"Schauen Sie, hier gibt's keine einzige Türschwelle, das fand Hermann elegant", sagt Irene Henselmann mit Stolz in der Stimme und zeigt auf den gepflegten Parkettboden, der durchgehend von der Diele ins Wohnzimmer führt. Seit dem Tod ihres Mannes Hermann Henselmann im Jahre 1995 lebt die 90 Jahre alte Innenarchitektin wieder im "Haus des Kindes" am Strausberger Platz 19. Hier zählten Irene und Hermann Henselmann mit ihren acht Kindern 1954 zu den Erstbeziehern von zwei nebeneinander liegenden Wohnungen in dem spektakulären Neubau. "Damals blickten wir direkt auf den Strausberger Platz", erinnert sich Frau Henselmann.
Heute lebt sie mit Sohn Michael (69) - "mein Schutzengel, der mich betreut" - in einer 107 Quadratmeter großen Dreizimmerwohnung, deren Flügelfenster Ausblick bis zum Fernsehturm gewähren. Auch ein Werk ihres Mannes, das der zierlichen Frau hier oben, im fünften Stock des Hochhauses, quasi zu Füßen liegt. Denn Hermann Henselmann, der heute vor 100 Jahren geboren wurde, baute als einer der renommiertesten Architekten der DDR nicht nur den Strausberger Platz als Entree für Ost-Berlins sozialistische Vorzeigemeile Stalinallee, die heutige Karl-Marx-Allee.
"Das ist einfach nur eine gute Wohnung, Emotionen kommen nicht hoch", antwortet Irene Henselmann relativ nüchtern auf die Frage, wie es sich in dem Haus lebe, das ihr Mann vor mehr als 50 Jahren entworfen hat. Ihre erste Begegnung mit "Henselmann", wie die agile und lebensfrohe alte Dame ihren verstorbenen Mann liebevoll nennt, war jedoch alles andere als nüchtern. Bei einem Ball im "Haus Vaterland" am Potsdamer Platz lernte die damals 16jährige 1931 den zehn Jahre älteren Henselmann kennen. "Wo Henselmann war, wurde immer gelacht. Der hatte Humor und das gefiel mir."
Henselmann wiederum imponierte, daß Irene schon seit ihrem zwölften Lebensjahr "mit Begeisterung Architekturzeitschriften las und sich mit ihm kompetent unterhalten konnte". Und so bildeten die beiden bald ein gutes Team. "Ich bekam Küsse und Kritik" schildert Irene Henselmann ihre Lehrjahre bei Henselmann, der ihr das Handwerk der Architektur näherbrachte und ihr auch persönlich näherkam. 1934 heirateten sie, ein Jahr später wurde Sohn Michael geboren - das erste von acht Kindern, die Irene Henselmann in 13 Jahren auf die Welt brachte. Was die sie jedoch nicht hinderte, als Innenarchitektin zu arbeiten und über Architektur zu schreiben. Die Familie und die Freunde, darunter der Architekt Egon Eiermann, die Künstlerin Käthe Kollwitz, die Schriftstellerin Brigitte Reimann und der Autor Erich Kästner, waren auch Mittelpunkt in Henselmanns Leben. Neben seiner Architektur.
"Bei uns war immer Leben in der Bude", schwärmt Irene Henselmann von den anregenden Begegnungen mit Intellektuellen und Künstlern. Dennoch: "Bauen war für Hermann die Hauptsache", sagt Irene Henselmann. Daß ihrem Mann Opportunismus vorgeworfen wurde, weil er beispielsweise seine für Ulbrichts sozialistisches Aufbauprogramm zu modern geratenen Entwürfe für den Strausberger Platz überarbeiten mußte, läßt Irene Henselmann so nicht stehen. "Wenn sie Scheiße wollen, baue ich sie ihnen immer noch besser als andere", zitiert die Witwe ihren Mann und macht deutlich, wie Henselmann letztlich doch viele seiner Ideen durchsetzte.
"Er hat denen im Politbüro einfach erzählt, daß sich seine Küchenentwürfe an den russischen Küchen orientieren, was gar nicht stimmte. Aber so konnte er seine geräumigen Wohnküchen realisieren", schildert Irene Henselmann das, was ihr Mann einmal als "Hakenschlagen" bezeichnet hat.
Es sei Unsinn, "daß Henselmann Gebäude wie die Russen gebaut habe. Er hat sich auf Schinkel bezogen und hochmoderne Entwürfe vorgelegt", blickt Frau Henselmann auf die Arbeit ihres Mannes zurück, der Architekturgeschichte geschrieben hat.

