Ein Mann, der kaum zu bremsen war. Der mächtige Baumeister malte, er entwarf Kronleuchter, Stoffe, Teppiche und Tapeten. Karl Friedrich Schinkel war nicht allein für die Architektur zuständig, sondern ebenso für Decken-, Treppen- und Wandgestaltungen, für Möbel und all das, was wir heute salopp als Design bezeichnen. Doch seine Interieur-Entwürfe standen stets im Schatten seiner Bauten.
Nur wenige wissen, dass sich der preußische Architekt auch als feinsinniger Meister der goldenen Rahmen bewiesen hat. Diesen kaum bekannten und wissenschaftlich vernachlässigten Aspekt beleuchtet nun die Sonderausstellung "Ein Architekt rahmt Bilder" in der Berliner Gemäldegalerie. Als Schinkels Kaiserliches Museum, das heutige Alte Museum, 1830 am Lustgarten eröffnete, präsentierten sich die königlichen Kunstsammlungen mit ihren fein gerahmten Gemälden im Obergeschoss erstmals öffentlich. Niemand wusste, welche Probleme diese Erstausstattung mit sich gebracht hatte. Die rund 1200 Gemälde, die direkt aus den Schlössern oder aus den Sammlungen Solly oder Giustiniani stammten, waren gar nicht oder nur unzureichend gerahmt. Etwa die Hälfte, 600 verschieden große Bilder mussten in kürzester Zeit eingefasst werden - wie hätte Schinkel da einzelne, individuelle Leisten entwerfen sollen? Und für Extravaganzen reichte ohnehin weder die Zeit noch das Geld. Wilhelm von Humboldt, der gestreng der Museumskommission vorstand, mahnte, nur Ausnahmen zu machen "für ganz besondere Bilder", nur "Raphael und van Eyckischen seien zu genehmigen".
1200 Rahmen mussten gefertigt werden
So entwarf Schinkel sogenannte goldene Einheitsrahmen - das war Usus der Zeit: Die Rahmung entsprach nicht etwa der Entstehungszeit des Bildes, sondern dem Geschmack der Zeit. Demnach gab es vier unterschiedlich schlicht gestaltete Grundtypen für die Gemälde des Barock und der Renaissance. Für die Gotik hatte Schinkel zwei andere Standardprofile vorgesehen, die baukastenähnlich, dennoch fantasievoll variierten. "Mit nur geringen Mitteln hat Schinkel eine Spannbreite an Varianten hinterlassen", erklärt Kuratorin Bettina von Roenne.
Den Schinkel-Stil gibt es nicht
Allerdings gibt es "den" Schinkel-Rahmen nicht, auch wenn sich charakteristische Ornamente wie die bleierne Eckpalmette, feine Drehstabsäulen, Lotusblüten und Rankenmotive wiederholen. Die gleichen Dekorationen finden sich übrigens auch in Schinkels Möbeln wieder. Dabei schöpfte der Baumeister aus dem reichen Formenfundus von Antike und Gotik. Betrachtet man die filigran gearbeiteten Rahmen, so sieht man, wie sehr die klassizistische Handschrift des Architekten die Leisten prägt. Schließlich entwickelten sich Leisten aus der Baukunst - so sieht man als Verzierung Elemente wie gotische Rosetten.
Im Geheimen Staatsarchiv fand die Kuratorin Quellen in Form zweier fragmentarisch erhaltener Akten, die genauere Auskunft geben über Schinkels diverse Ideen - mehrere Berliner Werkstätten sind erwähnt. Schinkel achtete penibel auf die handwerklichen Ausführungen. Er lieferte, wie die Ausstellung zeigt, detailtreue Zeichnungen und leichthändige Entwürfe, die eigene kleine Kunstwerke sind. Heute gehören - trotz zahlreicher Kriegverluste - etwa 200 Schinkel-Rahmen zum Bestand der Gemäldegalerie.
Die junge Kunst nutzt keine Rahmen
Früher war ein Bild ohne Rahmen nicht vorstellbar, heute präsentiert sich die Gegenwartskunst vorwiegend ohne Fassung. Die Rahmenkunde wird wissenschaftlich recht stiefmütterlich behandelt. Ein Thema, das den Chefrestauratoren vorbehalten bleibt. Einige wenige Auktionshäuser oder große Museen wie die National Gallery in London beschäftigen eigene Rahmenspezialisten. Als eigenständiges Kunstwerk werden selbst hervorragende Einzelleisten kaum wahrgenommen. "Zu unrecht, da der Rahmen einen wesentlichen Teil des Bildes ausmacht, um es auch im historischen Kontext zu beurteilen", so Bernd Lindemann, Chef der Gemäldegalerie. Das Museum am Kulturforum bemüht sich, seine Werke zeitgemäß, also entsprechend ihrer Entstehungszeit und Malweise einzufassen. Doch nun, so der Museumsmann, sei in die Rahmen-Forschung langsam Bewegung gekommen. Diese lehrreiche Ausstellung ist ein weiterer Schritt.
Gemäldegalerie , Stauffenbergstr. 40, Di, Mi, Fr, Sa, So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr. Bis 31. Juli. Katalog: 24.90 Euro

