Auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg liegt inmitten prächtiger Ruhestätten die Grabstelle von Ralph Ehrlich. Auch der Stein ist schon entworfen. "Viel lieber wäre ich in Paris", lautet die Botschaft an Freunde und Verwandte, die ihn überleben werden.
Noch aber ist der 47-Jährige selbst höchst agil. Der Gedanke an das Lebensende und daran, wann und wie es wohl kommen mag, beschäftigt ihn aber öfter als die meisten seiner Altersgenossen. Denn Ralph Ehrlich ist HIV-positiv. Mindestens seit 15 Jahren.
Unter den vom Virus Betroffenen in der Berliner Aids-Hilfe gehört er damit zu denjenigen, die am längsten in der Organisation mittun. Obwohl der Verein bereits vor 25 Jahren gegründet wurde. Heute Abend feiern die 20 Haupt- und 240 ehrenamtlichen Mitarbeiter mit vielen der 300 Vereinsmitglieder, mit Politikern, Förderern und Mitstreitern bei einem offiziellen Festakt im Roten Rathaus das Jubiläum.
Es wird viele freundliche Worte geben und das Bekenntnis, dass die Beratungs- und Hilfsangebote sich längst nicht überholt haben. Denn jeden Tag wird in der Hauptstadt mindestens eine HIV-Infektion übertragen. Und wöchentlich sterben in Berliner Betten zwei Menschen an den Folgen von Aids.
Vorsorge für die Zeit danach
Ralph Ehrlich fühlt sich gut. Meistens jedenfalls. Seine Vorsorge für die Zeit, die er selbst nicht mehr erleben wird, ist ihm trotzdem wichtig. Mit religiöser Inbrunst hat das wenig zu tun. "Es gibt mir einfach Sicherheit zu wissen, dass alles geregelt ist", sagt der schlanke Mann, der jünger aussieht, als er ist.
Vielleicht liegt es an der Schirmmütze, ohne die man ihn selten sieht. Oder an der ganz leicht hochgezogenen Augenbraue, die einen Anflug von Spott auf sein Gesicht zaubert. Obwohl Ehrlich alles andere als spöttisch ist. Lebensfroh ist ein Attribut, das besser zu ihm passt. Energiegeladen. Und, ja, auch abgeklärt wirkt er, wie er da in seiner winzigen Einzimmerwohnung in Westend auf dem Sofa sitzt und über ein Leben mit dem Virus spricht. Wer seine Lebensplanung schon einmal in 36 Monate pressen sollte und 15 Jahre später längst aufgehört hat zu rechnen, für den sind Gegensätze Teil des Alltags geworden.
Zu Ehrlichs besonders guten Freunden zählt die gebürtige Österreicherin Renate Ullmann. Er ist homosexuell, sie heterosexuell. Er freundlich und immer optimistisch, sie sichtlich gezeichnet von ihrer Krankheit und manchmal fast brüsk, wenn auch mit offenem Wiener Charme. Was sie verbindet, ist auch ihr gemeinsames Schicksal. 62 Jahre ist Ullmann alt.
Seit 2000 positiv
Dass sie "positiv" ist, weiß sie seit 2000. Angesteckt hat sie sich wohl noch mehr als zwei Jahrzehnte früher. Renate Ullmann ist sich deshalb so sicher, weil sie als langjährige treue Ehefrau ("Ich habe meine erste große Liebe geheiratet"), Hausfrau und Mutter alles andere als einen losen Lebenswandel führte. Auch nach ihrer Scheidung nicht. Bei wem sie sich infizierte, kann sie deshalb zurückverfolgen.
Im Jahr 2000, als Renate Ullmann ihre Diagnose bekam, sollte für sie gerade ein neuer Lebensabschnitt anfangen. In Buxtehude übernahm die Managerin aus dem Hotelfach, die zuvor zwölf Jahre lang ein Haus in Tirol geführt hatte, ein Kongresshotel bei Hamburg. 14 Tage machte sie den Job, dann brach sie plötzlich zusammen. Zuerst wurde nur Krebs festgestellt. Allerdings eine HIV-typische Art. Als Ullmann getestet wurde, hatte sie bereits das Vollbild Aids in einem sehr fortgeschrittenen Stadium.
