"Blau ist die Lieblingsfarbe von Robbie Williams, habe ich gerade gelesen. In dieser Farbe präsentiert sich heute auch das Wetter. Jetzt der Verkehr und die Flitzer-Blitzer." Gestern, 14.05 Uhr. Aus dem Radio der Kervan-Taxi-Limousine säuselt RS2-Moderatorin Simone Panteleit. Im Rückspiegel verschwindet gerade der Hangar 2, das Eventcenter am Flughafen Tempelhof. Kaum hat Robbie Williams hier seine Pressekonferenz zum neuen Album "Intensive Care" (ab 24. Oktober im Handel) gegeben, da wird er auch schon für das Wetter verantwortlich gemacht. Regel Nummer eins in diesen Tagen: Es gibt Nichts, das nichts mit Robbie Williams zu tun hat.

Seitdem der Entertainer Donnerstag früh um ein Uhr in Schönefeld gelandet ist, läuft seine Maschinerie auf Hochtouren. Hotelangestellte, Caterer, Sponsoren, Fans, Groupies, Journalisten: Alle werden mitgerissen. Vergessen der Werbeslogan einer Orangenlimonade. Die neue Devise lautet: Sind wir nicht alle ein bißchen Robbie? Sollen die Politiker doch in Koalitionsverhandlungen ersticken. So eine Robbie-Mania ist wenigstens etwas Handfestes. Robbie kickt in Lankwitz, Robbie tanzt im Nachtclub Felix, Robbie hat sich auf einem Golfplatz angekündigt. Jeder seiner Schritte wird verfolgt. Die Williams-Maschinerie braucht die Öffentlichkeit, obwohl sie sie haßt. Ohne Öffentlichkeit fängt das Gewinde zu quietschen an.

Berliner Fakten: Williams wohnt im Ritz Carlton Hotel in der Präsidentensuite - 204 Quadratmeter, 11. Etage, zwei Schlafzimmer, eigene Küche und Sauna. An der Robbie-Mania teilzuhaben hat seinen Preis, den nicht jeder bezahlen kann. Auf dem Schwarzmarkt werden die Karten für sein Konzert am Sonntag im Velodrom für 500 Euro das Stück gehandelt. Miriam Gartzke (24), gelernte Versicherungskauffrau, ist Freitag vormittag mit Freundin Sandra Baumann (22), Jura-Studentin, zum Hangar 2 gekommen. Konzertkarten haben sie keine. "Er ist schon sehr schnuckelig", sagt Sandra Baumann über Robbie Williams. Was sie tun würde, wenn er ihr gegenüberstünde? "Ich würde ihn knutschen." Miriam Gartzke ist bescheidener: "Ich hätte mir gewünscht, daß er uns wenigstens aus seinem Van zugewinkt hätte."

Während seine mit Fotoapparaten und Kuß-Fantasien bewaffneten Fans an der Zufahrt zum Hangar hinter Absperrgittern ausharren, gibt Williams wenige Meter entfernt seine Pressekonferenz. Polizisten haben das Gelände zuvor mit Spürhunden gecheckt, Autos mußten umgeparkt werden. Drinnen Schummerlicht. An zwei runden Bars gibt es Kaffee, frischgepreßte Säfte und Frühstück (die Garderobiere sagt, daß das, was da so riecht, Speck ist). Englische, französische und spanische Wortfetzen, Jeans,

Turnschuhe, Highheels, die Outfits ebenso "stylish" wie die Innenarchitektur. Auf Flachbildschirmen leuchten Konzert-Mitschnitte, die Hostessen tragen Kleider und Frisuren, die an 50er-Jahre-Stewardessen erinnern. Die Maschinerie läßt schön grüßen: Die Satin-Handschuhe, die die Hostessen übergestreift haben, reichen nicht nur bis zu ihren Oberarmen. Sie sind auch magentarot: T-Mobile ist nicht umsonst Werbepartner von Williams (oder umgekehrt). Die neue CD hört man im ersten Stock in einer Lounge, und zwar vom Walkman-Handy. Sehr "stylish" auch das Ambiente für die Pressekonferenz nebenan: weiße, von roten Teppichen umrahmte Sitzreihen, an die Steinmauer hat man per Projektion in verschiedenen Farben das neue Robbie-Williams Logo (der mit einem Fragezeichen und einem Horus-Auge verschlungene Buchstabe "R") gezeichnet.

In den Sitzreihen Journalisten aus Mexiko, Taiwan, Island, Australien, England. Aus den Lautsprechern klingt Robbie-Musik. "Angles". "I know that life won't brake me." Weder die Maschinerie noch das Leben scheinen Robbie Williams zerbrochen zu haben. Locker schlendert er in Jeans, Streifenhemd und grauer Weste auf die Bühne, nimmt auf einer Art Barhocker Platz, zieht eine Grimasse und sagt: "Ich bin berühmt. So viele Menschen hier. Ich muß sehr berühmt sein. Fragt jetzt jemand etwas, oder starren wir uns nur an?" Eine Journalistin aus Kopenhagen möchte wissen, was Williams über die Zukunft denkt. "Nun, es wird fliegende Autos geben und wir werden Dinge allein durch geistige Anstrengung bewegen können". Williams ist spontan, witzig, manchmal überraschend bissig. Gekonnt imitiert er die Bewegungen von Freddy Mercury, Tina Turner und Mick Jagger und sagt: "Meine ganze Karriere basiert auf diesen drei Bewegungsformen". Jemand möchte wissen, warum er seine Werke immer wieder in Berlin vorstellt. "Keine Ahnung. Warum eigentlich nicht. Frag' mein Management. Ich mag Berlin. So einfach ist das." Über Kate Moss sagt er: "Mit den Leuten, die jetzt Geschichten über sie schreiben, habe ich Kokain genommen. Die Medien sollen sie in Ruhe lassen." Eine englische Boulevard-Kollegin möchte wissen, wer die Besten im Bett sind: Die Amerikanerinnen, die Deutschen oder die Engländerinnen? Antwort: "Die Engländer konstruieren die stabilsten Betten." Es gefalle ihm mittlerweile, ein Popstar zu sein, sagt Williams. Noch zwei Fragen, interveniert ein Mitarbeiter seines Managements. "Nein, ich mache weiter. Ich habe heute nachmittag sowieso nichts vor", antwortet Williams. Im nächsten Jahr, sagt er, wird er fünf Monate auf Tour gehen. Obwohl er das natürlich eigentlich noch nicht verraten dürfte. Wie er sich sein Leben in 20 Jahren vorstellt? "Keine Ahnung. Ich weiß noch nicht einmal, was ich heute Abend mache." Williams raucht auf der Bühne eine Zigarette. Nach einer dreiviertel Stunde hat er dann keine Lust mehr auf Fragen. Ob es sich lohnt, später noch einmal zum Hangar 2 zurückzufahren, möchte der Fahrer des Kervan-Taxi-Betriebes gestern mittag wissen. Es lohnt sich in diesen Tagen, in denen die Maschinerie sich immer weiterdreht und alles mit Robbie Williams zu tun hat.