Die Rache der Staatssicherheit

Der Versuch, aus der DDR zu fliehen, kostete 86 Menschen an der Berliner Mauer das Leben. Der MDR zeigt heute eine Dokumentation über den Grenzsoldaten B., der auf seiner Flucht den 24-jährigen Ulrich Steinhauer erschoss.

Am 4. November 1980 wurde der Grenzsoldat Ulrich Steinhauer von einem DDR-Grenzposten beim gemeinsamen Wachgang im Todesstreifen nahe Schönwalde erschossen. Der Täter zielte auf den Rücken des 24-Jährigen, kletterte mit Hilfe eines Fahrrads über die Mauer nach West-Berlin und ließ den Sterbenden zurück. Ob dieser ihn an der Flucht hindern wollte, oder der andere einfach so feuerte, ist bis heute nicht geklärt. "Man hat uns nie gesagt, was passiert ist", sagt Steinhauers Schwester Ilona Jahnke heute. "Nur, dass er von einem Kameraden von hinten erschossen wurde." Als man Steinhauer fand, lag er auf dem Bauch. Er wurde von fünf Kugeln getroffen. Darunter war ein tödlicher Herzschuss. Steinhauer wurde nicht älter als 24 Jahre - aber dafür ein Held der DDR, für Propagandazwecke missbraucht, weil er von einem "Landesverräter" erschossen wurde.

Nach mehr als 23 Jahren wird nun über das schicksalhafte Ende des Grenzsoldaten und die Verfolgung des republikflüchtigen Todesschützen durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) im Fernsehen berichtet: Regisseur Dirk Simon (36), der in Ketzin in der DDR aufwuchs und selbst 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, über Ungarn nach Österreich floh, hat den Fall recherchiert und einen 45-minütigen Dokumentarfilm produziert. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) zeigt den Streifen heute um 22.05 Uhr. Titel: "Der Fall B. und die Rachepläne der Stasi".

Insbesondere die "Zersetzung" durch die Staatssicherheit interessierte den MDR. "Es gab einen operativen Vorgang, mit dem das Ministerium für Staatssicherheit acht Jahre lang versucht hat, den Todesschützen noch im Westen psychisch zu zersetzen. Er ist nicht nur Täter, auch Opfer", sagt Katja Wildermuth, Redaktionsleiterin für Geschichte beim MDR. Regisseur Simon wollte noch etwas anderes darstellen: "Mir ging es auch darum, dass die Mauer nicht nur Flüchtlingen, sondern auch Grenzsoldaten das Leben gekostet hat." Die Frage, "welchen Preis sind wir bereit, für Freiheit zu zahlen?", habe ihn jahrelang beschäftigt. Seit er als junger DDR-Bürger von Ulrich Steinhauer, dem Volkshelden, und dem Todesschützen B., dem Landesverräter, erfahren hatte.

Der damals 19 Jahre alte Schütze B. wurde nach seiner Flucht im West-Teils Berlins zu sechs Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt, das Strafmaß nach einer Revision auf viereinhalb Jahre herabgesetzt. Bereits im Februar 1983 kam der Schütze aus der Haftanstalt Plötzensee wegen guter Führung wieder frei. B., mittlerweile mehrfacher Familienvater, will zu seiner Vergangenheit keine Stellung nehmen, möchte unerkannt bleiben. Auch oder gerade weil er Jahre nach den tödlichen Schüssen auf seinen Kameraden immer wieder von der Stasi terrorisiert wurde. Er schaltete einen Anwalt ein, der verhindern soll, dass sein Mandant namentlich mit dem Fall in Verbindung gebracht wird.

Mag sein, dass B. auch heute noch Angst hat. Bei den Plänen zu seiner "Zersetzung" zeigte sich die Stasi recht grausam. "Sie schickten ihm eine Postkarte mit Fensterkreuz und Schlinge darauf. "Dich würde keiner abschneiden', stand darunter", nennt Dirk Simon ein Beispiel für den langen Arm der Stasi. Hintergrund: Als 16-Jähriger hatte B. seinen Vater gefunden, der sich mit einem Seil erhängt hatte. Simon machte über die Birthler-Behörde auch einen MfS-Offizier ausfindig, der über B.s Zersetzung berichtet. Der Psychoterror reichte von anonymen Anrufen über das Zusenden von Horrorspielzeug und manipulierten Zeitungsartikeln der "Westpresse", in denen der Name des "Mörders" genannt wurde.

Aber auch die Schwester des erschossenen Grenzsoldaten Ulrich Steinhauer berichtet im Film von dem Schrecken, den die Familie nach dem Tod des Sohnes und Bruders in der DDR hinnehmen musste. "Man hat ihn uns ein zweites Mal genommen, als er zum Helden stilisiert wurde", sagt Ilona Jahnke, die heute im ehemals gemeinsamen Elternhaus in Behrenshagen bei Ribnitz-Damgarten wohnt. Dreimal im Jahr habe es offizielle Kranzniederlegungen in Damgarten gegeben: am 13. März, seinem Geburtstag, am 4. November, dem Todestag und am 1. Dezember, dem Tag der Grenztruppen. Es gab das Ulrich-Steinhauer-Gedenkboxturnier, die Ulrich-Steinhauer-Schule in Ribnitz und das "Traditionszimmer" mit persönlichen Gegenständen des Toten im Grenzregiment 34. Die Familie war außen vor, Ulrich Steinhauer gehörte der DDR. "Nach der Wende war dann mein Bruder kein Thema mehr", sagt Ilona Jahnke. Der Schütze habe für seine Freiheit Ulrichs Tod in Kauf genommen.