Vorpremiere

Das 21. Jahrhundert war gestern - heute ist "Star Trek"

Die Sicherheitsvorkehrungen waren so streng, als besteige man ein Raumschiff. Handys und Taschen waren abzugeben, und bevor der Saal betreten werden konnte, tastete der Metalldetektor in den Händen des Sicherheitsmanns die Körper der Gäste ab. Selbst die Schuhe wurden bei der Suche nach Aufnahmegeräten jeglicher Art nicht ausgespart.

Während man ein solches Prozedere als Flugreisender durchaus gewohnt ist, war es als Kinogast eher gewöhnungsbedürftig. Verständlich war es dennoch, schließlich wurde ein Film gezeigt, der noch nicht einmal seine Premiere feiern durfte - der, mit anderen Worten, noch gar nicht existierte: "Star Trek".

Die Pressevorführung des neuen "Star Trek" war also in zweifacher Hinsicht eine Reise in die Zukunft. Zum einen in die nahe Zukunft, die erst heute, mit der offiziellen Deutschland-Premiere des elften "Star Trek"-Streifens, beginnt. Zum anderen natürlich in eine ferne Zukunft, in der die Erde geeint und befriedet ist und die Bewohner gemeinsam mit extraterrestrischen Wesen fremde Galaxien erforschen. Für drei Berliner "Star Trek"-Fans, liebevoll auch "Trekkies" genannt, war diese vorgezogene Vorführung im Sony Center aber vor allem ein Zeitsprung in die Vergangenheit.

Mit "Star Trek" zurück in die Zukunft

Mike Franke gehört schon seit gut einem Viertel Jahrhundert zur Crew der "Enterprise". Seit er zwölf Jahre alt war, hat er Hunderte Missionen zusammen mit Captain Kirk, dem Vulkanier Spock und dem Bordarzt McCoy durchgestanden. Hat mit ihnen gegen feindliche Schiffe gekämpft, technische Probleme beim Beamen gelöst und unwirtliche Planeten erkundet.

"Die Original ,Star Trek'-Serie kam immer am Samstagabend", sagt der 39-Jährige, "gleich nach der Predigt des Fernsehpfarrers." Da die Serie im ZDF lief, konnte Franke sie auch hinter dem Eisernen Vorhang im Brandenburgischen empfangen. Dazwischen funkte allenfalls sein Vater: "Ich habe immer gehofft, dass der nicht die ,Sportschau' sehen will."

Beate Thiemann ist ebenfalls schon seit mehr als zwei Jahrzehnten Trekkie. Deshalb hatte sie große Bedenken, bevor sie den neuesten Teil der Filmreihe zu Gesicht bekam. "Ich habe Angst, dass das, was in der Serie über so lange Zeit aufgebaut wurde, mit diesem Film kaputt gemacht wird." Die Anspannung der 40-jährigen Programmiererin wird jeder "Star Trek"-Liebhaber nachvollziehen können, zumal der aktuelle elfte Teil die heikle Mission unternimmt, die Vorgeschichte der original TV-Serie aus den 1960ern zu erzählen - auf der Großleinwand und mit der neuesten Computertechnik.

Kurz bevor es dunkel wird, steigt die Aufregung: Ein wenig nervös sitzen die Trekkis in den Kinosesseln, in den Händen halten sie Flaschen mit brauner Light-Brause. Die bekommt man wie sowieso alle Getränke auf einer Pressevorführung kostenlos, lässt sich ein weiterer Gast von den erfahrenen Fans belehren. Für ein Freigetränk erhebt er sich also noch einmal, dankt für den Tipp und überhört den Kommentar "Anfänger". Dann ist auch Kirstin Tanger, der Dritten im Bunde, nicht mehr zum Scherzen zumute. "Hauptsache, die Handlung kommt nicht zu kurz", seufzt sie. Sekunden bevor die Enterprise in die unendlichen Weiten des Alls aufbricht, macht sich eine "Wenn das mal gut geht"-Stimmung breit.

"Viel Spaß", flüstert der Morgenpost-Schreiber, als die Lichter gedimmt werden. "Danke, bis dann in zwei Stunden", antwortet Franke ganz leise. Und das ist durchaus ernst gemeint, während des gesamten Films spricht er kein Wort. Nur einmal entfährt Franke ein "Ohhh!", an einer Stelle im Film, die anscheinend nur Science-Fiction-Jünger als Schlüsselszene ausmachen können (es geht um ein Schwarzes Loch im Innern eines Planeten). Alle drei verharren wie angewachsen auf ihren Sitzen, wenden den Blick keine Millisekunde vom Geschehen auf der Leinwand. Die Reaktionen auf die bewegten Bilder sind subtil und nur schwer auszumachen. Auffällig ist allein deren Geschlechtsspezifik: Während Mike Franke seine gefalteten Hände nur bei Kampfsequenzen vors Gesicht hebt, fangen Beate Thiemanns Hände bei den Liebesszenen an, unruhig zu werden.

