"Wir liegen im Zeitplan"

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Im Interview der Berliner Morgenpost skizziert Hans-Erhard Haverkampf, der neue Geschäftsführer der Stiftung Holocaust-Mahnmal, seine Aufgaben. Das Gespräch führte Morgenpost-Redakteurin Katrin Schoelkopf.

Berliner Morgenpost: Herr Haverkamp, Sie sind seit 14 Tagen neuer Geschäftsführer der Stiftung Denkmal. Ein Unterfangen, das erstmalig in Deutschland dem Gedenken der Holocaust-Opfer mit einem zentralen Gedenkort gerecht werden will. Reizt Sie die Aufgabe oder sehen Sie ihr eher mit gemischten Gefühlen entgegen?

Hans-Erhard Haverkampf: Ich habe in den vergangenen sieben Jahren nur Aufgaben übernommen, von denen mir Bekannte abgeraten haben. Ich suche diese Aufgaben nicht aus einem latenten Selbstmordbedürfnis heraus, sondern weil es mir Spaß macht, diese Aufgaben zu lösen.

Ihre Vorgängerin Sybille Quack hat sich nach vier Jahren verabschiedet und hinterlässt nach ihren Worten nur noch technische und organisatorische Aufgaben. Nach der anfänglichen Kärrnerarbeit also nun ein vergleichsweise einfacher Job?

Frau Quack hat mit der Erarbeitung der Ausstellungskonzeption für den Ort der Information Fantastisches geleistet, das heißt aber nicht, dass die Kärrnerarbeit getan ist. Es werden mehr als 200 Orte der Nazi-Verbrechen an Juden dargestellt und Schicksale jüdischer Familien aufgezeigt. Wir gehen jetzt in die detaillierte Recherche und müssen die Quellenlage genau überprüfen. Eine enorme Fleißarbeit über ganz Europa hinweg.

Sind Sie da nicht als Wirtschaftswissenschaftler und Projektleiter großer Bauvorhaben überfordert?

Ich war 14 Jahre Dezernent in Frankfurt/Main und auch Interims-Intendant der Frankfurter Alten Oper. Da gab es viele Berührungspunkte mit der Kultur und großstädtischem jüdischen Leben. Wenn man gewöhnt ist, politisch zu denken, erschließen sich einem auch historische Prozesse manchmal fast von selbst. Überdies stehen mir in der Stiftung vier hoch qualifizierte Historiker zur Seite.

Sie waren Projektkoordinator der Bundesbaugesellschaft und unter anderem zuständig für das Kanzleramt. Die Gesellschaft wurde schon einmal Bundes-Bummel-Gesellschaft genannt. Werden Sie den Zeit- und Kostenrahmen für das Mahnmal - Fertigstellung Mai 2005, Kosten 27,6 Millionen Euro - einhalten?

Da muss ich die Bundesbaugesellschaft in Schutz nehmen. Bis auf das Paul-Löbe-Haus wurden alle Bauten termingerecht fertig. Zum Mahnmal: Wir sind im Zeitplan. Der Bau des Stelenfeldes hat Routinecharakter angenommen. Da wir jetzt von der Rohbau- in die Ausbauphase kommen, wird jetzt ein Mitarbeiter Eisenmans permanent in Berlin sein, um Abspracheprobleme auf Grund Eisenmans Sitz in New York auszuschließen.

Alles optimal?

Nein, für den Baufortschritt müssen Senat, Architekt, Stiftung und die Firmen besser zusammenspielen.

Und die Kosten?

Hierzu möchte ich mich erst definitiv äußern, wenn die Kostenanalyse vorliegt. Ich habe eine neue Kostensteuerungsmethode eingeführt. Vergebene Aufträge können nicht als Kostengarant angesehen werden, hier müssen auch die Nachträge berücksichtigt werden.

In der Degussa-Debatte wurde Ihrer Vorgängerin mangelndes Kommunikationsvermögen vorgeworfen. Das Kuratorium bemängelte, Frau Quack habe es in der brisanten Frage der Degussa-Beteiligung nicht rechtzeitig informiert. Wie wollen Sie solchen Vorwürfen vorbeugen?

Sollte die Beteiligung von Firmen, die in ihrer Vergangenheit an der Vernichtungsmaschinerie der Nazis beteiligt waren, zur Diskussion stehen, werden wir sofort die Hintergründe recherchieren, Vorstand und Kuratorium frühzeitig davon in Kenntnis setzen und die Diskussion anregen. Das ist meine Aufgabe.

Haben Sie bereits Kontakt mit dem Architekten Peter Eisenman aufgenommen?

Ja, ausgerechnet in der Sitzung, als Eisenman die Bemerkung seines Zahnarztes über das Degussa-Zahngold in Eisenmans Zähnen machte.

Und wie beurteilen sie Eisenmans Witzigkeit?

Die Bemerkung war völlig unangebracht. Eisenman muss sich entschuldigen und verstehen, dass deutsche Juden diesen Witz nicht ironisch begreifen. Eisenman hat meiner Ansicht aber nicht den Holocaust lächerlich machen wollen. Ihm ist ein Lapsus unterlaufen. Er hat es nicht geschafft, New Yorker und Berliner Bewusstsein auseinander zu halten. Dies ist aber kein Grund, ihn von seiner Aufgabe als Architekt des Holocaust-Mahnmals zu entbinden.

Trotz der zehnjährigen Debatte und des Bundestagsbeschlusses wird der Bau des Mahnmals immer wieder infrage gestellt. Wird damit das Projekt nicht ad absurdum geführt?

Nein, ich halte diese Debatten in jedem Fall für produktiv, denn sie zeigen Perspektiven für die Zukunft auf und schärfen das politische Bewusstsein. Das Mahnmal wird gleichwohl fertig gestellt.

Und welche Bedeutung hat das Mahnmal selbst?

Als Katalysator für das europäische Bewusstsein über den Holocaust ist es unglaublich wichtig. Ich begreife es als Lernfeld, das das Bewusstsein für totalitäre Strukturen schärft.