Sieben Minuten dauert das Video von Judith Hopf - Zeit genug, um aus dem Park, in dem "Hey Produktion" spielt, eine surreale Bühne zu machen. Künstlerin Hopf geht spazieren und ignoriert dabei nicht nur die eigene Doppelgängerin, sondern verpasst auch jenen Moment, in dem sich eine stählerne Skulptur hinter ihrem Rücken bewegt.
Eine poetische Komödie, deren subtile Fragen nach Schein, Wahrheit und Identität dann aber ernst gemeint sind. Judith Hopf arbeitet mit Zeichnungen, Videos und Performances, die die ökonomischen Bedingungen der Kunstproduktion ebenso thematisieren wie die Funktion von Kunst überhaupt. Wenn sie dafür nun den Gasag-Kunstpreis 2003 erhält und die Preisverleihung zugleich den offiziellen Auftakt zum "Kunstherbst>3" markiert, dann verdichtet diese Ausstellung auch den Sinn des riesigen Festivals zu einem Satz.
Basisarbeit könnte man nennen, was sich der "Kunstherbst>3" in diesem Jahr auf die Blätter geschrieben hat. Während das "Art Forum" ab morgen erneut mit der Kunst handelt, fokussiert das Festival diesmal direkt auf die Produzenten: Mehr als 150 Künstler werden am 4. Oktober, dem "Tag der Offenen Ateliers", ihre Arbeitsräume öffnen, um zu zeigen, wie und unter welchen Bedingungen Kunst entstehen kann.
Wie wichtig diese Vermittlung ist, sieht man am "Art Forum" selbst, das auch nach sieben Messejahren kein organischer Teil der Stadt ist. Immer noch liegen die Umsätze weit hinter den Erwartungen und kommen deutlich zu wenig Käufer unmittelbar aus Berlin. Jene "private Sammellust", über die der "Art Forum Berlin Talk" gleich am ersten Messetag reden will - in der Hauptstadt muss man sie mühsam suchen.
Vor allem eine jüngere Generation jenseits von Berggruen oder Raue. Wo sind die Sammler, deren finanzieller Spielraum (noch) klein ist und deren Entscheidung für einen Künstler von persönlichen Kriterien geprägt? Die sich für Arbeiten interessieren, die bezahlbar sind, weil sie bislang noch von keinem Museum nobilitiert wurden.
Aus diesem Blickwinkel mutet das "Kunstherbst"-Motto 2003 überaus pragmatisch an. Denn nicht nur die Künstler öffnen ihre Studios. Das Haus Schwarzenberg in Mitte, in dem neben Ateliers und Galerien auch die Blindenwerkstatt Otto Weidt als Gedenkstätte residiert, stellt sich am 5. Oktober gänzlich zur Debatte - das letzte unsanierte Haus am Hackeschen Markt kämpft gegen seine Zwangsversteigerung.
Im "special VII" führen private Sammler wie Claus Bacher (11. 10.) oder Friedrich Weber und Annette Giebel-Weber durch die eigene Sammlung. Aufschlussreich dürfte ein Rundgang durch den Gutshof der Webers vor allem sein, weil das Ehepaar überwiegend Performance-Kunst sammelt - und die ist bekanntlich nur schwer zu konservieren. Aus den Ateliers geht es entweder in Diskussionsrunden - etwa am 22. Oktober im Neuen Berliner Kunstverein zum Thema "Berlin: eine geschlossene Tür zum Osten?" - oder am 4. Oktober in die Galerien von Mitte. Wichtige Protagonisten im hiesigen Kunstbetrieb wie die Galerie Neugerriemschneider oder auch Neu haben sich diesmal zwar gegen einen Stand auf dem "Art Forum" entschieden. Zum Galerienrundgang kann man hier hervorragende Ausstellungen von Isa Genzken oder Cosima von Bonin sehen.
Natürlich ist auch der "Kunstherbst" kein Heilmittel gegen alle Symptome, an denen das "Art Forum" weiterhin krankt - nicht zuletzt übrigens auch am mäßigen Interesse, das der Senat jener Messe als wichtigem Transfer zwischen der Kunst und ihren Käufern entgegenbringt. Als Rahmen hat sich das von Partner für Berlin organisierte Festival allerdings inzwischen bewährt. Und wer weiß: Vielleicht sind die Rundgänger dieser Saison anschließend fit genug für die nächsten Lektion: Der "Kunstherbst>4" wird sich um die Galeristen als Kunstvermittler drehen.
Gasag-Kunstpreis in der Kunstfabrik am Flutgraben, Am Flutgraben 3, Treptow. Bis 26. 10., Do - So 14 - 19 Uhr. Tag der Offenen Ateliers, 4. 10., 10 - 22 Uhr. Offener Galerienrundgang Mitte, 4. 10., 17 - 21 Uhr. Weitere Informationen im Kunstherbst-Heft, das in Museen und Galerien ausliegt, oder unter www.berlin.de .

