Das Hochhaus, in dem die Heizung seit einigen Tagen nicht funktioniert, ist ein grauer Plattenbau. Zehn Stockwerke. Löwenberger Straße 2-4, Lichtenberg. Nur wenige Balkone sind mit Blumen dekoriert. In dem Haus gibt es 380 Wohnungen, doch nur noch 151 sind belegt. Viele Ältere leben schon seit DDR-Zeiten hier. Die Behörden haben dazu seit Beginn der 90er-Jahre sozial Schwache in den unsanierten Blocks einquartiert.
In einer Wohnung lebt Bärbel Kostmann. Sie ist hier erst seit 2007 mit ihrem Partner. Sie hatten keine andere Wahl. Beide sind 51 Jahre, arbeitslos, bekommen Hartz IV. Die Wohnung ist 50 Quadratmeter groß, kostet 250 Euro kalt und 393 Euro warm, sagt Bärbel Kostmann. Schön findet sie hier nur die Aussicht aus dem neunten Stock. Von hier aus schaut sie sich mit ihrem Mann die zahlreichen Feuerwerke über der Stadt an.
Ihre Wohnung ist ordentlich. Und warm. Im Wohnzimmer steht eine Elektroheizung. Doch die braucht reichlich Strom. 1000 Watt die Stunde. "Das kostet nicht zu knapp", sagt sie. Anfang des Jahres hat die Heizung schon mal nicht funktioniert. Dadurch habe sie schon 560 Euro mehr Stromkosten gehabt. Die seien ihr nicht erstattet worden, sagt sie.
Bärbel Kostmann will sich das nicht mehr gefallen lassen. Sie hat viele Papiere auf dem Tisch liegen. Zahlreiche Briefköpfe von Hausverwaltungen sind zu sehen. Klar ist nur, dass viele Firmen mit diesem Haus zu tun haben.
Bärbel Kostmann kümmert sich ein bisschen um ihre Nachbarn. Sie sagt: "Mir tun die Mieter leid." Sie schreibt Mitteilungen, klebt diese mit Tesafilm an die Wände. Auf dem aktuellen Zettel steht, dass die Ersatzteile für die Heizung bestellt sind, es aber noch 14 Tage dauert. Der neue Hausverwalter, die Firma Gratus Immobilien, mache gute Arbeit. "Die reparieren die Heizung, die sind regelrecht bemüht."
Neben Bärbel Kostmann wohnt Sieglinde Maroske, auch sie 51 Jahre alt. Sie sagt: "Das ist traurig, was die mit uns machen." Sie vermutet, dass der Eigentümer sie aus dem Haus vertreiben wolle. Auch ihre Heizung funktioniert nicht. Ihren Elektroheizkörper möchte sie nicht anstellen. "Nee, ich kann doch die Stromrechnung gar nicht bezahlen", sagt sie. Im Moment sei das nicht so schlimm. Es sei ja warm. Aber was sei, wenn es draußen minus fünf Grad sind?
Auch der Aufzug funktioniert nicht
Bärbel Kostmann erzählt, im Haus seien so viele Dinge kaputt. Die Klingeln. Die Aufzüge. Das sei schwierig, vor allem für die alten Leute "mit Rentner-Porsche", also dem Gehhilfe-Wägelchen. Es werde auch nicht mehr geputzt. "Es ist eine Katastrophe hier im Haus."
Nicht nur für die Mieter, auch für Andreas Geisel (SPD), seit 14 Jahren Baustadtrat in Lichtenberg, ist das kein Zustand. Er kritisiert vor allem das Geschäftsgebaren der D.&M. Bächtold GbR. "Das ist der einzige Vermieter, mit dem wir solche massiven Probleme haben", sagt er. Zwar sei es nicht unüblich, dass Hauseigentümer dazu gezwungen werden müssten, absturzgefährdete Balkone oder ungesicherte Baugruben zu sichern - "da mussten wir schon öfters eingreifen". Dass aber ein Unternehmen die von den Mietern gezahlten Betriebskosten nicht entsprechend verwende, sei ein höchst ungewöhnlicher Vorgang.
Auch in der Lichtenberger Ruschestraße 2, so Geisel, hätten Mieter auf warmes Wasser verzichten müssen, weil in diesem Falle die Palu Suisse, als deren Geschäftsführer Michele Bächtold fungiert, Rechnungen bei den Wasserbetrieben und Vattenfall nicht bezahlt habe.
