Jetzt auch noch der. Die Berlinale hat noch gar nicht richtig angefangen, da wirft der Prominentenschwund schon einen langen Schatten über das Festival. Erst hat Nicole Kidman ihre Zusage zurückgenommen, dann ist auch Nick Nolte die Lust vergangen, am Sonntag "Beautiful Country" zu präsentieren. Jude Law wollte wenigstens kurz über den roten Teppich wandeln. Doch dann machte auch er gestern kurz vor der Eröffnung mit seinem Film "Unterwegs nach Cold Mountain" einen Rückzieher. Große Enttäuschung bei den Berlinale-Zaungästen: Hey Jude!

Wer geglaubt hat, Law trage seinen bedeutungsschweren Namen wegen des aufmunternden Beatlessongs, der irrt. Seine Eltern, zwei Lehrer aus einer Londoner Vorstadt, benannten ihren einzigen Sohn nach Thomas Hardys "Im Dunkeln. Jude the Obscure", eine finstere Erzählung mit tödlichem Ausgang - so finster, dass man sich fragt, wie jemand sie mit einem Baby in Verbindung bringen kann. Ein ernster Bursche sei er gewesen, erzählt Law, der seine Kindheit damit verbrachte, Stummfilme mit Harald Lloyd zu studieren und dann mit fünf Jahren selbst seinen ersten Auftritt hatte, in einer Schulaufführung als Drachentöter. So unverschämt gut sieht Law aus, dass ihn prompt mehrere Regisseure als Herrenmonster besetzten: In "Gattaca" war er der Prototyp, dem Ethan Hawke zu gleichen sucht, in Spielbergs "A.I." der humanoide Gigolo oder der Zauberlehrling in Cronenbergs Körperhorror "eXistence".

Er braucht nur die Zeit, die es dauert, sich eine Dunhill anzuzünden, um vom hingebungsvollen Liebhaber zum eiskalten Engel zu avancieren. Etwas Gefährliches ist um ihn. Er ist keiner von uns. Sein Durchbruch, auch auf der Berlinale, war der verwöhnte, herzlich launische Dickie Greenleaf in der Highsmith-Verfilmung "Der talentierte Mr. Ripley". Mit dem Küchentisch-Realismus des britischen Kinos hat er nichts am Hut; Waschsalons, Arbeitslosigkeit, picklige Bergarbeiter-Ärsche beim Männer-Strip - das ist nicht sein Metier. Wenn er seinen alabasternen Hintern freimacht, dann geht es um Höheres - um inzestuöse Leidenschaften und erotische Verhängnisse, und dann nehmen auch englische Anwältinnen ungehemmt die Operngläser raus: so geschehen bei den Londoner Aufführungen des Stücks "Indiskretionen".

Dort spricht man noch von ihm, weil er, als ihn seine Spielpartnerin Kathleen Turner in einer Szene wegen einer plötzlichen Erkrankung stehen ließ, einfach ihren Teil des Dialogs in Frageform Richtung Seitenflügel brüllte. Das wäre nicht jedem eingefallen. Jude Law ist Schauspieler aus Notwendigkeit; in Interviews mit ihm merkt man deutlich: Etwas anderes wäre niemals in Frage gekommen.

Mit 12 hat er sich dem National Youth Music Theater angeschlossen, mit 17 endgültig die Schule verlassen und schnell um den Preis als "herausragender Newcomer" gebuhlt. Es will nicht so recht dazu passen, dass Law inzwischen drei eigene Kinder und ein adoptiertes mit sich herumschleppt (von deren Mutter, der Schauspielerin Sadie Frost, ist er seit Herbst geschieden) - während er allein für dieses Jahr fünf neue Filme abdreht. In der Branche gilt er als nett, aber aufbrausend. Als sein letzter Berlinale-Film "Enemy at the Gates" von der Kritik verrissen wurde, weigerte er sich, weitere Interviews zu geben. Mit dem Star-Sein hat er, wie alle britischen Schauspieler, seine Probleme. Gerichtsakten und Polizeiprotokolle im Zusammenhang mit seinem Namen wurden an die Presse weitergegeben, noch bevor Law selbst sie zu sehen bekam - und so lebt er derzeit in Manhattan, wo er sich unbehelligt bewegen kann.

Ein Oscar für seine Rolle des Inman in Anthony Minghellas Bürgerkriegsdrama "Cold Mountain" würde das womöglich ändern. Die US-Presse war jedenfalls begeistert von seinem Südstaaten-Akzent und der Verwegenheit, mit der er sich durch dieses Schlachtengemälde kämpft. Mal sehen, ob er dann kommt.