Ein Romulaner ist kein Vulkanier

Nach dem Film herrscht große Erleichterung. Regisseur J. J. Abrams, ein "Star Trek"-Neuling, habe seine Sache gut gemacht. Die Story sei spannend, die Protagonisten ausdrucksstark und die Technik beeindruckend, lautet die einstimmige Fan-Expertise. Beim anschließenden Gespräch fällt es den Trekkies sichtlich schwer, nicht sogleich mit dem Fachsimpeln anzufangen. Man gibt sich aber große Mühe, auch den nicht wissenden Reporter teilhaben zu lassen, erklärt ihm geduldig, dass Spock nicht zur Mannschaft von Captain Picard gehöre und dass man unbedingt zwischen Romulanern und Vulkaniern unterscheiden müsse.

Viel wichtiger als die Details, auch da ist man sich einig, sei aber die Botschaft von "Star Trek". Da ginge es um Offenheit dem anderen gegenüber, sei es nun Hautfarbe, Religion oder Sprache. Auf der Kommandobrücke der ersten "Enterprise" befanden sich nicht zufällig Menschen aus allen Teilen der Welt sowie der spitzohrige Außerirdische Spock. Noch augenscheinlicher dürfte Mitte der 1960er-Jahre allerdings das russische Crewmitglied Pavel Chekov für ein friedvolles Zusammenleben auf dem Blauen Planeten geworben haben. Es ist diese Botschaft, eine positive Imagination der Zukunft, die Franke und unzählige andere Erdlinge zu Trekkies werden ließ.

Trekkies sind Freunde

Dass sich die bei "Star Trek" propagierte Unvoreingenommenheit durchaus auch im Alltag widerspiegelt, davon berichtet Tanger. Weil die Lingua franca der Trekkies Englisch sei, habe sie die Sprache gelernt. Schließlich wollte sie sich bei den internationalen Fan-Treffen, den sogenannten Conventions, mit Gleichgesinnten austauschen. Auf einer Zusammenkunft dieser Art haben sich die drei Berliner vor Jahren kennengelernt. "Es fällt einem einfach leicht, dort auf Leute zuzugehen", erklärt Franke. Er habe die meisten seiner Freundschaften auf diese Weise geschlossen.

Wenn Franke von "der Botschaft" spricht, stützt er seine Ellbogen auf die Tischplatte und beugt sich ganz dicht über das Tonbandgerät. Bei der Technik des 21. Jahrhunderts wisse man eben nie so recht. Dann guckt sich Franke, der als Qualitätsmanager arbeitet, das Gerät mit der kleinen Kassette noch einmal genauer an: wenn es denn aus dem 21. Jahrhundert stammt. Überhaupt scheint die Technik der limitierende Faktor zu sein. Inzwischen zaubern die Hollywood-Computer zwar ein beeindruckendes fiktives Universum, in dem man mit Überlichtgeschwindigkeit reisen kann, doch sei an den dafür notwendigen Warp-Antrieb in der Realität noch immer nicht zu denken. Wenn die Nasa-Ingenieure nur schon etwas weiter wären, sinniert Thiemann. "Als ich geboren wurde, sind die Amerikaner auf dem Mond gelandet", sagt sie, "seitdem ist nicht mehr viel passiert."

Uns Menschen bleibt also vorerst nur das Warten darauf, dass andere, weiter entwickelte Spezies die Erde besuchen? So einfach sei das nun auch wieder nicht, sagen die Experten. Zwar ist sich Franke "sicher", dass es in den Weiten des Alls noch anderes Leben gibt, doch wirft Tanger ein, dass das Universum groß sei und niemand wüsste, ob die Außerirdischen auch zur selben Zeit existierten wie die Menschen. "Und denk doch mal an die ganzen Paralleluniversen ...", ruft Franke dazwischen.

Aber auch ohne die Aussicht auf einen Händedruck mit einem Außerirdischen würde sich Franke sofort als Weltraumtourist versuchen. Die Reise in den Orbit müsste nur etwas erschwinglicher sein. Bis das der Fall ist, muss der Kinosessel den Schalensitz im Spaceshuttle ersetzen. Vielleicht ist es sogar besser, weil das Weltall im Film so aussieht, wie es der Mensch sich wünscht und am Ende, wie auch auf der Erde, die Guten gewinnen. Verständlich also, dass die drei Trekkies so lange im Dunkeln sitzen bleiben, bis auch der letzte Ton des Soundtracks verklungen ist, dass sie sich nicht beeilen, zurückzukehren ins 21. Jahrhundert.