Schicksale und Gefühle der Holocaust-Opfer

Mit dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas in der Mitte Berlins wird am Dienstag auch der unterirdische Ort der Information eröffnet. Ein Ort, der nicht bevormunden, sondern die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden durch den deutschen NS-Staat dokumentieren will.

Ein Ort, der der abstrakten Auseinandersetzung mit dem Holocaust, der Shoah, durch das 2711 Stelen zählende Mahnmal des New Yorker Architekten Peter Eisenman die inhaltliche, sorgfältig recherchierte Information hinzufügt. Keine Fakten und Zahlen, hinter denen das einzelne Opfer gesichtslos untergeht, werden präsentiert, sondern Einzelschicksale, Erfahrungen und Gefühle einzelner Opfer, die das unvorstellbare Ausmaß des Leids der sechs Millionen Juden repräsentieren und personalisieren.

In vier gleichgroßen quadratischen Räumen werden die Dimension des Holocausts, 15 Familienschicksale, 800 Namen der Opfer und 200 Vernichtungsorte eindrucksvoll und exemplarisch dokumentiert. Grundinformationen zum historischen Kontext erhalten die Besucher in den vorgelagerten Foyers. Der Ort der Information, für dessen Gestaltung die Berliner Designerin und Mitarbeiterin der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Dagmar von Wilcken, verantwortlich zeichnet, ist für 250 Besucher angelegt. Während nach der Mahnmal-Eröffnung Führungen am Rande des Stelenfeldes geplant sind, wird im Ort der Information darauf verzichtet. Stiftungsgeschäftsführer Hans Erhard Haverkampf, der den Mahnmal-Bau seit März 2004 zu Ende geführt hat, nannte das Vorhaben das anstrengendste, aufregendste und glücklichste in seiner 30jährigen Tätigkeit im Projektmanagement. Haverkampfs Vertrag läuft im August aus. Nachfolger wird der derzeitige Stiftungssprecher und Historiker Uwe Neumärker.

Während die Eröffnungs-Vorbereitungen für das Mahnmal planmäßig laufen, reagierte gestern die Polizei auf die zahlreichen Proteste der Mieter im Bereich Wilhelm-/Behrenstraße gegen Sicherheitsanweisungen der Polizei. Der Berliner Polizeipräsident hatte, wie diese Zeitung berichtete, per Klebezetteln an den Haustüren die Anwohner aufgefordert, während der Mahnmal-Eröffnung fünf Stunden lang Balkone nicht zu betreten und die Fenster geschlossen zu halten. Der Einsatz von "Präzisionsschützen" wurde nicht ausgeschlossen.

Nach Auskunft der zuständigen Kontaktstelle des Polizeiabschnitts 31 hieß es gestern, der Text auf den Aushängen sei auch in der eigenen Behörde "kritisiert" worden.

Das Sicherheitskonzept habe man jetzt überarbeitet. Demnach wird es nun kein generelles Balkonverbot geben, auch dürfen die Anwohner vom Fenster aus die Feierlichkeiten verfolgen. Allerdings müsse jeder Wohnungsmieter wissen, daß er beobachtet werde, so Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. Im Zweifelsfall müsse den Beamten Zutritt zur Wohnung gewährt werden.

schoe/rh/plet