"Das Berlin von heute ist für die meisten Russen eine zukunftsweisende Stadt." Auch das sagte er zum Start einer neuen Vortragsreihe der Stiftung "Zukunft Berlin". Nach den Hauptstadt-Reden der Ministerpräsidenten der Länder hat die Stiftung mit ihrem Vorsitzenden Volker Hassemer nun die wichtigsten Botschafter gebeten, über ihre Erwartungen gegenüber Berlin zu sprechen.
Bei der Premiere im Festsaal der russischen Botschaft folgte der Lobeshymne die Hoffnung auf eine noch engere Zusammenarbeit zwischen den Partnerstädten Moskau und Berlin. Nicht die Rituale dürften im Mittelpunkt stehen, sondern praktische Kooperation. Als Beispiele nannte er den Wohnungsbau, die Verbesserung der Umwelt, Probleme des Stadtverkehrs oder auch wirtschaftliche Investitionen. Dabei wies der gebürtige Moskowiter aber auch gleich auf ein Problem hin: Anders als die deutsch-russische Handelskammer in Moskau mit ihrem großen Engagement insbesondere für die Interessen deutscher mittelständischer Unternehmen, seien die noch weitgehend unter staatlichem Einfluss stehenden russischen Betriebe in Berlin kaum vertreten.
Auf die Frage nach einer Stärkung der Zivilgesellschaft, also der Einmischung der Bürger in gesellschaftliche Entwicklungen, in der die Stiftung ihre zentrale Aufgabe sieht, antwortete Grinin überraschend freimütig. So viel Zivilgesellschaft wie in Berlin habe er noch nirgends erlebt. "Die brauchen wir dringend auch in Moskau." Dafür bot Volker Hassemer die Hilfe auch seiner Stiftung an. Und bat den Botschafter sogleich, ihn bei der Herstellung von Kontakten mit interessierten Einzelpersonen oder Gruppen in Moskau zu unterstützen.
Nicht minder freimütig erzählte der Botschafter in bestem Deutsch von seinen Besuchen als junger Sowjet-Diplomat in West-Berlin. Dieser Teil der Stadt mit seinen wunderschönen Villen und Einkaufsstraßen sei ihm vorgekommen wie ein Kurort. "Selbst das Klima dort kam mir anders vor..." Sätze, die seinem Vorgänger, dem Putin-Intimus, Gesellschaftslöwen, politisch aber eher in überholtem Denken verhafteten Vladimir Kotenev schwerlich über die Lippen gekommen wären.
In und um Berlin leben rund 200 000 Russen. Etwa 54 000 von ihnen seien in der Botschaft angemeldet. Über die berufliche und altersmäßige Zusammensetzung der russischen Community könne er allerdings wenig sagen. Er erinnerte aber an die dreißiger Jahre, als Charlottenburg wegen der vielen aus politischen Gründen in diesen Bezirk emigrierten Russen Charlottengrad genannt wurde.

