Jüdisches Museum

Wie in der NS-Zeit Ärzte zu Mördern wurden

| Lesedauer: 4 Minuten
Katharina Höller

Foto: dpa / DPA

Das Jüdische Museum Berlin zeigt in einer Sonderausstellung die Folgen der NS-Medizin und der vermeintlichen Euthanasie. Entgegen dem Hippokratischen Eid, den jeder Mediziner schwört, trugen Ärzte im Dritten Reich maßgeblich bei zum Mord geistig und körperlich Kranker.

Zittern kann tödlich sein. Martin Bader ist Schumachermeister und leidet, als Folge einer so genannten Kopfgrippe, an stetigem Zittern der linken Hand. Weil die Krankheit seine Arbeit einschränkt, geht der schwäbische Handwerker zum Arzt, der ihn im September 1938 in die Heilanstalt Schlussenried überweist. Das wird Baders Schicksal besiegeln: Er fällt dem Massenmord an Kranken der Nazis zum Opfer.

Im Jüdischen Museum ist jetzt die Ausstellung „Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus“ zu sehen. Erarbeitet wurde sie im Holocaust-Museum in Washington, in Deutschland war sie erstmals 2006 in Dresden zu sehen. Für Berlin ist die Ausstellung erweitert worden – etwa um den Fall Martin Bader.

Vorarbeit für den Holocaust

Entgegen dem Hippokratischen Eid, den jeder Mediziner schwört, trugen Ärzte im Dritten Reich maßgeblich bei zum Mord geistig und körperlich Kranker. Angeblich, weil solche Menschen den „Volkskörper“ und die „Volksgesundheit“ schwächten. Mit pseudowissenschaftlichen Methoden setzten viele Mediziner das beschönigend „Euthanasie“ genannte Tötungsprogramm um. Damit leisteten sie wesentliche Vorarbeit für den Holocaust. „Die Kerningredienzen des Völkermordes an den Juden sind bei der Euthanasie bereits vorhanden“, sagt Margret Kampmeyer, Berliner Kuratorin der Ausstellung: „Giftgas, geschultes Personal, die Art der Geheimhaltung – all dies mussten die Nationalsozialisten nur noch nach Osten übertragen. Dafür wollen wir das Publikum sensibilisieren.“

Chronologisch beschreibt die Ausstellung, wie die Nazis die „Förderung erbgesunden Nachwuchses“ betrieben und die Ausmerzung vermeintlich „lebensunwerten Lebens“. Auch international hingen Wissenschaftler der Vorstellung von „Rassenhygiene“ an. Schon um die Wende zum 20. Jahrhundert gingen Anthropologen in vielen Ländern davon aus, dass die Menschheit aus Rassen von unterschiedlichem „Wert“ bestünde. Zudem war kaum umstritten, dass chronisch Kranke, körperlich oder geistig Behinderte kein Lebensrecht hätten – nur die Gesunden sollten Nachwuchs haben dürfen. Diese Ansicht verstärkte sich nach dem Ersten Weltkrieg, auf dessen Schlachtfeldern vor allem „gute“ Männer gestorben waren. Angst vor „degeneriertem Nachwuchs“ griff um sich.

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler allerdings wurde Rassenhygiene zur Grundlage der Gesundheitspolitik. „Volksgenosse, das ist auch dein Geld“ steht auf einem zeitgenössischen Plakat in der Ausstellung, das einen Behinderten zeigt, der betreut wird: „60.000 Reichsmark kostet dieser Erbkranke die Volksgemeinschaft auf Lebenszeit.“ Finanzielle Argumente sollten Stimmung machen gegen körperlich und geistig Kranke. Sie „strapazierten“ die „Volksgesundheit“ zu sehr.

Ein Raum der Schau behandelt die Täter

Zum Teil erschreckend bereitwillig setzten Ärzte und auch Pfleger die Ausgrenzung ihrer Patienten um. Was sie dazu brachte, kann auch Margret Kampmeyer nur ansatzweise erklären: „Die Forschung erhielt erhebliche Fördergelder. Vielleicht war die Mittäterschaft der Mediziner auch in ihrem wissenschaftlichen Ehrgeiz begründet, der dadurch noch geschürt wurde.“

Ein Raum der Schau behandelt die Täter – und wie die meisten von ihnen ungestraft davon kamen. Manche tauchten jahrzehntelang unter, wie Josef Mengele. Noch bedrückender aber sind die Biografien jener Euthanasie-Täter, die ihre Karrieren nach 1945 praktisch bruchlos fortsetzen konnten. Der Schumachermeister Martin Bader kam nicht so gut davon. Ein gewisser Herr Götz schrieb an Frau Bader, man habe ihn von Schlussenried in eine andere Anstalt verlegt, deren Name ihm nicht bekannt sei. Am 28. Juni 1940 folgte ein weiterer Brief mit der Nachricht über Baders Tod. Der 39-Jährige sei an einem „unerwarteten Hirnschlag“ gestorben. In Wirklichkeit jedoch wurde er in der Gaskammer der Euthanasieanstalt Grafeneck im Landkreis Reutlingen ermordet.

Jüdisches Museum, Berlin-Kreuzberg. Bis 19. Juli, täglich von 10 bis 20 Uhr, montags bis 22 Uhr. Erwachsene zahlen vier Euro Eintritt, ermäßigt kosten die Karten für die Sonderausstellung zwei Euro. Begleitbuch 16,90 Euro