Caspar David Friedrichs "Der Watzmann" hängt seit gestern als Leihgabe in der Alten Nationalgalerie. Sie gab das Gemälde an eine Erbengemeinschaft zurück und nahm es gleichzeitig von der DekaBank, die es kaufte, wieder in Empfang. Der Kanzler war dabei.
Unter Alpinisten gilt der Watzmann in den Berchtesgadener Alpen als Herausforderung an die Kondition, nicht an die bergsteigerische Technik. Man muss körperlich fit und mental dazu in der Lage sein, sich selbst zu überwinden, wenn man den 2713 Meter hohen Gipfel erreichen will. Der Fähigkeiten eines Kletterkünstlers bedarf es dazu nicht. Unvorsichtigkeit und Leichtsinn allerdings ahndet der Berg. Fast hundert Alpinisten kamen seit der Erstbesteigung durch den slowenischen Theologiestudenten Valentin Stanic im Jahr 1800 ums Leben.
Für den Touristen ist der Watzmann etwas Ferienalltägliches, im Prinzip immer erreichbar, gleich neben dem Königsee eben. Caspar David Friedrich war nie dort. Er malte seinen "Watzmann" 1824/25 nach einer Aquarellstudie eines seiner Schüler. Es ist ein unerreichbar ferner Berg. Friedrich rückt dem Betrachter die Ferne allerdings unheimlich nahe. Die beiden eisigen Bergspitzen sind nicht von dieser Welt, sondern Visionen einer fast unerträglichen Klarheit. Dort oben, denkt der Betrachter, gibt es keine Fragen mehr, sondern nur noch Erkenntnis, die aus der unmittelbaren Anschauung des Göttlichen wächst.
Soll man den Aufstieg überhaupt wagen? Es ist niemand da, den man fragen könnte, noch nicht einmal eine Gams oder ein Murmeltier, die sich von den Flechten und Moosen im Vorgrund zwar noch nähren könnten. Doch tun sie dem vor dem majestätischen Berg schlotternden Menschenkind nicht den Gefallen, ein tröstliches Zeichen warmblütiger Mitgeschöpflichkeit zu geben. Friedrich lässt den Berg aus fernen Sphären rufen. Doch Schweigen ist die Antwort - und nicht das Lied von den Bergvagabunden oder der brüderliche Ruf "Berg frei!", der in der sozialdemokratischen Touristenvereinigung "Naturfreunde" üblich war.
Gestern, am ersten Tag nach dem Abschied als SPD-Vorsitzender, hat Bundeskanzler Gerhard Schröder dem eisigen Berg des großen deutschen Malers gehuldigt. Die DekaBank überlässt den "Watzmann" der Alten Nationalgalerie als Leihgabe. In einem feierlichen Akt wurde das bekräftigt. Friedrichs "Watzmann" bleibt ein Berg, zu dem jeder hingehen kann. Jeder kann sich überwältigen lassen vom ästhetischen Erlebnis der Einsamkeit und Verlorenheit im Angesicht des ewigen Eises. Die Leute werden sich vor der Aussicht auf eine unerreichbar ferne Klarheit so drängeln, dass ihnen ganz warm wird. Große Kunst vereinzelt und verbindet gleichermaßen. Sie erzählt das Allgemeine, indem sie dem Einzelnen ein Geheimnis offenbart. In dieser Dialektik liegt ihre Macht.
Was offenbart Friedrichs Kunst Gerhard Schröder? Ein Geheimnis ist es nicht, dass der Kanzler - jedes Bild entsteht schließlich im Kopf - über den Gipfeln im Licht die Jahreszahl 2006 geschrieben sieht. Dann will er noch einmal antreten. Ebenso wenig ist es ein Geheimnis, dass derzeit selbst die Murmeltiere sich rar machen, wenn es um den Aufstieg geht. Das ist hart: "Berg frei!" zu rufen und immer nur das eigene Echo zu hören.
Den Trieb zu lichten Höhen - Segen der Dialektik - verspüren allerdings auch andere. Auf den fernen Gipfel entbrennt ein Rennen. Das gewinnt derjenige, der den Weg weiß, das rechte Tempo findet und nicht versucht, durch halsbrecherische Kunststücke zu glänzen. Denn, wie gesagt, der Watzmann verlangt Ausdauer, nicht Artistik. Außerdem einen, der vorangeht und einen, der aufpasst, dass alle mitkommen.
In diesem Sinne haben die sozialdemokratischen Bergfreunde am Sonntag im Berliner Estrel, jener watzmannmäßig gezackten Parteitagslokalität, die Aufstellung für den Gipfelsturm geprobt. Wie das bei großer Kunst so ist, war das mit großen Gefühlen verbunden. Gerade Seilschaften in scheinbar aussichtsloser Lage sind emotionale Kraftwerke, die Außergewöhnliches leisten können, aber auch schwer zu beherrschen sind. Und kein possierliches Murmeltier lenkt ab vom Gedanken an Mühsal und fraglichen Erfolg.


