berliner Morgenpost spendierte und ins Feuilleton entsandte. Ein Team. Er, der weit über die Grenzen der Stadt geschätzte Großkritiker, der fürderhin nicht nur die große WELT, sondern auch die Welt der Nachbarschaft eloquent bedienen sollte. Ich, der verantwortliche Ressortleiter Kultur, der den Schreibestar pflegen und vielleicht ein bisschen verwöhnen wollte, aber nicht gegen die Kollegen ausspielen und auch diesen Raum und Chancen lassen sollte.

Es hat geklappt, wieder und wieder. In hitzigen Festwochentagen, wenn die Seiten immer viel zu wenige Zeilen fassten. In sommerlichen Sauregurkenzeiten, wenn wir uns am Anfang einer Woche telefonisch trafen und etwas Spannendes, Repräsentatives für die Sonntagsausgabe ausheckten. "Wollen wir mal wieder ein Bömbchen legen?" war die Eröffnung, wenn wir uns über die Zukunft des Balletts, über die Allüren einer Taktstockdiva oder die Finanzierung sündteurer Inszenierungen im Opernhaus Gedanken machten. Freitagmittag lag das Manuskript pünktlich auf den Tisch. Auf Zeile genau geschrieben. Brillant formuliert, voller Zündstoff. Und schon begannen in manchen Senatsvorzimmern die Alarmglocken zu schrillen.

Das waren das Glück und die alltägliche Freude der Zusammenarbeit mit einem Musik- und Kulturkritiker, der nicht auf Rang oder Privilegien pochte. Sondern als Profi die Kunst der Pünktlichkeit, der Präzision und der Zuverlässigkeit im Umgang mit Namen, Daten, Fakten beherrschte. Für ihn traf nie eine der so unbeliebten Gegendarstellungen ein, nie mussten verlegene Berichtigungen gedrechselt werden.

Geitel redaktionell zu betreuen, war Freude und Gewinn. Denn zu den obigen Eigenschaften eines Stars ohne Starallüren kam der Genuss an seiner Schreibkunst. Geitel ist ein Meister der verbundenen Sätze, der einander perlend folgenden Formulierungen, der Gedanken-Girlanden, schwerelos abhebend, triumphierend hochfliegend wie die Könner der von ihm geliebten Tanzkunst. Das kann er wie kaum einer, und deshalb ist die Idee, ein, zwei, drei, viele journalistische Geitels heranzuziehen, leider auch ganz untauglich. Der Kritiker Klaus Geitel ist ein Unikat und nicht reproduzierbar.

Einmal wurde unsere kollegiale Freundschaft auf die Zerreißprobe gestellt. Das war, als Herbert von Karajan, der Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters, mit seinen Elitemusikern in den Clinch geriet. Es ging 1982/83 im Speziellen um die Klarinettistin Sabine Meyer, im Allgemeinen um Frauen im maskulin ausgerichteten Orchester und im höheren Sinne um Macht: Wer sollte im Berliner Vorzeigeorchester das Sagen haben. Jeder in der Szene wusste, dass unser Mann in der musikalisch-kulturpolitischen Feuerlinie das Vertrauen des sonst äußerst verschlossenen Maestros genoss und viele exklusive Informationen aus den Salzburger und Berliner Schaltzentralen erhielt und verbreiten konnte. Das gab der Berliner Morgenpost publizistischen Vorsprung.

Die Sache der Ressortleitung war es aber auch, das Blatt auf unparteiischer Linie zu balancieren und auch die Argumente der Gegenseite zu transportieren. Eine "Karajan-Postille" galt es zu vermeiden. So fanden die Orchestervertreter und manche leidenschaftlichen Stimmen aus den hinteren Reihen Gehör und Platz im gleichen Kulturteil. Eine pikante Konstellation. Die Probe haben wir bestanden, auch wenn wir ohne Absprache schreiberisch an zwei Enden eines Taus zogen. Da passte dann doch immer auf manchen Karajan-Topf ein philharmonischer Deckel, und den Spaß hatten die Leser. Selbst die schärfste Konkurrenz gab zu, dass, wer Neuestes von der philharmonischen Walstatt erfahren wollte, zur Morgenpost greifen musste. Heute ist "Frauen im Orchester" kein Thema der Erregung mehr, und der Karajan-Konflikt eine fast vergessene Kabale der Kulturpolitik aus dem guten alten West-Berlin, in dem die Umgangsformen, auch die journalistischen, gar nicht so schlecht waren.

Vielleicht schreibt Geitel ja über jene Zeit auch einmal ein Stück für die Kolumne "Meine Geschichten"? Als unser Autor vor kurzem in dieser Zeitung Bilanz der aktuellen Berliner Konzertsaison zog, bescheinigte er der Stadt und ihren Bürgern "Spürsinn, Wagemut, Begeisterungsfähigkeit". Na, holla! Da sind sie doch, die Tugenden, die dem Kritiker K. G. aus meiner Sicht nie abhanden gekommen sind.

Dieter Strunz war langjähriger Feuilleton-Chef der Berliner Morgenpost