Auf der Leipziger Buchmesse präsentiert der Berliner Autor Thor Kunkel morgen seinen Roman "Endstufe". Das Buch war Anfang Februar aus dem Rowohlt-Programm gestrichen worden; nun erscheint es, nur wenige Wochen verzögert, eben bei Eichborn.
Gab es im Dritten Reich einen schwunghaften Handel mit Pornofilmen? Unter anderem um die so genannten Sachsenwaldfilme geht es in Thor Kunkels Roman "Endstufe". Seine Recherchen sollen den Autor bis nach Schweden und Nordafrika geführt haben - was sie wert sind, kann man erst beurteilen, wenn das Buch vorliegt. Doch so viel steht fest: Mit seinem Roman wühlt Kunkel in einem äußerst attraktiven Sündenpfuhl.
Gerüchte um "Orgien" in Hitlers Berchtesgadener Residenz "Berghof", der Reichskanzlei und selbst im "Führerbunker" kamen schon bald nach 1945 auf. Sie haben sich längst als Kolportage erwiesen, ebenso wie die angebliche Homosexualität des "Führers".
Neben solche Spekulationen traten bald weitere intime "Enthüllungen". Walter Schellenberg, SS-Offizier und zuletzt Chef der gesamten NS-Auslandsspionage, berichtete in seinen Memoiren vom "Salon Kitty", einem Bordell in der Charlottenburger Giesebrechtstraße 11. Dort hätten im Auftrag von Reinhard Heydrich, dem Chef des "Reichssicherheitshauptamtes", "Damen der Halbwelt aus den Großstädten Europas" gearbeitet, aber auch "Damen aus der so genannten guten Gesellschaft".
Durch Mikrofone sei beinahe jedes Wort aufgezeichnet worden, das in den Separées gesprochen (und vermutlich öfter gestöhnt) wurde. Die Prostituierten hätten ihre Freier ausgefragt, aber von den Abhöreinrichtungen nichts gewusst. Diese Geschichte sponn der Autor Peter Norden 1970 weiter: Er veröffentlichte einen "Tatsachenbericht" über den "Salon Kitty". Tausende Wachsplatten befänden sich, so behauptete Norden im Nachwort zu seinem Buch, "unter strenger Aufsicht und Kontrolle beim Staatssicherheitsdienst der DDR". Allerdings sind seit der Implosion der Stasi 1990 keine Spuren dieses "einmaligen Archivs" aufgetaucht. Von den angeblich umfangreichen Abschriften hat nie jemand auch nur eine Originalseite gesehen. Wahrscheinlich haben sie nie existiert, ebenso wenig wie eine "geheime Abhörzentrale" im Keller der Giesebrechtstraße 11.
Das Bordell hat es zwar gegeben, die dort beschäftigten Frauen lieferten vielleicht Berichte an die Polizei - alles weitere über den "Salon Kitty" aber dürfte Erfindung sein, gespeist aus historischem Halbwissen, schmieriger Fantasie und Analogien zu den Methoden jüngerer Geheimdienste. Trotzdem lebt die "Abhörzentrale im SS-Bordell" weiter - noch 2002 kolportierte der Brite Anthony Beevor in seinem ansonsten lesenswerten Buch "Berlin 1945" diese Geschichte.
"Sex im Dritten Reich" fasziniert. Da dieses Regime sämtliche Tabus gebrochen hat, scheint ihm auch auf intimstem Gebiet alles zuzutrauen. Im Prinzip ist diese Überlegung nicht falsch; allein, es fehlen meist die Belege. Das Gegenteil jedoch, die Unterdrückung ideologiewidriger Sexualität, ist genau belegt. So bestraften Gestapo und Polizei rücksichtslos Schwule (wegen "Unzucht") und Prostituierte (als "Asoziale"). Pornografische Bücher, Bilder und Filme waren verboten und wurden, wie Akten aus Himmlers Reich zeigen, mit bizarrer Gründlichkeit verfolgt.
Gleichzeitig sorgte die SS für die "eigenen Bedürfnisse". In "Giftschränken" der SS wurden Erotica gesammelt; eine ganze Bibliothek bauten zwangsverpflichtete Juden im Logenhaus in der Eisenacher Straße auf. Der Zwangsarbeiter und Goethe-Experte Ernst Grumach bezeugte, dass sie "von den SS-Leuten sehr oft benutzt" wurde.
Auch handelten staatliche Stellen durchaus auf dem internationalen Markt mit konfiszierten Erotica - allerdings nur mit höchster Freigabe: Reinhard Heydrich erlaubte im März 1935, Dubletten aus der beschlagnahmten pornografischen Sammlung des Schriftstellers Eduard Fuchs in Paris zu verkaufen, um Devisen zu erlösen. Der Gewinn betrug schließlich 30 670 Francs.
Diese in bislang wenig bekannten Akten aus ehemaligen Stasi-Beständen dokumentierten Vorgänge sprechen nicht automatisch gegen Kunkels Roman. Die belegten Beispiele sollten jedoch skeptisch machen gegenüber unbelegten Spekulationen zu Pornoproduktionen in halboffiziellem Auftrag.
Mitarbeit: Facts & Files Historisches Forschungsinstitut Berlin

