Museen

Gedenkstätte erinnert an stille Retter der Juden

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Sven Felix Kellerhoff

Foto: ARD Degeto/SWR/teamWorx/Stephan / DEGETO FILM

In Berlin ist eine weitere Stätte des Gedenkens an die Zivilcourage von Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus eröffnet worden. Das Museum Stille Helden, für Menschen also, die Juden vor dem Holocaust gerettet haben. Hans Rosenthal, Michael Degen oder Inge Deutschkron konnten so überleben.

Vier Quadratmeter sind nicht viel Platz. Aber für Hans Rosenthal bedeuten sie sein Leben, seine Zukunft, alles. Am 27. März 1943, eine Woche vor seinem 18. Geburtstag, flüchtet sich der Berliner in ein vier Quadratmeter kleines Versteck. Es liegt in einer Laube in der Kolonie "Dreieinigkeit" in Lichtenberg, die einer Bekannten seiner verstorbenen Mutter gehört, Frau Jauch.

Fünfmal ist Hans, der den Nazis als "Mischling ersten Grades" gilt und in den sicheren Tod nach Osten deportiert werden soll, im letzten Moment der Verhaftung entgangen. Doch nun, Ende März 1943, weiß er nicht mehr weiter. Seine letzte Hoffnung ist Frau Jauch.

"Sie sagte sofort: ,Du bleibst hier, ich habe hier ein Zimmer mit einer Tapetentür, das ist gar nicht zu erkennen von außen.' Und diese Frau Jauch hat dann mit mir alles geteilt", erinnert sich Hans später. Fast anderthalb Jahre lebt er in dem Versteck. Doch im Juli 1944 wird Frau Jauch krank, muss ins Krankenhaus, stirbt. Der junge Mann ist wieder allein: "Nach zwei Tagen habe ich mich dann einer Nachbarin anvertraut, von der ich wusste, dass sie anti-nazistisch eingestellt war." Frau Schönebeck sagt spontan zu, Hans Rosenthal weiter zu verstecken – bis zum Ende des Dritten Reiches und der Judenverfolgung.

Die Lichtenberger Laubenpieperinnen Frau Jauch und Frau Schönebeck waren nur zwei von Tausenden "Stillen Helden". So nennt man jene "Arier", die höchste Risiken auf sich nahmen, um verfolgte Juden vor den Häschern der Gestapo zu schützen. Heute wird direkt am Hackeschen Markt die erste Gedenkstätte eröffnet, die Menschen wie diesen beiden Frauen gewidmet ist. Obwohl sie damit ihre eigene Existenz aufs Spiel setzten, halfen diese mutigen Menschen – oft völlig selbstlos.

Der Ort für die Gedenkstätte ist gut gewählt, denn im gleichen Haus lag einst die Bürstenwerkstatt von Otto Weidt, einem besonders engagierten "Stillen Helden". Weidt beschäftigte im Hofgebäude der Rosenthaler Straße 39 vorwiegend jüdische Blinde – offiziell, weil sie billige Arbeitskräfte waren; in Wirklichkeit, weil Weidt sie so eine gewisse Zeit vor dem Rassenwahn schützen konnte.

Gute Beziehungen zum Arbeitsamt und zur Wehrmacht halfen dabei, auch bestach er Gestapo-Beamte aus eigenen Mitteln. Weidt besorgte falsche Papiere und versteckte monatelang die jüdische Familie Horn im letzten, fensterlosen Zimmer seiner Firmenetage – bis ein Spitzel sie verriet. Die Horns wurden in Auschwitz ermordet. Vier anderen Juden aber, darunter die später als Schriftstellerin berühmt gewordenen Inge Deutschkron, rettet Weidt das Leben. An ihn erinnert schon ein Museum; jetzt kommt die Gedenkstätte für andere "Stille Helden" hinzu.

Als der Deportationsdruck der Nazis 1942 immer größer wurde, versuchten verzweifelte Juden in der Reichshauptstadt unterzutauchen. Sie mussten sich in Kellerverschlägen, auf Dachböden oder wie Hans Rosenthal in Gartenlauben verbergen. Stets lebten sie in der Gefahr, verraten oder bei Bombenangriffen getötet zu werden. Besonders schwierig war die Versorgung mit Lebensmitteln, denn sie wurden nur gegen Lebensmittelkarten ausgegeben. Illegale Juden hatten keine solchen Karten, waren also auf Hilfe von "Ariern" angewiesen.

Unter den Helfern waren viele Hitler-Gegner, etwa Ruth Andreas-Friedrich, die unter dem Kennwort "Onkel Emil" eine kleine Organisation aufbaute, die untergetauchte Juden unterstützte. Sowohl katholische als auch evangelische, der Bekennenden Kirche zugewandte Christen halfen; der aus seinem Beruf vertriebene jüdische Börsenmakler Siegmund Weltlinger zum Beispiel schlüpfte bei frommen Christen in Pankow unter.

Auch frühere Anhänger der Arbeiterbewegung unterstützten selbstlos verfolgte Juden; mit ihrer Hilfe konnten sich der später als Schauspieler berühmt gewordene Michael Degen und seine Mutter mehr als zwei Jahre verstecken. Der Sozialdemokrat Wilhelm Daene rettete als Meister der Teves-Werke in Wittenau mit seiner Frau Else jüdische Frauen vor der Deportation. Der Druckereibesitzer Theodor Görner unterstützte mehr als 80 Juden, auch mit gefälschten Papieren, die für untergetauchte Menschen überlebenswichtig waren.

Elisabeth Abegg half rund 80 verfolgten Juden, obwohl im selben Haus in Tempelhof ein Amtswalter der NSDAP und zwei überzeugte Nationalsozialistinnen wohnten.

Nicht nur politische Gegner der Nazis halfen, auch "ganz normale", anständig gebliebene Berliner nahmen das Risiko auf sich. Der Hauswart Otto Jogmin etwa versteckte in der Wielandstraße 18 zahlreiche Menschen. Das Berliner Ehepaar Krakauer überlebte 27 Monate in der Illegalität; nach 1945 stellte Max Krakauer eine Liste ihrer Helfer zusammen, die insgesamt 66 Adressen umfasste. Ein Fabrikbesitzer überließ seine Junggesellenwohnung am Nollendorfplatz untergetauchten Juden und schlief in seiner Firma; außerdem bestach er die Portiersfrau, damit sie still hielt. Die Zwei-Zimmer-Wohnung der Gräfin Maria von Maltzan in der Detmolder Straße 11 in Wilmersdorf glich zeitweise einem Asyl, in dem jüdische Illegale und Deserteure Unterschlupf fanden.

Niemand weiß, wie viele "Stille Helden" es in Berlin insgesamt gegeben hat; ein Projekt des Zentrums für Antisemitismusforschung ergab, dass es sich um einige wenige Tausend gehandelt haben dürfte. Dank ihres Einsatzes konnten in Berlin 1400 bis 1700 Juden untergetaucht überleben. Doch mindestens doppelt so viele versteckte Juden wurden von Spitzeln entdeckt. Die neue Gedenkstätte erinnert an geglückte und auch an gescheiterte Rettungsversuche und dokumentiert damit ein viel zu wenig bekanntes Kapitel der Berliner Geschichte.

Gedenkstätte Stille Helden, Rosenthaler Str. 39, Mitte. Zugänglich ab Dienstag, 28. Oktober, tgl. 10-20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Die ARD zeigt darüber hinaus am Freitag, 23.30 Uhr, den Film "Nicht alle waren Mörder" mit Nadja Uhl in der Hauptrolle. Der Film entstand nach den Erinnerungen von Michael Degen.