"Der Trinker", eine sehr freie Fallada-Adaption von 1995, war der wichtigste Film von und für Harald Juhnke. Natürlich auch deshalb, weil er schonungslos seine eigene Sucht nicht nur dar-, sondern ausstellte. Aber vor allem, weil das ja wirklich ein Befreiungsschlag war: weg vom sicher ehrenvollen, aber immer auch eingrenzenden Etikett des Volksschauspielers. Juhnke wollte zeigen, daß er mehr drauf hatte, daß er auch vielschichtigere Charaktere verkörpern konnte. Und ganz spät durfte er das noch unter Beweis stellen.

Juhnke verschwendete sich, wie alle in jenen Jahren, in unterdurchschnittlichen Filmen: Lustspielplotten, Militärklamotten, Heimatschmonzetten, Schlagerfilmen.

Schon bei seinem ersten Theaterengagement 1950 in Neustrelitz wurde er für die Leinwand entdeckt und debütierte noch im selben Jahr in "Drei Mädchen spinnen". Dem folgten in den nächsten 20 Jahren rund 50 Filme mit Titeln wie "Der Frontgockel", "Wenn die Alpenrosen blühn", "Piefke, der Schrecken der Kompanie", "Lausbubengeschichten" oder "Hurra, die Schule brennt".

Dann war erst mal Schluß. Der Neue Deutsche Film interessierte sich nicht mehr für die alten Gesichter, wollte ja Schluß machen mit Opas Kino, für das auch Juhnke stand. Und der ging, wie so viele seiner Zunft, zum Fernsehen, wo er zum Serienhelden aufstieg, mit "Preußenkorso Nr. 17", "Sergeant Berry", "Drei Damen vom Grill". Und zum Pointen-Partner: mit Grit Böttcher als "Verrücktes Paar", mit Eddi Arent in "Harald & Eddi".

Die Wende, sie gelang ihm Anfang der neunziger Jahre. Zuerst an der Bühne, mit Molières "Tartüff" und "Geizigem" im Berliner Renaissance-Theater und Turrinis "Alpenglühen" am Schloßpark-Theater. Und fast zeitgleich im Kino. 1992 mit der kleinen, aber präsenten Nebenrolle als schmieriger Redakteur Kummer, der die Vermarktung der gefälschten Hitler-Tagebücher in Dietls brillanter Gesellschaftssatire "Schtonk!" mit vorantrieb. Dann aber, im selben Jahr, mit "Der Papagei": noch so ein Part, der Parallelen zur eigenen Vita geradezu herausschrie. Als verkrachter Schauspieler und Synchronsprecher Didi Stricker, der sich als Verkäufer über Wasser hält, bis ihm eine neue Rolle angetragen wird - als Spitzenkandidat einer rechtsextremistischen Partei.

Gebrochene Figuren, gefährdete Menschen: Das war die Kehrseite, das Korrektiv zu den Krachhumor-Typen des Boulevards, zu denen er gleichwohl immer wieder zurückkehrte, wie um sich zu erholen. Freilich riß er auch da das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin, weil er, wie keiner sonst, in der Lage war, seine eigene Person der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Rolle seines Lebens aber war eben nicht (erst im Berliner Maxim Gorki-Theater, dann im TV-Film) "Der Hauptmann von Köpenick", von jeher die Paraderolle eines jeden Berliner Volksschauspielers. Sondern jener Erwin Sommer in "Der Trinker". Ein Part, für den er lange gekämpft hat. Eine beängstigende, mitreißende Verkörperung, die ihn endgültig etablieren sollte.

Mit drei, vier Bühnen- und ebenso wenigen Filmrollen hatte Juhnke bewiesen, daß er mehr war als ein Volksschauspieler: ein Charaktermime, der zu spät entdeckt wurde. Die eigentliche Tragödie seines Lebens.