Erst auf Druck des Bezirksamtes, das dem Unternehmen die Ersatzvornahme androhten, seien die offenen Beträge beglichen worden. "Hätte Palu Suisse nicht eingelenkt, hätten wir die laufenden Kosten erst einmal selbst übernommen, um sie später per Zwangsvollstreckung zurückzuholen", sagt Geisel. Probleme habe es auch beim Mutter-Kind-Projekt an der Anna-Ebermann-Straße gegeben, wo der Bezirk eingreifen musste, damit die Frauen und ihre Babys wieder warmes Wasser bekamen. Auch hier habe Palu Suisse die Betriebskosten nicht ordnungsgemäß abgeführt, sagt Geisel.
Mieterklagen gegen die Palu Suisse liegen indes nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Brandenburg vor: Dort war Mietern der Plattenbauten in der Fürstenwalder Straße in Storkow (Oder-Spree) Mitte August die Heizung sowie Warmwasserzubereitung abgedreht worden, weil der Vermieter dem Wärmeversorger die Kosten nicht erstattet hatte.
Die Verantwortung für die Plattenbauten an der Löwenberger Straße weist man in der Berliner Niederlassung der Palu Suisse am Potsdamer Platz 5 indes weit von sich. "Wir sind nicht Eigentümer der Häuser an der Löwenberger Straße ", heißt es auf Nachfrage. Und auch der Geschäftsführer Michele Bächtold sei nicht zu sprechen. Im Übrigen stehe das M. in der D.&M. Bächtold GbR nicht für Michele Bächtold, sagt die Anwältin der Firma, Marion Töpfer.
Bis zum Sommer dieses Jahres fungierte die Palu Suisse zudem als Hausverwaltung für das Doppelhochhaus - und bereits im vergangenen Winter hatte das Bezirksamt mit der Androhung von Zwangsgeldern dafür sorgen müssen, dass den Mietern wenigstens Elektroöfen in die Wohnungen gestellt wurden. "Für uns sind die Herren Bächtold deshalb nach wie vor Ansprechpartner", betont Geisel. Heute um 13 Uhr will sich das zuständige Wohnungsaufsichtsamt bei einem Vor-Ort-Termin von der Lage in den Hochhäusern überzeugen. "Für den Fall, dass nicht jede bewohnte Wohnung innerhalb der gesetzten Frist einer Woche ausreichend beheizt ist, werden wir ein Zwangsgeld in Höhe von 10 000 Euro einsetzen", so der Baustadtrat. In Vorleistung gehen und die Schulden bei den Versorgern begleichen wolle man vorerst jedoch nicht: "Das kann nur das letzte Mittel sein", so Geisel. Schließlich beinhalte die Übernahme der Betriebskosten das Risiko, dass der Bezirk auf den Forderungen sitzen bleibe, wenn das Unternehmen zahlungsunfähig werden sollte.
"Menschenverachtung gratis"
Zurück im Lichtenberger Hochhaus: Im Treppenhaus riecht es muffig. Obwohl es zieht. Viele Fenster sind kaputt. Nur mit Plastikplanen geflickt. Die Aufzüge funktionieren nicht. Ein Mann trägt ein Mountainbike nach unten. An der Wand steht: "Menschenverachtung gratis". Der Boden klebt.
Das Haus wurde in den 60er-Jahren gebaut. Geplant war es für Armee-Angehörige und Funktionäre. Geht man das Treppenhaus nach oben, stößt man auf Müll in Plastiktüten. Auf Sperrmüll. Auf ein altes Waschbecken.
Im Gang des zweiten Stockwerks. Der Linoleumboden glänzt speckig. An einigen Türen fehlt der Knauf. Eine steht offen. Die Wohnung ist leer. Holzsplitter liegen herum, wahrscheinlich ist die Tür aufgetreten worden. Es riecht nach Urin. Klingelt man an der nächsten Tür, ertönt ein Quaken. Niemand macht auf. Auch nicht an der nächsten. Am Ende des Ganges öffnet dann eine alte Frau. In ihrer Wohnung ist es warm. Auf dem Teppich steht eine Elektroheizung. Die Heizung unterm Fenster, die eigentlich die Wärme bringen soll, ist kalt.