Wer die gebrechliche Frau mit dem strohblonden Haar fragt, wie es weiterging, erntet Augenrollen. "Soll ich damit wirklich anfangen?" Meningitis, Hepatitis, Leberzirrhose - Ullmann lag schon in vielen Krankenbetten. Nach Berlin wurde sie bereits ganz früh verlegt. Die deutsche Hauptstadt, in der jährlich kaum weniger und 2009 sogar mehr Aidsfälle diagnostiziert wurden als im fast fünfmal so stark bevölkerten Nordrhein-Westfalen, hat sich in der Versorgung der Patienten einen Ruf erworben.
acht cheimotherapien
Nach acht Chemotherapien und zwei Jahren, als sie ihre blaue Mütze nur zum Waschen abnahm, lebt Renate Ullmann wieder die meiste Zeit des Jahres allein in einer Wohnung in Steglitz. 22 Tabletten am Tag halten ihren Zustand einigermaßen stabil. Nur drei davon bekämpfen den HIV-Erreger. Der Rest dient der Unterdrückung oder Behandlung der zahlreichen Nebenwirkungen und Folgeerkrankungen.
Auch Ralph Ehrlichs Tagesrhythmus orientiert sich daran, wann er die Medikamente nehmen muss. Manche vor dem Essen, andere danach. Und immer exakt im Zeitplan. "Wie oft ist es mir schon passiert, dass ich spontan ins Kino gehen wollte, aber meine Tabletten nicht dabei hatte."
Was sie dem medizinischen Fortschritt verdanken, wissen die beiden natürlich. "Als ich 1995 erfuhr, dass ich positiv bin, lag die Lebenserwartung nach der Infektion bei dreizehneinhalb Jahren", sagt Ehrlich. Heute dagegen könne man auch mit dem Virus fast so alt werden wie ohne.
Welche Tücken das allerdings mit sich bringt, erfahren Ehrlich und Ullmann immer wieder bei ihren zahlreichen Besuchen in Berliner Schulen, wo sie Jugendliche über die Gefahren von Aids aufklären. "Viele gerade junge Leute glauben inzwischen, an HIV sterbe man nicht mehr", sagt Ehrlich. Dabei sei man noch immer weit davon entfernt, die Krankheit heilen zu können. Auch wenn alle Medien Anfang 2009 dem ehemals infizierten Amerikaner in Berlin hinterjagten, dessen Ärzte am Charité-Campus Benjamin Franklin in Steglitz nach drei Jahren ohne Medizin keinen Erreger im Körper mehr feststellten. Es blieb ein spektakulärer Einzelfall.
Umso wichtiger ist politisch aktiven Betroffenen die Aufklärung. Denn selbst Ralph Ehrlich, der Marathonläufer, der Ehrenamtliche, der unermüdlich zwischen Laufgruppe, politischer Arbeit und Besuchen bei Patienten zu Hause oder im Krankenhaus hin- und herpendelt, muss sich jeden Tag aufs Neue eingestehen: "Es geht um eine chronische Erkrankung, die dein ganzes Leben verändert."
Medikamente diktieren den Tag
Jahrelang hat er beim Arbeitsamt die Türen eingerannt, um einen Job zu bekommen. Als die Rentenversicherung ihm verminderte Erwerbsfähigkeit bescheinigte, war er aufgebracht und wollte zuerst Widerspruch einlegen. "Das hat für mich auch etwas mit Lebensabschnitten zu tun", sagt Ehrlich. "Rente bezieht man, wenn man alt ist. Ich dagegen könnte und will arbeiten." Die kleine Rente, die er erhält, reicht zum Leben nicht aus. Auch aufgestockt um eine Grundsicherung muss er jeden Cent umdrehen. Reisen, früher eine Passion von ihm ebenso wie von Renate Ullmann, kann sich keiner der beiden mehr leisten.
Die hagere 62-Jährige zeigt auf ihren Bauch: "Gerade habe ich drei Kilo zugenommen. Das müsste mich freuen. Stattdessen mache ich mir Sorgen, weil meine Jeans zu eng wird. Und für eine neue reicht das Geld nicht." Viermal stand Ullmann kurz vor dem Tod - und hat überlebt. Jetzt, sagt sie, habe sie vor dem Ende weniger Angst als vor einem weiteren Verlust an auch materieller Lebensqualität.
Ralph Ehrlich lässt sich davon nicht unterkriegen. Jetzt schon gar nicht, wo er nach langer Einsamkeit endlich wieder einen Partner hat. Einen, der sich vom Virus nicht abschrecken ließ. Und es gibt noch so viel zu tun. Er wolle, sagt Ehrlich, Spuren hinterlassen. Etwas Bleibendes. "Natürlich habe ich Angst vor dem Tod. Aber ich erlebe so vieles, das Lust macht auf mehr. Es wäre einfach zu schade, wenn es jetzt schon zu Ende ginge."



