Sichtbar wächst Berlins zweitgrößter Bahnhof an der Papestraße in die Höhe und Breite - und mit ihm die Angst vor den Verkehrsströmen, die sich in seinem Gefolge durch die benachbarten Straßen wälzen werden. Vor allem die Bewohner von Neu-Tempelhof und der Schöneberger Insel nutzten am Dienstagabend die Veranstaltung "Straßenverkehr am Bahnhof Südkreuz" im Rathaus Schöneberg, um ihren Sorgen Ausdruck zu verleihen.

Dass die Ängste nicht unbegründet sind, liegt am Konzept der Bahn selbst, das an diesem Standort einen "Autofahrer-Bahnhof für Berlin" vorsieht. Zwei Parkhäuser mit insgesamt 2671 Plätzen sollen den Autofahrern das Umsteigen auf die Bahn schmackhaft machen. Das Problem: "Für keines der Parkhäuser gibt es bisher einen Investor", räumt Michael Baufeld, Sprecher der DB Projektbau, ein. Er sei jedoch zuversichtlich, dass rechtzeitig zur Eröffnung zumindest ein Teil der Parkplätze bereitgestellt werden kann: "Die Gespräche mit Parkhausbetreibern sind weit fortgeschritten." Ende 2005 sei die Bauphase abgeschlossen. Dann beginne der Testbetrieb, damit zur WM 2006 eine reibungslose Nord-Süd-Verbindung garantiert sei.

Die Planungen für den Bahnhof basieren auf Verkehrsprognosen, die Anfang der 90er-Jahre vom Bund erstellt wurden. 27 000 Passagiere im Fernverkehr sollten danach täglich an der Papestraße ein- und aussteigen. Von ihnen sollten 21 280 mit dem Pkw an- und abreisen - das wären 11 000 Pkw-Fahrten pro Tag bei durchschnittlich zwei Fahrgästen pro Pkw. Außerdem wurde mit 5000 Taxis und 550 Bussen gerechnet, die den Bahnhof täglich anfahren. Dass diese Prognosen zu hoch gegriffen waren, zeigt ein neues Verkehrsgutachten der Senatsverwaltung: Jetzt rechnet man mit 14 000 Ein- und Aussteigern im Fernverkehr - eine erhebliche Reduzierung der Pkw-, Taxi- und Busfahrten inbegriffen.

Horst Wohlfahrth von Alm von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass "die Leistungsfähigkeit der übergeordneten Straßen in diesem Bereich ausreichend ist". Nach Berechnungen der Senatsverwaltung würden 80 Prozent der Autofahrer über Autobahn und Sachsendamm anreisen. "3,4 Millionen potenzielle Nutzer des neuen Bahnhofs werden aus dem Südwesten kommen", so der Verkehrsexperte. Die restlichen 20 Prozent würden demnach von Norden, also aus Richtung Kreuzberg kommen.

Und die werden, so der Tiefbauamtsleiter von Tempelhof-Schöneberg, Rainer Lembcke, "durch ein Verkehrsleitsystem in die General-Pape-Straße gelenkt". Damit würden Naumannstraße und Werner-Voss-Damm vom An- und Abreise-Verkehr verschont bleiben. Die Naumannstraße solle zudem ab Höhe Torgauer Straße durch das Gewerbegebiet geführt werden. "Dabei befinden wir uns aber erst im Planungsstadium", schränkte der Amtsleiter vorsichtig ein. Fest steht bereits, dass die Durchfahrt vom Werner-Voss-Damm in die General-Pape-Straße nur noch Bussen und Fahrrädern erlaubt wird. Überzeugen konnten diese Maßnahmen die meisten Anwohner dennoch nicht: Sie befürchten Parkplatz-Suchverkehr in ihren Wohnstraßen. Und insbesondere mit der neuen Unterführung, die die General-Pape-Straße mit dem Sachsendamm verbinden wird, auch noch Durchgangsverkehr für Neu-Tempelhof.